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Taliban-Machtübernahme: Wie Trump und Biden Afghanistan im Stich ließen

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Von: Foreign Policy

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Wer trägt die Verantwortung für den Fall Afghanistans? Ein neuer US-Bericht kommt zu einem erschreckendem Ergebnis.

Kabul - Der katastrophale Zusammenbruch der afghanischen Republik und die anschließende Übernahme des Landes durch eine Bande von Terroristen, Drogenhändlern und Frauenhassern waren unmittelbare Folgen der Entscheidungen aufeinanderfolgender US-Präsidenten. Sie entschieden sich, direkt mit den Taliban zu verhandeln und einseitige Versprechungen über den Abzug der für das Überleben des Staates unerlässlichen Streitkräfte einzuhalten. Zu diesem verheerenden Ergebnis kommt der Special Inspector General for Afghanistan Reconstruction (SIGAR), das wichtigste Aufsichtsgremium der US-Regierung für Afghanistan, in einem Bericht an zwei Kongressausschüsse.

Das bilaterale Abkommen des ehemaligen Präsidenten Donald Trump mit den Taliban und die Entscheidung von Präsident Joe Biden, sich daran zu halten, führten zum Zusammenbruch der afghanischen Sicherheitskräfte. Ihr Kollaps veranlasste ranghohe Mitglieder der afghanischen Regierung, darunter Präsident Ashraf Ghani und sein nationaler Sicherheitsberater Hamdullah Mohib, aus dem Land zu fliehen, als die Taliban am 15. August 2021 in Kabul einmarschierten, um die Zerschlagung zu Ende zu bringen und sich zum Sieger zu erklären. Nach der Eroberung Afghanistans ist es im Land zu schwersten Kriegsverbrechen gekommen: „Unglaubliches Blutvergießen durch die Taliban“.

Afghanistan: Neuer US-Bericht mit erschreckendem Ergebnis zu Trump-Abkommen mit Taliban

Der Sonder-Generalinspekteur für den Wiederaufbau Afghanistans (SIGAR) kam zu dem Schluss, dass das unzulängliche Abkommen zwischen Trump und den Taliban, das am 29. Februar 2020 unterzeichnet wurde, und Bidens Entscheidung, die Abzugsbedingungen einzuhalten, obwohl die Taliban ihre Verpflichtungen nicht einhielten, wie beispielsweise die Beendigung der Beziehungen zu Al-Qaida, die Moral der afghanischen nationalen Verteidigungs- und Sicherheitskräfte (ANDSF) zerstörte.

Die afghanische Armee, die Spezialeinheiten, die Luftwaffe und die Militärpolizei wurden zwischen 2002 und 2021 mit fast 90 Milliarden Dollar an US-Sicherheitshilfe unterstützt. Laut SIGAR verließen sich die Afghanen auf die US-Streitkräfte und vor allem auf die Luftangriffe, die der Republik ihren einzigen wirklichen Vorteil im Kampf gegen die Taliban verschafften. Trump erklärte sich damit einverstanden, nicht nur die US-Truppen abzuziehen, sondern auch die Subunternehmer, die für Hubschrauber und Kampfjets zuständig waren.

Der rasche Abzug fiel zusammen mit den niedrigen und oftmals nicht ausbezahlten Gehältern in der afghanischen Armee, der schlechten Logistik, die dazu führte, dass Lebensmittel und Munition nicht ankamen, der korrupten Führung, die Waffen und Treibstoff abschöpfte, welche oftmals in den Händen der Taliban landeten, und Ghanis Paranoia, dass das Abkommen ein Weg war, ihn zu stürzen. Das Ende war unausweichlich.

Taliban-Machtübernahme in Afghanistan: Zusammenbruch der Armee mit Abkommen begonnen

Die Ergebnisse sind Teil eines Zwischenberichts über den Zusammenbruch der afghanischen Sicherheitskräfte sowie über Schwachstellen in ihrer Entwicklung über zwei Jahrzehnte hinweg, der dem Ausschuss für Aufsicht und Reform des US-Repräsentantenhauses und dem Ausschuss für Streitkräfte vorgelegt wurde. Der vollständige Bericht soll im Laufe dieses Jahres erscheinen. Die bisherigen Schlussfolgerungen decken sich mit den Darstellungen vieler Politiker in der afghanischen Regierung, darunter auch  Hamdullah Mohib, der ehemalige nationale Sicherheitsberater Afghanistans. Mohib zufolge hat der Zusammenbruch der afghanischen Sicherheitskräfte im Februar 2020 mit dem Abkommen zwischen Trump und den Taliban begonnen.

Die Sicherheitskräfte kämpften tapfer, so weit sie konnten, und als es sich abzeichnete, dass die Schlacht verloren war, sank die Moral, und sie mussten schließlich aufgeben.

 Hamdullah Mohib, der ehemalige nationale Sicherheitsberater Afghanistans

In einer Rede vor der Oxford Union, einer Debattiergesellschaft im englischen Oxford sagte Mohib, dass der Trump-Deal und die anschließenden Gespräche mit den Aufstandsführern – von denen viele international sanktionierte Terroristen sind – die Taliban als „Regierung im Wartestellung“ beschönigt hätten. Dabei sei die von der westlichen Allianz unterstützte Regierung ausgeschlossen worden.

