Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Andauernde Kämpfe

Afghanistan: Taliban auf dem Vormarsch – 85 Prozent unter Kontrolle

  • VonMirko Schmid
    schließen

Laut Angaben der Taliban dominiert die islamistische Gruppierung nach dem Truppenabzug internationaler Streitkräfte Afghanistan bereits wieder zu 85 Prozent.

Kabul – Die Taliban stehen nach eigenen Angaben davor, große Teile der Macht in Afghanistan zurückzuerobern. Bereits 85 Prozent des insgesamt 652.860 km² großen Territoriums will die im Ausland größtenteils als terroristische Organisation wahrgenommene Miliz bereits wieder okkupiert haben. Dem widerspricht die afghanische Regierung, die auch nach Abzug der internationalen Gruppen ihre Souveränität reklamiert.

Dennoch sah sich die Administration um Präsident Aschraf Ghani genötigt zuzugeben, dass die Taliban in der Provinz Herat einen schiitisch geprägten Bezirk unter Kontrolle nehmen. Auch in Torghundi, einer Stadt an der nördlichen Grenze zu Turkmenistan, haben sich die Islamisten nach übereinstimmenden Angaben von Regierung und Milizführung durchgesetzt.

Hunderte afghanische Sicherheitskräfte sind inzwischen in die benachbarten Staaten Iran und Tadschikistan geflohen. Das sorgt in Moskau und anderen ausländischen Hauptstädten zu der Befürchtung, dass radikale Islamisten Zentralasien infiltrieren könnten. Ein Umstand, der auf die Geflohenen zurückschlägt, die zum Teil mit großer Skepsis beäugt werden.

Taliban wollen 85 Prozent von Afghanistan unter Kontrolle haben und machen Zusagen an Nachbarn

Unterdessen versuchen Offizielle der Taliban etwaige Bedenken an ihrer erneuten Übernahme der Kontrolle in Afghanistan zu zerstreuen. Mawlawi Shahabuddin Dilawar etwa, ein ranghohes Mitglied der Miliz, erklärte kürzlich in Moskau, dass die Taliban keine Präsenz des sogenannten Islamischen Staates auf afghanischem Boden dulden werde. Auch sicherte Dilawar zu, dass von Afghanistan unter dem Einfluss der Taliban aus „niemals“ Gefahr für benachbarte Staaten drohen werde und man „allen Afghanen ihre Rolle in der Regierung“ einräumen wolle.

Suhil Shaheen, Mawlawi Shahabuddin Dilawar und Mohammad Naim (v.l.n.r.), Mitglieder einer politischen Delegation der afghanischen Taliban, verkünden im Rahmen einer Pressekonferenz territoriale Zugewinne in Afghanistan.

Zusätzlich versicherten die Taliban, dass sie davon absehen würden, die tadschikisch-afghanische Grenze anzugreifen. Dies wird seit einiger Zeit vor allem in Russland und Zentralasien befürchtet.

Die USA wollen sich bisher nicht zur Proklamation der Taliban äußern, wonach diese größte Teile Afghanistans kontrollierten. John Kirby, Sprecher des Pentagon, sagte im Rahmen eines Interviews mit dem TV-Nachrichtensender CNN: „Territorium zu beanspruchen oder Boden zu beanspruchen bedeutet nicht, dass man das aufrechterhalten oder im Laufe der Zeit behalten kann.“ Die afghanische Armee habe schließlich „die nötigen Streitkräfte und Befähigung“ Die Regierung in Afghanistan müsse nun „diesen Willen haben“, so Kirby.

Der „Löwe von Herat“ will die Taliban in Afghanistan zurückdrängen

Mut macht der afghanischen Regierung Mohammad Ismail Khan, bekannt als „Löwe von Herat“. Der prominente ehemalige Nordallianz-Kommandeur, der sich persönlich dem Kampf gegen die Taliban verschrieben hat, sagte der afghanischen Armee seine Hilfe zu. Das Ziel sei es, die Kontrolle über Teile Westafghanistans zurückzuerlangen, einschließlich eines Grenzüberganges zum Iran. Hunderte bewaffneter Zivilisten aus den Provinzen Ghor, Badghis, Nimroz, Farah, Helmand und Kandahar seien bei Khan vorstellig geworden und bereit, die „durch den Abzug ausländischer Truppen entstandene Sicherheitslücke“ zu füllen.

OrganisationTaliban (Taleban)
GründungSeptember 1994
StärkeRund 50.000
KommandeurHaibatullah Achundsada
GründerMohammed Omar, Abdul Ghani Baradar

Die weiter andauernden Kämpfe im Land sorgen dafür, dass die Lieferung von Medikamenten und Hilfsgütern stockt. Wie die Weltgesundheitsorganisation (WHO) kritisierte, sei es aktuell „schwierig“, den Menschen vor Ort zu helfen. Dies liege auch daran, dass Angestellte internationaler Hilfsorganisationen im Zuge der Auseinandersetzungen zwischen den Taliban und dem Militär das Land verlassen hätten.

Rick Brennan, regionaler Notfalldirektor der WHO, sprach von mindestens 18,4 Millionen Menschen, die humanitäre Hilfe benötigen. Darunter 3,1 Millionen Kinder, die von akuter Unterernährung bedroht sind. „Wir sind besorgt über unseren fehlenden Zugang zur Versorgung mit lebenswichtigen Medikamenten und Vorräten und wir sind besorgt über Angriffe auf das Gesundheitswesen“, so Brennan im Rahmen einer UN-Untersuchung in Genf.

Trotz wachsendem Einfluss der Taliban: US-Präsident Joe Biden zieht alle Truppen aus Afghanistan ab

Nichtsdestotrotz möchte die WHO in den kommenden Tagen weitere Hilfsmittel nach Afghanistan schicken. Darunter seien unter anderem 3,5 Millionen Impfdosen gegen das Coronavirus sowie Sauerstoffgeräte. Die Vakzine stammen zu großen Teilen aus einer Spende der US-Regierung, der dort ansässige Pharmakonzern Johnson&Johnson hat nach Angaben der Biden-Administration bereits 1,4 Millionen Dosen geliefert. Die zusätzlichen Vakzine sollen aus dem Covax-Programm stammen, welches die WHO gemeinsam mit der Europäischen Kommission ins Leben gerufen hat.

US-Präsident Joe Biden hatte im Laufe der zweiten Juliwoche verkündet, bis spätestens zum 31. August alle US-Streitkräfte aus Afghanistan abgezogen haben zu wollen. Am kommenden zwanzigsten Jahrestag der Terroranschläge auf das World Trade Center in New York vom 11. September 2001 solle „Amerikas längsten Krieg“ beendet sein. (Mirko Schmid)

Rubriklistenbild: © Alexander Zemlianichenko/dpa

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare