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News-Ticker

Afghanistan: Taliban sagen Zivilist:innen „sichere Durchfahrt“ zu ‒ Evakuierungsmaschine in Kabul gestartet

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  • Tobias Utz
    Tobias Utz
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    Yannick Wenig
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    Christian Stör

Die Lufthansa baut für die Bundesregierung eine Luftbrücke nach Taschkent auf. Die Taliban sagen Zivilist:innen derweil eine sichere Durchfahrt in Kabul zu – die Lage im News-Ticker.

  • 20 Jahre nach ihrem Sturz haben die radikalislamischen Taliban* die Macht in Afghanistan* wieder übernommen.
  • Die Opposition wirft der Bundesregierung angesichts einer chaotischer Evakuierung aus Kabul Totalversagen vor.
  • Auch Joe Biden* und die Geheimdienste der USA* haben die Situation völlig falsch eingeschätzt.

>>> News-Ticker aktualisieren <<<

+++ 22.15: In der afghanischen Hauptstadt Kabul ist am Dienstagabend (1708.2021) eine dritte Maschine zur Evakuierung von Deutschen und Ortskräften gestartet. An Bord seien 139 Menschen, teilte Außenminister Heiko Maas (SPD) im „heute journal“ des ZDF mit. Eine weitere Maschine stehe bereit. Zur Sicherstellung der Ausreise von Zivilist:innen aus Afghanistan verhandeln die Regierungen Deutschlands und der USA weiterhin direkt mit den radikalislamischen Taliban. Laut Maas sollte die Luftwaffe in der Nacht zum Mittwoch (18.08.2021) 180 weitere Menschen aus Kabul in die usbekische Hauptstadt Taschkent bringen.

+++ 22.10 Uhr: Die USA führen mit den radikalislamischen Taliban in Afghanistan aktuell Gespräche über einen Zugang von ausreisewilligen Zivilistinnen und Zivilisten zum Flughafen der Hauptstadt Kabul. Die Taliban hätten zugesagt, dass Zivilist:innen eine „sichere Durchfahrt“ zum Flughafen gewährt werden solle, sagte der nationale Sicherheitsberater von US-Präsident Joe Biden, Jake Sullivan, am Dienstag (17.08.2021) im Weißen Haus. An dieser Zusage würden die Islamisten auch gemessen.

Bislang scheine es zwar, als würden Menschen grundsätzlich an den Flughafen kommen können, sagte Sullivan. Es gebe aber bereits mehrere Berichte, dass die Taliban Menschen zurückgewiesen und sogar geschlagen hätten. Zuvor hatte unter anderem Bundesaußenminister Heiko Maas (SPD) erklärt, die Taliban würden afghanische Bürger:innen an Kontrollposten auf dem Weg zum Flughafen zurückweisen. Demnach können nur ausländische Staatsbürger:innen die Checkpoints passieren. Der deutsche Botschafter in Kabul, Markus Potzel, reiste deswegen in die katarische Hauptstadt Doha, um sich in Gesprächen mit Taliban-Vertretern um Ausreisemöglichkeiten für einheimische Ortskräfte zu bemühen.

Afghanistan: Lufthansa fliegt in der Nacht erste aus Kabul gerettete Menschen nach Deutschland

+++ 20.15 Uhr: Die ersten von der Bundeswehr aus Kabul ausgeflogenen Menschen sollen noch in der Nacht zum Mittwoch in Deutschland ankommen. Sie sollten am Luftwaffen-Drehkreuz in der usbekischen Hauptstadt Taschkent in einen Lufthansa-Sonderflug umsteigen, wie ein Sprecher der Airline mitteilte. Die von der Bundesregierung gecharterte Maschine solle noch am Abend in Taschkent in Richtung Deutschland starten. Der Flughafen Frankfurt/Main kündigte für 01.55 Uhr die Landung einer Lufthansa-Maschine aus Taschkent an.

