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Afghanistan unter den Taliban: „Jeden Tag werden Frauen getötet und entführt“

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Von: Claus-Jürgen Göpfert

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Kämpfer der Taliban in Kabul, der Hauptstadt Afghanistans.
Kämpfer der Taliban in Kabul, der Hauptstadt Afghanistans. © Saifurahman Safi/imago

Zarifa Ghafari, einst Bürgermeisterin in Afghanistan, spricht im FR-Interview zur Lage der Menschen unter den Taliban und zu ihren Forderungen an die westlichen Staaten.

Frau Ghafari, Sie konnten im August 2021 in letzter Minute aus der afghanischen Hauptstadt in einem türkischen Flugzeug entkommen. Ihre Familie war mit Ihnen. Was dachten Sie, was fühlten Sie an diesem Tag?

Für eine lange Zeit wollte ich Afghanistan nicht verlassen. Ich versuchte, nicht aufzugeben. Ich hoffte, dass ich in meinem Heimatland würde bleiben können. Im Juli hatte ich an einer Konferenz in Dubai teilgenommen, war aber nach Kabul zurückgekehrt. Meine Mutter war schockiert, dass ich zurückgekommen war. Aber ich hatte meinem Vater versprochen, dass ich mich um meine Familie kümmern würde. Ich hatte es ihm versprochen, bevor er 2021 von den Taliban ermordet worden war. Und ich hatte es ihm an seinem Grab versprochen.

Sie waren eine der wenigen Bürgermeisterinnen im Land. Ein Vorbild für viele junge Frauen in Afghanistan. Wann entschieden Sie sich dennoch, zu gehen und warum?

Ich erinnere mich daran, dass ich mit meiner Schwester in einem Café am Markt saß, wenige Wochen, bevor die Taliban die Macht übernahmen. Wir sprachen darüber, was geschehen würde, wenn die Taliban in die Stadt kämen. Und meine jüngere Schwester sagte, sie würde aus dem Fenster unserer Wohnung im sechsten Stock springen, wenn man es ihr nicht mehr erlauben würde, weiter zu studieren. In diesem Fall wollte sie lieber tot sein. In diesem Moment verstand ich: Ich musste das Land verlassen, gemeinsam mit meiner Mutter, meinen Schwestern und meinem Verlobten. Das war der härteste Augenblick für mich. Es war härter selbst als der Tag, an dem mein Vater ermordet wurde.

Meine Schwester sagte, sie würde aus dem Fenster unserer Wohnung springen, wenn man es ihr nicht mehr erlauben würde, weiter zu studieren.

Zarifa Ghafari über die Situation in Afghanistan nach der Machtübernahme der Taliban

Afghanistan: „Die Führer der Taliban haben versprochen, die Rechte der Frauen zu respektieren“

Sie haben zunächst Islamabad erreicht und dann Istanbul. Später kamen Sie dann nach in den Westen. Jetzt leben Sie seit fünf Monaten in Deutschland. Glauben Sie, dass Sie länger bleiben werden?

Ich persönlich würde gerne zurückkehren. Ich sehe jeden Tag die Bilder von den tapferen Frauen, die auf den Straßen für ihre Rechte kämpfen und ich wäre sehr gerne an ihrer Seite. Aber ich muss an meine Familie denken und an meine Schwestern. Nach Afghanistan zurückzukehren, macht nur Sinn, wenn es eine Chance gibt, dass unsere Rechte respektiert werden und wenn es eine funktionierende Regierung gibt, die sich um die Menschen kümmert und sich ihrer Nöte annimmt.

Sie waren ein ganz besonderes Ziel für die Taliban, weil Sie für die Rechte der Frauen gekämpft haben. Wie ist die Situation der Frauen in Afghanistan nun?

Die Führer der Taliban haben versprochen, zumindest einige der Rechte der Frauen zu respektieren. Aber es gibt eine große Lücke zwischen diesen Versprechungen und der Wirklichkeit im Land. Jeden Tag werden Frauen getötet und entführt. Die Situation wird immer schlimmer. Frauen können nicht mehr ins Büro gehen oder an Universitäten studieren. Aber einige von ihnen versuchen es immer noch. Sie werden ins Gefängnis geworfen und ermordet. Die Schulen sind nur noch bis zur siebten Klasse für Mädchen offen. Auch können medizinische Berufe nicht länger von Frauen ausgeübt werden. Sich in der Öffentlichkeit aufzuhalten ist für Frauen in Afghanistan gefährlich.

Gibt es irgendeine Möglichkeit, die Lage zu verändern und insbesondere für Afghanistans Frauen zu verbessern, oder sind Sie pessimistisch?

Zur Person

Zarifa Ghafari wurde mit 26 Jahren Bürgermeisterin der kleinen Stadt Maidan Shar nahe Kabul.

