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Afghanistan: „Unabhängige Hilfe ist vielfach möglich“

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Von: Pitt von Bebenburg

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Interview mit Ralf Südhoff, Gründungsdirektor des Centre for Humanitarian Action (CHA), zur Lage in Afghanistan.
Interview mit Ralf Südhoff, Gründungsdirektor des Centre for Humanitarian Action (CHA), zur Lage in Afghanistan. © Christoph Boeckheler

Ralf Südhoff, Direktor des Thinktanks „Centre for Humanitarian Action“, spricht im FR-Interview über die Versorgung der Menschen in Afghanistan und Wege, die Bevölkerung zu unterstützen, ohne dem Taliban-Regime in die Hände zu spielen.

Herr Südhoff, nach UN-Angaben sind in diesem Winter 24 Millionen Menschen – und damit mehr als die Hälfte der Bevölkerung – in Afghanistan auf humanitäre Hilfe angewiesen. Wie kann ihnen geholfen werden, ohne gleichzeitig das Regime der Taliban zu stützen?

Ich halte es für ganz wichtig, dass die internationale Staatengemeinschaft bereit ist, humanitäre Nothilfe zu leisten. Das sollte nicht vermengt werden mit Fragen der Entwicklungshilfe, mit langfristiger Hilfe und Wiederaufbau. Es gibt zwischen diesen Feldern einen prinzipiellen Unterschied, der zu oft in solchen Debatten vergessen wird. Humanitäre Nothilfe verfolgt einen neutralen Ansatz, um schlichtweg Leben zu retten, ohne Ansehen der Person und zu welcher Konfliktpartei sie gehört. Helfende Staaten wie Deutschland müssen dabei den gleichen Prinzipien folgen wie ein Arzt, nämlich Menschen in Not zu helfen.

Aber der Arzt kann den Patienten oder die Patientin direkt sehen. Bei der Nothilfe gibt es das Problem, dass das Geld über Kanäle zu den Betroffenen fließen muss. Ist es überhaupt möglich, das unter Umgehung der Regierung zu tun, im Fall Afghanistans also der Taliban?

Man muss sicherstellen, dass man über neutrale, unabhängige Organisation geht, die Hilfe leisten. Das ist in der Nothilfe durchaus üblich, während man in der Entwicklungshilfe immer eine Vereinbarung mit der jeweiligen Regierung braucht. Viele Organisationen wie Ärzte ohne Grenzen oder die Caritas haben es schon vor dem Fall Kabuls geschafft, in Regionen Afghanistans unabhängige Hilfe zu leisten, obwohl dort die Taliban die Macht hatten.

Gelingt das, ohne dass Geld in die Taschen der Taliban fließt?

Das ist eine Sache guter Verhandlungen. Hilfsorganisationen müssen in solchen Krisen sehr standhaft sein und durchsetzen, dass sie eine unabhängige Bedarfsanalyse machen können, und identifizieren, wer die Hilfe am nötigsten braucht. Sie müssen auch dafür sorgen, dass sie selbst monitoren können, welche Hilfe ankommt. Das gelingt in manchen Krisen schlechter, etwa in Syrien, wo das Regime wegen der Unterstützung aus Russland sicher im Sattel sitzt. In Afghanistan dämmert den Taliban immer mehr, dass sie ohne internationale Hilfe gar keine Chance haben. 75 Prozent des öffentlichen Budgets in Afghanistan war mit Hilfsgeldern aus dem Westen finanziert. Das schafft Abhängigkeit in dem Fall im positiven Sinn, weil die Taliban wissen, dass sie die Situation nicht alleine meistern können.

Zur Person:

Ralf Südhoff, 53, ist Gründungsdirektor des Centre for Humanitarian Action (CHA) mit Sitz in Berlin. Das CHA ist ein 2018 gegründeter Thinktank, der Politik und Strategien humanitärer Hilfe analysiert und von nichtstaatlichen Hilfsorganisationen gegründet wurde.

Der Politik- und Wirtschaftswissenschaftler Südhoff arbeitete vorher als Journalist sowie für das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen, für die Weltgesundheitsorganisation und war im Vorstand der Hilfsorganisation Oxfam. (pit)

Sind sie denn zu politischen Zugeständnissen bereit?

Unabhängige Hilfe ist vielfach möglich. Aber man darf sich die Situation auch nicht schönreden. Die Taliban untersagen es zum Beispiel vielfach, dass Frauen in den Hilfsorganisationen in ihre bisherigen Jobs zurückkehren, auch dort, wo Frauen viel besser Hilfe leisten können, weil sie sich an Frauen richtet. Da gibt es schmerzhafte Zielkonflikte zwischen elementaren Menschenrechten und Hilfe zum Überleben. Die Hilfsorganisationen stehen vor der Herausforderung, im Zweifel auch mal nein zu sagen, selbst wenn das heißt, dass sie Menschen zeitweise im Stich lassen müssen.

Es gibt inzwischen direkte Gespräche mit den Taliban, an denen die USA, die EU und einzelne Länder beteiligt sind, auch Deutschland. Was bewirken sie?

Diese Gespräche sind extrem wichtig. Oft wird, wie etwa im Fall Syriens, verhandelt nach dem Prinzip „More for more“. Das heißt: Wir bieten euch stufenweise ein Mehr an Hilfe an, wenn ihr bereit seid, auf unsere Kompromisslinien einzugehen. In Afghanistan ist die Wirtschaft kollabiert, 97 Prozent der Menschen drohen in Armut abzurutschen. Man kann sagen: Wir sind bereit, auch mehr als Nothilfe zu leisten, machen dies aber von politischen Bedingungen abhängig, etwa dem Gewährleisten von Frauenrechten, dem Schutz von Minderheiten und einem Einfluss auf die Programme, die finanziert werden. Ein Zielkonflikt bleibt aber: Aus Sicht der Bevölkerung wird oft unklar bleiben, wer die Hilfe finanziert hat. Wenn es den Menschen wieder besser geht, kann das in Afghanistan den Taliban gutgeschrieben werden, so wie es in Syrien teils dem Assad-Regime zugutegehalten wird, selbst wenn die Hilfe von internationalen Organisationen kommt.

Children stand in front their house in Asadullahi area, Shinwari district, Parwan Province on January 25, 2022.
Children stand in front their house in Asadullahi area, Shinwari district, Parwan Province on January 25, 2022. © Wakil Kohsar/AFP

Wie weit beeinflussen Sanktionen die humanitäre Hilfe?

Es gibt menschenrechtlich gut begründete Sanktionen, die aber ein Problem für die humanitären Hilfsorganisationen darstellen. Dadurch, dass sich Banken beispielsweise strikt an finanzielle Sanktionen halten, wird Hilfe im Grunde unmöglich, weil die Organisationen keine Gehälter in Länder wie Syrien oder Afghanistan schicken können, geschweige denn Hilfsprogramme finanzieren.

Wie lässt sich das auflösen?

Der UN-Sicherheitsrat hat zum Glück im Dezember eine Ausnahme für humanitäre Hilfe in Afghanistan beschlossen. Oft werden solche Beschlüsse aber nicht umgesetzt, weil Staaten wie Frankreich, Großbritannien, die Niederlande oder die USA das in transparente nationale Verordnungen übertragen müssen. Das findet vielfach nicht statt. Durch diese Sanktionspolitik entsteht eine Grauzone, die dazu führt, dass viele Organisationen nicht mehr bereit sind, in Ländern wie Syrien oder Afghanistan Hilfe zu leisten. Hier muss Klarheit für die Helfenden geschaffen werden.

Interview: Pitt von Bebenburg

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