Für die Evakuierungen baue die Lufthansa „kurzfristig eine Luftbrücke“ auf, erklärte der Sprecher. Er wollte keine Angaben dazu machen, wie viele Menschen an Bord des ersten Fluges erwartet werden. Die Fluggesellschaft setzt dafür ein Langstreckenflugzeug des Typs 340-300 ein; dieser Typ kann in der Regel um die 300 Passagiere aufnehmen.

Deutsche Transportflugzeuge vom Typ Airbus A400M stehen auf dem Flughafen von Taschkent und warten auf den Abflug nach Kabul.

Afghanistan: Taliban schlagen versöhnliche Töne an

+++ 18.20 Uhr: Die Taliban haben eine weitreichende Amnestie für Regierungsmitarbeiter, afghanische Soldaten sowie Ortskräfte der internationalen Truppen garantiert. Die Taliban wollten keine Rache, sagte der Sprecher der radikal-islamischen Gruppe, Sabihullah Mudschahid, bei einer Pressekonferenz in Kabul. Zudem könnten internationale Hilfsorganisationen ihre Arbeit in Afghanistan fortsetzen.

Mudschahid versprach auch den Botschaftsmitarbeitern und der Bevölkerung Kabuls umfassende Sicherheit. „Wir werden niemanden verletzen.“ Übersetzer und Ortskräfte, die für ausländische Medien und Streitkräfte gearbeitet hatten, sollten im Land bleiben. „Wir haben eine gemeinsame Heimat, eine gemeinsame Religion“, sagte Mudschahid, der erstmals seit zwei Jahrzehnten bei einem öffentlichen Auftritt sein Gesicht zeigte.

Mit Blick auf die Rechte von Frauen sagte Mudschahid, sie würden innerhalb des Rahmens der Scharia geachtet. Frauen und Mädchen dürften weiter studieren, arbeiten und am öffentlichen Leben teilnehmen, etwa im Bildungs- und Gesundheitswesen. Auch Medien sollten sich keine Sorgen machen. Sie müssten unparteiisch bleiben und Inhalte sollten nicht islamischen Werten entgegenstehen.

Wie verlässlich die Versprechen sind, ist unklar. Zuletzt hatten sich Berichte über Menschenrechtsverbrechen in den von den Taliban kontrollierten Gebieten gehäuft.

Taliban-Sprecher Sabiullah Mudschahid spricht auf seiner ersten Pressekonferenz in Kabul.

Afghanistan: Zweites Bundeswehr-Flugzeug gelandet

+++ 16.30 Uhr: Die zweite Evakuierungsmaschine der Bundeswehr ist in Taschkent (Usbekistan) gelandet. An Bord waren 125 Menschen aus Deutschland, Afghanistan und weitere Nationen. Sie sollen nun nach Deutschland gebracht werden. „Die Luftbrücke ist angelaufen und wird intensiv fortgesetzt, sofern die Sicherheitslage dies irgendwie zulässt“, erklärte Außenminister Heiko Maas.

+++ 15.45: Die Bundeswehr und das deutsche Verteidigungsministerium haben zwar angekündigt, so viele Menschen ausfliegen zu wollen, wie nur möglich (s. Update von 13.30 Uhr). Das hält Politikwissenschaftler Carlo Masala allerdings für nahezu unmöglich. Der Forscher der Bundeswehr-Universität München sagte der Tagesschau: „Die Taliban haben angekündigt, dass Afghanen das Land nicht verlassen dürfen.“ Neben Zivilistinnen und Zivilisten sei das vor allem für Ortskräfte ein großes Problem, so Masala: „Ob wir die rausbekommen, dafür gibt es keine Garantie.“ Damit schwindet die Hoffnung für Ortskräfte wohl.

Ein Kämpfer der Taliban in Afghanistan.

+++ 15.15 Uhr: Dominic Raab, Außenminister von Großbritannien, hat angekündigt, „alle erdenklichen Druckmittel“ nutzen zu wollen, um die Taliban „zu mäßigen“. Auf die Anmerkung, dass es sich bei der radikal-islamischen Organisation um „Verbrecher“ handle, antwortete Raab: „Ich werde nicht widersprechen, aber sie sind jetzt an der Macht und mit dieser Realität müssen wir umgehen.“ Das berichtet die Nachrichtenagentur Reuters.