„Die Sicherheitskräfte kämpften tapfer, so weit sie konnten, und als es sich abzeichnete, dass die Schlacht verloren war, sank die Moral, und sie mussten schließlich aufgeben“, so Mohib. „Ich denke, wie in jedem Krieg ist es wichtig zu wissen, wer der Feind ist, und wenn diese Grenze verschwimmt, wird es für jeden Soldaten wirklich schwierig, weiterzukämpfen.“

US-Bericht: Afghanistans Armee konnte ohne Hilfe der USA nicht weiter fortbestehen

Die Regierung von Joe Biden machte die afghanische Armee für den Zusammenbruch der Republik verantwortlich. Ihr fehle, wie die Sprecherin des Weißen Hauses, Jen Psaki, sagte, „der politische Wille, zurückzuschlagen.“ Laut SIGAR konnten die afghanischen Streitkräfte nach dem plötzlichen Wegfall der US-amerikanischen Unterstützung nicht fortbestehen. Letztere hatten es ihnen 20 Jahre lang ermöglicht, einen böswilligen Aufstand abzuwehren. Ohne diese Unterstützung mussten die afghanischen Streitkräfte und die an ihrer Seite kämpfenden Bürgermilizen vor dem Vormarsch der Taliban fliehen. Einige Provinzhauptstädte wurden „mit wenigen Kämpfen oder gar kampflos erobert“, wie der US-Sondergeneralinspektor für den Wiederaufbau Afghanistans in seinem Bericht feststellte.

Ein Taliban-Kämpfer hält sein Gewehr in der Hand, während Menschen in Kabul auf die Verteilung von Lebensmittelrationen durch eine südkoreanische Hilfsorganisation warten.
Ein Taliban-Kämpfer hält sein Gewehr in der Hand, während Menschen in Kabul auf die Verteilung von Lebensmittelrationen durch eine südkoreanische Hilfsorganisation warten. © Ebrahim Noroozi/dpa

Im SIGAR-Bericht wurden sechs Faktoren ermittelt, die zum Scheitern der afghanischen Verteidigungs- und Sicherheitskräfte beigetragen haben. Angeführt wird die Liste von den Entscheidungen Donald Trumps und Joe Bidens. Es folgt der Wegfall der US-Luftunterstützung und anderer Unterstützung. Die weiteren Faktoren beinhalten Ghanis häufige Führungswechsel bei den afghanischen Sicherheitskräften und seine Ernennung von Loyalisten in Schlüsselpositionen, das Fehlen eines nationalen Sicherheitsplans, die mangelnde Tragfähigkeit der afghanischen Sicherheitskräfte aufgrund zahlreicher Todesfälle und hoher Ausfallraten sowie die Ausnutzung dieser Schwächen durch die Taliban.

US-Zugeständnisse an Taliban: Veränderte Haltung der internationalen Gemeinschaft

Die Anwesenheit der US-Truppen hatte dazu beigetragen, die Truppen der afghanischen Sicherheitskräfte davon zu überzeugen, dass Kabul weiterhin ihre Gehälter zahlen und zumindest nominell korrupte Beamte aus dem Verkehr ziehen würde. Ebenso glaubte die afghanische Elite, dass es sicher sei zu bleiben, solange die Amerikaner vor Ort waren. Dieses Vertrauen schwand schnell, als die Legitimität der Taliban zunahm. Schon bald begannen alle Akteure des Afghanistan-Konflikts, von den regionalen Regierungen über die inländischen Machthaber bis hin zu den Nachbarländern, ihre Wetten abzusichern. Einige ethnische Kriegsherren hätten direkt mit der Taliban-Führung verhandelt, so die Quellen. Taliban-Führer wurden in Moskau, Peking, Teheran und Islamabad gefeiert.

Sowohl die Zugeständnisse der USA als auch die veränderte Haltung der internationalen Gemeinschaft haben sich zunehmend nachteilig auf den afghanischen Staat ausgewirkt. Die neue US-Regierung versprach eine Kurskorrektur, die sie jedoch nicht umsetzte.

SIGAR-Bericht

Die Zugeständnisse der USA an die Taliban – einschließlich der Freilassung Tausender Taliban-Gefangener ohne Gegenleistung und ohne Rücksprache mit der Regierung in Kabul – waren das entscheidende Zünglein an der Waage, die gegen den Fortbestand der Republik ins Gewicht fielen. „Die internationale Gemeinschaft hat die Kursänderung in der US-Politik zur Kenntnis genommen und ihre Haltung entsprechend angepasst“, schreiben Ahmad Shuja Jamal, der ehemalige Generaldirektor für internationale Beziehungen im afghanischen Nationalen Sicherheitsrat, der jetzt im Exil lebt, und William Maley, Afghanistan-Experte an der Australian National University.

„Sowohl die Zugeständnisse der USA als auch die veränderte Haltung der internationalen Gemeinschaft haben sich zunehmend nachteilig auf den afghanischen Staat ausgewirkt. Die neue US-Regierung versprach eine Kurskorrektur, die sie jedoch nicht umsetzte“, so die Schlussfolgerung. Von Lynne O‘Donnell 

Lynne O‘Donnell ist Kolumnistin bei Foreign Policy und eine australische Journalistin und Autorin. Zwischen 2009 und 2017 war sie die Leiterin des Afghanistan-Büros von Agence France-Presse und Associated Press.

Dieser Artikel war zuerst am 18. Mai 2022 in englischer Sprache im Magazin „ForeignPolicy.com“ erschienen – im Zuge einer Kooperation steht er nun in Übersetzung auch den Lesern der IPPEN.MEDIA-Portale zur Verfügung. *Merkur.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

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