Für die Taliban war (und ist) sie eine besondere Hassfigur. Ihr Vater, ein Offizier, und ihr Onkel wurden von den Taliban getötet.

2020 erhielt Ghafari den Menschenrechtspreis der Ingrid zu Solms-Stiftung in Frankfurt. Im August 2021 gelang ihr in letzter Minute die Flucht vor den Taliban. Die 30-Jährige lebt heute in Deutschland. jg Bild: afp

Zarifa Ghafari.
Zarifa Ghafari. © AFP

„Die Situation für Frauen in Afghanistan ist besser geworden“

Nun, in den vergangenen Jahren ist die Situation für Frauen in Afghanistan besser geworden und für junge Frauen ganz besonders. Wir hatten erreicht, dass Frauen die Häuser verlassen können und sich in der Öffentlichkeit aufhalten können. Diese Entwicklung darf nicht umgekehrt werden. Afghanistan darf nicht zum Friedhof werden. Das Land muss sich weiterentwickeln.

Es gibt Politiker:innen in den westlichen Staaten, die über eine neue militärische Operation in Afghanistan sprechen, die Streitkräfte in das Land zurückbringen wollen. Glauben Sie, dass dies eine echte Option ist?

Der militärische Weg wird diesem Land nicht helfen. Du kannst eine Kugel, die aus einem Gewehr kommt, nicht mit einer Kugel bekämpfen, die aus einem Gewehr kommt. Das ist Unsinn. Das war der falsche Weg für eine lange Zeit in Afghanistan. Wir können nicht dahin zurückkehren. Die Menschen sterben jetzt, sie sterben durch Hunger, durch Terror, durch Angst. In dieser Situation brauchen wir eine Chance für die Menschlichkeit.

Ist es der richtige Weg, dass die westlichen Staaten in Kontakt mit den Taliban bleiben, dass sie mit den Taliban sprechen?

Das wichtigste Thema in dem gesamten Konflikt rund um Afghanistan sind die wirtschaftlichen Interessen, nicht nur der Staaten des Westens, auch die der Volksrepublik China. In Afghanistan gibt es große Bodenschätze. Und das Ziel aller Staaten, die sich in Afghanistan engagieren, war und ist es, die Kontrolle über diese Bodenschätze zu erlangen. In den zurückliegenden Jahrzehnten wurde das Land wie ein wirtschaftliches Projekt behandelt. Und man geht immer noch so mit ihm um. Das muss sich ändern. Afghanistan ist kein Projekt, es ist eine Nation. Das ist es, was die westlichen Staaten zu respektieren haben.

Afghanistan ist kein Projekt, es ist eine Nation.

Zarifa Ghafari

Der Westen muss klare Forderungen gegenüber den Taliban erheben

Aber nochmal: Ist es der richtige Weg, mit den Taliban in der gegenwärtigen Lage zu sprechen?

Die Menschlichkeit muss jetzt eine Chance bekommen. Das bedeutet: Wenn es Gespräche mit den Taliban-Führern gibt, wenn westliche Diplomaten über ihre Forderungen sprechen, dann muss es auch klare Forderungen der westlichen Staaten an das Taliban-Regime geben. Das Regime muss einen politischen Preis bezahlen. Und dieser Preis ist die Verbesserung der Menschenrechtssituation in Afghanistan. Es geht nicht nur um die Rechte der Frauen. Es geht um die Rechte aller Menschen im Land. Gebt den Taliban keine politische Plattform, bevor sie das nicht garantieren!

Mädchenschulen wie diese Bamyan wurden von den Taliban nach der Machtübernahme in Afghanistan wieder geschlossen.
Mädchenschulen wie diese Bamyan wurden von den Taliban nach der Machtübernahme in Afghanistan wieder geschlossen. © Alexandra Kovalskaya/imago

Sie sagten vorhin, dass Menschen in Afghanistan an Hunger sterben. Ist es nicht die dringlichste Aufgabe, Nahrung für die Menschen ins Land zu bringen?

Aber wenn sie Nahrung nach Afghanistan bringen, müssen sie sicherstellen, dass sie die Menschen erreicht, die sie brauchen. In der Vergangenheit ist dies oft nicht geschehen. Die Nahrungsmittel kamen zu denen, die in den Städten lebten. Auch Soldaten der Taliban haben sie erhalten. Sie muss aber zu der gesamten Gemeinschaft außerhalb des Militärs kommen. Dazu ist es notwendig, Kontakt zu den lokalen Behörden zu knüpfen, zu denen, die das Land kennen und die Nöte der Menschen im Land fühlen. Nicht aber zu denen, die ein Geschäft aus jeder Situation in Afghanistan machen. (Interview: Claus-Jürgen Göpfert)

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