Taliban kontrollieren Afghanistan

Warum die Armee widerstandslos versagt hat

+++ 14.40 Uhr: Brandenburg hat ebenfalls angekündigt, Flüchtende aus Afghanistan aufnehmen zu wollen. Dabei soll es sich vor allem um Ortskräfte handeln. „Die ersten Ortskräfte werden am frühen Donnerstagmorgen erwartet. Danach wird mit weiteren Ankömmlingen alle ein bis zwei Tage gerechnet“, heißt es in einem Statement des Innenministeriums.

+++ 14.30 Uhr: Mit Schleswig-Holstein hat das erste Bundesland die Bereitschaft zur Aufnahme von Geflüchteten aus Afghanistan signalisiert. „Es ist ein Gebot der Menschlichkeit, dass wir Hilfe leisten und Menschen, deren Leben und Freiheit bedroht ist, helfen werden“, sagte Innenministerin Sabine Sütterlin-Waack am Dienstag. Es sei nicht an der Zeit auf andere zu warten: „Wir müssen vorangehen“, so die CDU-Politikerin.

Afghanistan: Zweites Bundeswehr-Flugzeug aus Kabul gestartet

+++ 14. 20 Uhr: Der zweite Rettungsflieger Deutschlands soll bereits aus Kabul gestartet sein. An Bord befinden sich einem Bericht der Bild-Zeitung zufolge rund 120 Personen. Derzeit ist noch unklar, wie viele davon auf der Passagierliste standen.

+++ 14.00 Uhr: Ähnlich wie die Bundeswehr hat nun auch das US-Militär angekündigt, so viele Ortskräfte wie möglich zu evakuieren. „Wir werden wirklich hart arbeiten in den kommenden Wochen, um so viele von ihnen wie möglich aus dem Land zu schaffen“, sagte John Kirby, Sprecher des US-Verteidigungsministeriums, dem TV-Sender MSNBC.

+++ 13.30 Uhr: Das zweite Evakuierungsflugzeug der Bundeswehr ist wohl in Kabul gelandet. Das berichtet Korrespondent Matthias Gebauer, Korrespondent des Nachrichtenmagazins Spiegel. „Wir nehmen alles mit, was vom Platz her in unsere Flugzeuge passt“, hatte Verteidigungsministerin Kramp-Karrenbauer im Vorfeld betont. Neben deutschen Staatsbürgern sollen auch Menschen mit afghanischer Staatsbürgerschaft darin Platz finden.

Ein Transportflugzeug vom Typ Airbus A400M der Luftwaffe.

+++ 12.40 Uhr: Die Bundesregierung hat die Entwicklungshilfe für Afghanistan ausgesetzt. Bundesentwicklungsminister Gerd Müller bestätigte diesen Schritt am Mittag. Die dafür zuständige Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit (GIZ) habe bereits das Land verlassen, so Müller.  „Wir arbeiten mit Hochdruck daran, Ortskräfte der deutschen Entwicklungszusammenarbeit und mit uns kooperierender Hilfsorganisationen, die dies wollen, sicher aus Afghanistan zu bringen“, so Müller.

+++ 12.00 Uhr: Die zweite deutsche Evakuierungsmaschine aus Taschkent (Usbekistan) soll demnächst nach Kabul (Afghanistan) starten. Das erfuhr die Deutsche Presse-Agentur aus internen Kreisen der Bundeswehr.

Afghanistan: Außenminister Maas nennt Details zur Lage in Kabul

+++ 11.15 Uhr: Deutschlands Außenminister Heiko Maas hat sich zur Lage am Flughafen Kabul geäußert. Auf Twitter schrieb Maas: „Die Lage am Flughafen in Kabul hat sich weiter stabilisiert. Die Bundeswehr sichert nun den Zugang.“ Im Laufe des Tages erwarte man weitere Evakuierungsflüge, so Maas. Deutsche Diplomatinnen und Diplomaten seien kontaktiert worden, um ausgeflogen werden zu können.

