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Arbeitsverbote in Afghanistan: Ohne Frauen geht es nicht

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Von: Ursula Rüssmann

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Studentin Marwa (Mitte) bleibt jetzt nur, zu Hause mit ihrem Bruder zu lernen. Der Uni-Besuch ist ihr verboten.
Studentin Marwa (Mitte) bleibt jetzt nur, zu Hause mit ihrem Bruder zu lernen. Der Uni-Besuch ist ihr verboten. © Ahmed Sahal Arman/afp

Durch die Arbeitsverbote der Taliban könnte Afghanistan ein Massensterben drohen. Nun schlagen internationale Hilfswerke Alarm.

Kabul – Dramatischer konnte der Appell nicht sein. Ob er aber fruchtet, wird irgendwo zwischen Kabul und Kandahar entschieden: Die Leitungen von vier großen internationalen Hilfsorganisationen haben am Donnerstag in einem außergewöhnlichen gemeinsamen Online-Auftritt eindringlich klar gemacht, dass das von den Taliban verhängte Arbeitsverbot für Frauen in Nichtregierungsorganisationen Hunderttausenden im Land den Tod bringen wird – wenn es nicht sofort rückgängig gemacht wird. Inger Ashing, Leiterin der NGO „Save the Children“, die unter anderem 73.000 Kinder mit Ernährungs- und Gesundheitshilfe versorgt: „Allein diese Kinder sind jetzt unmittelbar in Lebensgefahr. Ohne unsere Mitarbeiterinnen erreichen wir sie nicht mehr.“

Nur wenige Länder weltweit sind so abhängig von internationaler Hilfe wie das Land am Hindukusch: 28 Millionen Afghan:innen, mehr als die Hälfte der Bevölkerung, brauchen laut den Vereinten Nationen (UN) humanitäre Unterstützung. „Sechs Millionen von ihnen“, sagte Sofia Sprechmann Sineiro, Generalsekretärin von Care International, „sind nur einen Schritt vom Hunger entfernt.“ Besonders vulnerabel: Frauen und Kinder. „Sie essen schon jetzt als letzte und am wenigsten, und sie haben weniger Zugang zu Hilfe als Männer“, berichtete sie mit Verweis auf eine Care-Studie. Und jetzt steht der Winter bevor, der die Lage in Afghanistan auch ohne das fatale Dekret massiv verschärft hätte.

Probleme durch Arbeitsverbote in Afghanistan: Lenken die Taliban ein?

Der Erlass wird dem in Kandahar residierenden Emir Haibatullah Achundsada und den Hardlinern um ihn zugeschrieben. Die Staatengemeinschaft, die UN und sämtliche Hilfswerke hoffen nun, dass die weniger Radikalen in der Führung der Taliban erkennen, welche Folgen drohen, und eine Aufhebung des Dekrets durchsetzen können. Das müsse sehr schnell geschehen, betonten die vier NGO: „Die Gespräche und Verhandlungen mit den Taliban müssen auf allen Ebenen weitergehen.“

Sie machten auch deutlich, dass sie nicht nur aus Protest gegen das Verbot ihre Arbeit aktuell eingestellt haben. Vielmehr seien sie ohne weibliche Beschäftigte faktisch gelähmt: „Wir können ohne die Frauen nicht arbeiten“, so Adam Combs, Asien-Direktor des Norwegischen Flüchtlingsrates, der in Afghanistan Nothilfe-, Rechtshilfe- und Ernährungsprojekte für mehrere Hunderttausend Menschen betreibt.

Hilfsorganisationen warnen vor Konsequenzen von Arbeitsverboten: Frauen leisten lebensrettende Arbeit

Andrew Morley, Präsident von World Vision: „Egal ob als Ärztinnen, Gesundheitshelferinnen, Ernährungsberaterinnen: Die Frauen leisten täglich lebensrettende Arbeit. Männer können sie nicht ersetzen, weil ihnen der Zugang zu den Frauen untersagt ist.“ Die jetzt schlagartig arbeitslos gewordenen Frauen seien auch selbst hart getroffen: „Sie machen ihre Arbeit mit großer Leidenschaft, und sie haben Angst um ihre und die Zukunft ihrer Familien.“ Denn viele von ihnen seien Alleinverdienerinnen.

Ganz hoffnungslos sind die NGO-Leiter:innen nicht, dass die Taliban einlenken – Morley etwa sieht Chancen, dass das Verbot für die Gesundheitsdienste fällt. Das reiche aber nicht, so die einhellige Botschaft. Auch große UN-Hilfswerke sehen ihre Arbeit im Land ohne Frauen ernsthaft gefährdet. Eine Perspektive, die die Hardliner unter den Taliban so womöglich nicht vorhergesehen haben. (Ursula Rüssmann)

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