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Afghanistan ist vom Frieden weit entfernt.

Afghanistan

Taliban betrachten afghanische Regierung als „US-Marionette“

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Das Auskommen Washingtons mit den Taliban ändert nichts am gewaltsamen Sterben am Hindukusch. Das Wochenende war voller Kämpfe und Anschläge - wieder.

Sechzehn Afghanen wurden zerfetzt, 120 wurden teils schwer verletzt – als Montagabend ein mit Sprengstoff vollgestopfter Traktor im „Green Village“ in der afghanischen Hauptstadt in die Luft flog. 400 Bewohner des Viertels, in dem neben den Botschaften der USA und Großbritanniens mehrere NGOs ihre Büros unterhalten, wurden evakuiert. Die Taliban übernahmen für das Attentat ebenso Verantwortung wie für zwei Anschläge vom vergangenen Wochenende. Das Traktor-Attentat geschah, währen im lokalen Fernsehsender Tolo der Sonderbeauftragte der USA für Afghanistan, Zalmay Khalilzad, das fast fertige Abkommen zwischen Washington und den einst als Terroristen verfemten Talibanmilizen erläuterte.

Keine Wirkung bei den Taliban

Khalilzads Tenor: Die USA würden innerhalb von 135 Tagen nach Unterzeichnung 5600 ihrer gegenwärtig rund 14 000 Soldaten in fünf Stützpunkten abziehen. „Das wird die Gewalt in der Umgebung der Stützpunkte stark reduzieren“, warb Khalilzad für die Vereinbarung, die bei neunmonatigen Verhandlungen zustande gekommen sei. „Erst muss Präsident Donald Trump noch zustimmen“, verkündete Khalilzad. Er warnte, dass die USA militärisch einschreiten würden, wenn die Taliban versuchten, Kabul zu erobern.

Dort herrscht nun alles andere als Feierlaune. Khalilzad erlaubte Präsident Ashraf Ghani zwar, den Vertragsentwurf zu lesen. Eine Kopie wollte er dem Staatsoberhaupt aber nicht überlassen. Das scheint ein Entgegenkommen den Taliban gegenüber, die sich weigern, mit der gewählten Regierung des Landes – „Marionetten der USA“ – zu verhandeln.

Khalilzads Warnungen scheinen bei den Taliban keine Wirkung zu zeigen. Neben ihren Sprengstoffanschlägen attackierten sie am Wochenende die Städte Kundus und Pul-i-Khumri im Norden. Die Milizen steigern sich in einen Siegesrausch: „Die USA laufen vor uns davon“, jubelte die Führung in einer internen Mitteilung an ihre Kämpfer und Kommandeure. Fast auf den Tag genau 18 Jahre, nachdem sie von der damaligen „Nord-Allianz“ mit Hilfe der USA aus Kabul vertrieben wurden, glauben die Taliban („Schüler“ auf Paschtunisch) offenbar an eine baldige Rückkehr in die Hauptstadt.

Kabuls gefürchtete Kommando-Truppen

Von Frieden ist Afghanistan ganz offensichtlich jetzt so weit entfernt wie vor Beginn der Gespräche zwischen den Milizen und Washington. „Es scheint, die USA haben ihre Position ,Nichts ist vereinbart, bis alles vereinbart ist‘ und die Forderung nach einem umfassenden Waffenstillstand fallengelassen“, schreiben Thomas Ruttig und Martine van Bijlert von der Nicht-Regierungsorganisation „Afghanistan Analyst Network“ in einer Beurteilung mit dem Titel „Vereinbarung ohne Frieden“. Angesichts dessen ist es auch nicht verwunderlich, dass die deutschen Bemühungen, in Absprache mit Washington die Taliban und die afghanische Regierung an einen Tisch zu bringen, nichts fruchten.

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Doch ganz so rosig wie die Taliban sich derzeit die Lage ausmalen, sieht es längst nicht aus. Zwar kontrollieren sie rund zwei Drittel des afghanischen Territoriums. Auf ihre Angriffe in Kundus und Pul-i-Khumri konnten Kabuls gefürchtete Kommando-Truppen freilich binnen weniger Stunden antworten. Denn sie verfügen inzwischen über leistungsstarke Kampfhubschrauber aus russischer Produktion, die Afghanistans Streitkräfte dank finanzieller Hilfe Indiens beschafft haben.

Außerdem plant Kabul für Ende September Präsidentschaftswahlen. Der Sondergesandte Khalilzad versucht seit fast einem Jahr, afghanische Politiker mit der Alternative „Frieden oder Wahlen“ von dieser Idee abzubringen. Doch solange die Taliban die Regierung als US-Marionette betrachten und Gespräche mit ihr ablehnen, gibt es auf afghanischer Seite wenig Gründe, sich an die US-Vorgabe zu halten.

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