Außenminister Heiko Maas.

„Ziel ist der Aufbau einer stabilen Luftbrücke, um so deutsche Staatsangehörige, Ortskräfte und andere schützende Personen sicher nach Deutschland zu bringen“, erklärte Außenminister Maas.

+++ 11.05 Uhr: Griechenland will Flüchtende aus Afghanistan an der Einreise hindern. Das teilte die griechische Regierung mit – und betonte, dass man „kein neues 2015 erleben“ wolle. „Wir wollen nicht, dass unser Land das Einfallstor der EU für Menschen wird, die nach Europa aufbrechen wollen“, sagte Migrationsminister Notis Mitarakis mit dem griechischen Staatsfernsehen.

Afghanistan: EU mit Krisensitzung

+++ 10.50 Uhr: Die Außenminister der Europäischen Union wollen am Dienstag in einer Krisensitzung über die Lage in Afghanistan beraten. Zentraler Bestandteil soll die weitere Strategie sein, hieß es am Dienstagvormittag.

+++ 10.30 Uhr: Der erste französische Rettungsflug ist in Kabul gestartet. Frankreichs Luftwaffe absolvierte die erste Evakuierung in der Nacht auf Dienstag, wie die französische Botschaft am Dienstagvormittag mitteilte. Am Einsatz waren offenbar Spezialkräfte beteiligt.

+++ 9.50 Uhr: Die Taliban haben angekündigt, Frauen an der zukünftigen Regierung Afghanistans beteiligen zu wollen. Unter der Herrschaft der radikal-islamischen Organisation sollen sie zukünftig Regierungsämter übernehmen dürfen. Das kündigte ein Vertreter der Taliban-Kulturkommission im Staatsfernsehen an. „Das islamische Emirat will nicht, dass Frauen zu Opfern werden“, sagte Enamullah Samangani.

Grundlage für die Mitarbeit von Frauen sei das islamische Recht, so Samangani. Was genau das bedeute, ließ er offen. Internationale Beobachterinnen und Beobachter sowie Hilfsorganisationen sprechen von einer prekären Lage für Frauen im Land. In der Vergangenheit waren Frauen und Mädchen unter der Herrschaft der Taliban vor allem von Bildung ausgeschlossen. Zudem konnten sie keinen Beruf ausüben.

+++ 9.30 Uhr: Der britische Außenminister Dominic Raab hat von einer „stabilen Lage“ am Flughafen in Kabul gesprochen. Das sagte Raab gegenüber Sky News. Diese Stabilität sei nun „absolut entscheidend“, betonte er.

+++ 9.05 Uhr: Die Start- und Landebahn am Flughafen Kabul ist wohl wieder geöffnet. Das vermeldete Stefano Pontecorvo, ziviler Repräsentant der NATO, auf Twitter. Er beobachte Flugzeuge, wie sie landen und abheben, so Pontecorvo. Zahlreiche Menschen versuchen aus Afghanistan per Flugzeug zu fliehen. Bilder des US-Senders CNN zeigen die schwierige Lage am Kabuler Flughafen. Menschenmessen versuchen auf das Gelände zu gelangen.

+++ 8.45 Uhr: Die erste Rettungsmaschine hat wohl nur sieben Menschen aus Afghanistan ausgeflogen. „Es sind nur sieben“, erklärte Jodann Wadephul, Außenpolitiker der Union, dem Deutschlandfunk. Man habe nur einen Slot von einer halben Stunde vor Ort gehabt. „Wir konnten nur die mitnehmen, die jetzt da waren“, so Wadephul.

Die Lage am Flughafen Kabul stellte sich sehr schwierig dar. Lange Zeit war unklar, ob das Flugzeug aus Deutschland überhaupt landen könne. Nach stundenlanger Verzögerung und Warteschleifen in der Luft landete die Maschine schließlich in der Nacht auf Dienstag. Außenpolitiker Wadephul betonte, dass es „unverantwortlich“ gewesen wäre, mehr Menschen zum Flughafen zu bringen, da völlig unklar gewesen sei, ob das Flugzeug überhaupt lande. Mit dem Flugzeug seien jedoch vor allem „robuste Kräfte“ nach Kabul gebracht worden. Soldaten sollen nun die Voraussetzungen schaffen, dass weitere Flugzeuge am Flughafen in Kabul landen und starten können.

Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer bezeichnete die Landung in Kabul als „halsbrecherisch“. „Wir haben eine sehr unübersichtliche, gefährliche, komplexe Situation am Flughafen, vor allen Dingen durch die Menschenmengen“, sagte sie der ARD.

Update vom Dienstag, 17.08.2021, 8.00 Uhr: Die radikalislamischen Taliban haben eine Generalamnestie für alle Regierungsmitarbeitende Afghanistans verkündet. Die Islamisten forderten die Beamten am Dienstag dazu auf, zu ihrem Arbeitsplatz zurückzukehren. „Sie sollten mit vollem Vertrauen in Ihren Alltag zurückkehren“, hieß es in einer Erklärung der radikalen Islamisten, die am vergangenen Sonntag (15.08.2021) wieder die Macht in Afghanistan übernommen hatten.

Taliban erobern Afghanistan: Joe Biden verteidigt Abzug des US-Militärs

+++ 22.30 Uhr: US-Präsident Joe Biden hat den Taliban für den Fall eines Angriffs auf US-Kräfte mit „einer raschen und starken“ militärischen Reaktion gedroht. Das gelte für jede Handlung der Taliban in Afghanistan, die das US-Personal oder deren Mission gefährden würde, sagte Biden am Montag im Weißen Haus.

Trotz der raschen Machtübernahme durch die Taliban verteidigte Biden den von ihm angeordneten Abzug des US-Militärs. Er stehe felsenfest zu seiner Entscheidung. Es hätte auch keinen Unterschied gemacht, wenn die US-Truppen noch etwas länger in Afghanistan geblieben wären, sagte er.

Biden: „Politischen Anführer Afghanistans haben aufgegeben“

Vorwürfe erhob Biden gegen die entmachtete politische Führung und die Streitkräfte Afghanistans. „Die politischen Anführer Afghanistans haben aufgegeben und sind aus dem Land geflohen“, sagte er. „Das afghanische Militär ist zusammengebrochen, manchmal ohne zu versuchen zu kämpfen.“ Die jüngsten Ereignisse hätten bekräftigt, dass der US-Truppenabzug aus Afghanistan die richtige Entscheidung gewesen sei. „Amerikanische Truppen können und sollten nicht in einem Krieg kämpfen und in einem Krieg sterben, den die afghanischen Streitkräfte nicht bereit sind, für sich selbst zu führen.“ Er räumte jedoch ein, die Vereinigten Staaten hätten das Tempo des Vormarsches der Taliban unterschätzt: „Dies hat sich schneller entwickelt, als wir erwartet hatten.“

Die USA könnten islamistische Terrorgruppen wie Al-Kaida auch ohne eine permanente Militärpräsenz in dem Zielland effektiv bekämpfen. Das US-Militär zeige dies in anderen Ländern wie zum Beispiel Somalia oder Jemen, sagte Biden. Es war seine erste öffentliche Äußerung seit der faktischen Machtübernahme der militant-islamistischen Taliban in Afghanistan und auch der Hauptstadt Kabul. Er betonte zudem, das ursprüngliche Ziel des US-Einsatzes in Afghanistan, das Ausmerzen der Terrorgruppe Al-Kaida nach den Anschlägen vom 11. September 2001, sei längst erreicht worden.

Taliban erobern Afghanistan: Merkel räumt Fehlschlag ein

+++ 21.45 Uhr: Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) will den afghanischen Nachbarstaaten schnell Hilfe anbieten, um Fluchtbewegungen nach Europa unter Kontrolle zu halten. „Hier geht es vor allen Dingen darum, dass wir den Nachbarstaaten helfen, in die die afghanischen Flüchtlinge gegebenenfalls kommen“, sagte Merkel am Montagabend bei einer Pressekonferenz zur Krisenlage in Afghanistan.

Merkel erklärte, die Zusammenarbeit mit dem Nachbarland Pakistan stehe dabei im Vordergrund. Zudem müsste Kontakt zum UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR aufgenommen werden. Darüber werde am Mittwoch auch das Bundeskabinett beraten. Es sei wichtig, den vielen Menschen, die nicht direkt mit deutschen Institutionen und für Deutschland gearbeitet hätten, eine „sichere Bleibe in der Umgebung von Afghanistan“ zu geben, sagte die Kanzlerin.

Fehler aus der Vergangenheit im Zusammenhang mit Geflüchteten dürften nicht wiederholt werden – etwa das UNHCR oder das Welthungerhilfe-Programm nicht mit ausreichend Geld auszustatten. Auch „dass Menschen sich dann auf den Weg gemacht haben, aus Jordanien, aus Libanon, aus Syrien direkt nach Europa zu kommen“ nannte sie als Fehler. Nun müsse man schneller reagieren und den Nachbarstaaten von Afghanistan ausreichend Hilfe anbieten, erklärte die Kanzlerin. Die Machtübernahme der militant-islamistischen Taliban bezeichnete sie als „überaus bitter“.

Auch Macron äußert sich in TV-Ansprache zur Lage in Afghanistan

Der französische Präsident Emmanuel Macron warnte in einer Fernsehansprache davor, dass Afghanistan wieder zu einem Zufluchtsort des Terrorismus werden könnte. Er kündigte eine Initiative mit den europäischen Partnern dagegen an. „Die Destabilisierung Afghanistans droht außerdem zu ungesteuerten Flüchtlingsströmen Richtung Europa zu führen“, sagte er. Diese wolle Frankreich mit Deutschland und anderen europäischen Partnern kanalisieren. Er habe bereits mit Merkel gesprochen.

+++ 19.35 Uhr: Angela Merkel hat ein kritisches Fazit des internationalen Militäreinsatzes in Afghanistan gezogen. Der fast 20 Jahre währende Einsatz sei „nicht so geglückt, wie wir uns das vorgenommen haben“, sagte Merkel vor der Presse in Berlin. „Das ist eine Erkenntnis, die ist bitter“, fügte sich hinzu. Die Bündnispartner müssten sich eingestehen, „dass das keine erfolgreichen Bemühungen waren“. „Bitter, dramatisch und furchtbar ist diese Entwicklung insbesondere für die Menschen in Afghanistan“, sagte die Kanzlerin. Die Lage sei „furchtbar für die Millionen Afghanen, die sich für eine freie Gesellschaft eingesetzt haben“.

Zudem dämpfte Merkel die Hoffnungen auf die Aufnahme afghanischer Ortskräfte in Deutschland. Merkel kündigte an, dass Deutschland alles tun werde, um einheimische Ortskräfte aus Kabul in Sicherheit zu bringen; zugleich räumte sie ein: „Das haben wir leider nicht mehr in der Hand.“ Ob die Evakuierungen ausgeführt werden können, hänge „von der Lage in Kabul ab“.

Erstmeldung vom Montag, 16.08.2021, 14.45 Uhr: Kabul/Doha/Wunstorf - Mit diesem Tempo hatte wohl niemand gerechnet. Nur wenige Tage benötigten die radikalislamischen Taliban, um Afghanistan zu erobern* und die Macht in dem seit vielen Jahren erbittert umkämpften Land zu übernehmen. Am Montag (16.08.2021) patrouillierten schwer bewaffnete Kämpfer der Miliz in den Straßen von Kabul, nachdem sie am Vorabend den Präsidentenpalast eingenommen und dort ihren Sieg über die afghanische Regierung gefeiert hatten.

Sowohl die USA unter Präsident Joe Biden als auch die Bundesregierung wurden von den Ereignissen geradezu überrollt. Immerhin hatten die US-Geheimdienste noch vor wenigen Tagen davon gesprochen, dass die Hauptstadt Kabul „in 30 bis 90 Tagen“ in die Hände Taliban fallen könnte* – kaum 72 Stunden war Präsident Aschraf Ghani schon auf dem Weg ins Ausland. Die notwendige Evakuierung gefährdeter Personen lief entsprechend spät und chaotisch an. Die Opposition spricht in diesem Zusammenhang von einem Totalversagen der Bundesregierung.

Taliban übernehmen Macht in Afghanistan: Opposition wirft Regierung Totalversagen vor

Grünen*-Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock* warf der Regierung vor, „vor der Realität die Augen verschlossen“ zu haben. „Jetzt, in diesem Moment, müssen die Leute ausgeflogen werden, mit allen Möglichkeiten, die wir haben“, verlangte Baerbock. Um ihr Leben bangen müssten neben den Ortskräften der Bundeswehr in Afghanistan auch Dolmetscherinnen und Dolmetscher, Medienvertreter oder Frauenrechtlerinnen. Baerbock bekräftigte ihre Forderung nach „Kontingenten im fünfstelligen Bereich“ für die Aufnahme von Schutzsuchenden.

„Es ist beschämend, dass die Bundesregierung unfähig war, Ortskräften beispielsweise in Masar-i-Scharif eine rechtzeitige Ausreise zu ermöglichen“, kritisierte auch der FDP-Fraktionsvize Alexander Graf Lambsdorff. „Heiko Maas, Annegret Kramp-Karrenbauer und Horst Seehofer haben da auf ganzer Linie versagt“, sagte er mit Blick auf die Verteidigungsministerin und den Innenminister.

Vertreter der Bundesregierung wiesen die Kritik und den Vorwurf der Untätigkeit zurück. Es werde schon seit Monaten an Verfahren zur Evakuierung gefährdeter afghanischer Ortskräfte gearbeitet, sagte ein Sprecher des Auswärtigen Amts. Auch seien bereits viele Menschen in Sicherheit gebracht worden. „Richtig ist, dass unsere Einschätzung, wie sich die Lage entwickeln wird, falsch war“, räumte der Sprecher allerdings weiter ein.

Taliban übernehmen Macht in Afghanistan: Rettungsaktion der Bundeswehr

Inzwischen ist die Bundeswehr mit mehreren Transportflugzeugen nach Afghanistan aufgebrochen. Im niedersächsischen Wunstorf startete am Montag ein erstes Bundeswehr-Transportflugzeug vom Typ A400M nach Kabul. Auf dem dortigen Flughafen spielten sich chaotische Szenen ab.* Tausende Menschen versuchten, einen Platz auf einem Evakuierungsflug zu bekommen. US-Soldaten, die laut US-Regierung den Flughafen sichern, feuerten Schüsse in die Luft, um die Menge zu kontrollieren.

„Fest steht: Es ist ein gefährlicher Einsatz für unsere Soldatinnen und Soldaten“, twitterte das Verteidigungsministerium. Die Maschinen, die Platz für 114 Passagiere bieten und über besonderen Schutz gegen Angriffe beispielsweise mit Raketen verfügen, fliegen die Betroffenen zunächst nach Taschkent im Nachbarland Usbekistan aus. Von dort geht es mit zivilen Maschinen weiter nach Deutschland.

Die Gesamtzahl deutscher Staatsbürger:innen, die bis Sonntag noch in Kabul waren, wurde auf mehr als 100 geschätzt. Um wie viele Ortskräfte es geht, war bis zuletzt unklar. Es ist auf jeden Fall eine Zahl im vierstelligen Bereich. Alleine in der staatlichen Entwicklungshilfe waren zuletzt noch 1100 Afghanen in deutschem Auftrag tätig. Hinzu kommen tausende ehemalige Ortskräfte der Bundeswehr oder der Bundesministerien. (cs/ya/tu mit dpa/AFP)*fr.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA

Rubriklistenbild: © Marc Tessensohn/Bundeswehr/dpa

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