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Arbeitsverbot für Frauen in Afghanistan: UN äußert sich „zutiefst beunruhigt“

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Von: Katja Thorwarth

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Die Taliban schließen Frauen aus dem öffentlichen Leben in Afghanistan aus. UN-Generalsekretär António Guterres verurteilt die Restriktionen.

Update vom Mittwoch, 28. Dezember, 11.00 Uhr: Der UN-Sicherheitsrat hat die radikalislamischen Taliban in Afghanistan zur Rücknahme der von ihnen verhängten drastischen Beschränkungen der Rechte von Frauen aufgefordert. Das höchste UN-Gremium äußerte sich „zutiefst beunruhigt“ über die „fortschreitende Aushöhlung“ der Menschenrechte in dem Land und forderte die volle Teilhabe von Frauen und Mädchen am öffentlichen Leben in Afghanistan.

UN-Generalsekretär António Guterres verurteilte die Restriktionen für Frauen und Mädchen in Afghanistan als „nicht zu rechtfertigende Verstöße gegen die Menschenrechte“, die zurückgenommen werden müssten.

Zuvor hatte UN-Menschenrechtskommissar Volker Türk bereits kritisiert, das Beschäftigungsverbot für Frauen in Hilfsorganisationen drohe die Arbeit der Organisationen in Afghanistan zu beeinträchtigen. Türk warnte vor „furchtbaren Auswirkungen“ der Entscheidung für die gesamte Bevölkerung des Landes. Mehrere internationale Hilfsorganisationen hatten bereits angekündigt, ihre Aktivitäten in Afghanistan auszusetzen.

NGOs legen Tätigkeit wegen Arbeitsverbot für Frauen nieder - Afghanistan-Hilfe steht infrage

Erstmeldung vom Dienstag, 27. Dezember: Kabul / Berlin - Bei ihrer Machtübernahme im Sommer 2021 hatten die islamistischen Taliban versprochen, Frauenrechte zu achten. Doch die Realität ist eine andere. Erst am 20. Dezember wurden in einer Regierungserklärung alle privaten und öffentlichen Universitäten angewiesen, Frauen den Zutritt zu verweigern. Sie dürfen ab sofort keine Universitäten mehr besuchen. Am 24. Dezember schließlich wurden Hilfsorganisationen durch ein Arbeitsverbot dazu aufgefordert, ihre Mitarbeiterinnen zu suspendieren.

Doch gegen diese Anweisung regt sich Widerstand. Eine wachsende Anzahl internationaler Hilfsorganisationen (NGOs) hat ihre Tätigkeit in Afghanistan ausgesetzt. „Frauen sind für jede humanitäre Hilfsaktion von entscheidender Bedeutung“, formulierte die Organisation ActionAid am Sonntag (25. Dezember). Dies gelte umso mehr in Afghanistan, wo „nur Frauen mit Frauen interagieren können“. Bundesentwicklungsministerin Svenja Schulze (SPD) stellte bisherige Afghanistan-Hilfen infrage.

Die Taliban verdrängen die Frauen in Afghanistan aus dem öffentlichen Leben.
Die Taliban verdrängen die Frauen in Afghanistan aus dem öffentlichen Leben. © Ebrahim Noroozi/dpa

Taliban gegen Frauen - NGOs legen in Afghanistan Arbeit nieder

Das Arbeitsverbot für Frauen sei „ein unverantwortlicher Schlag gegen die Hilfe für das afghanische Volk“, erklärte Schulze mit Verweis auf die Taliban. „Ohne weibliche Beschäftigte können Organisationen ihre Arbeit in vielen Bereichen für die Hälfte der Bevölkerung nicht fortführen.“ Damit sei eine neue Situation entstanden, weshalb die gegenwärtige Unterstützung, die Deutschland mit anderen leiste, zunächst zu suspendieren, sagte die SPD-Politikerin. 

Neben ActionAid gab auch die Organisationen ChristianAid und Aktion gegen den Hunger die vorläufige Einstellung ihrer Arbeit bekannt. Nach Angaben der NGO ActionAid arbeiten derzeit 97 Frauen für sie in Afghanistan. Christian Aid sagte, die Organisation wolle „schnell Klarheit“ über die Ankündigung der Taliban und forderte die Rücknahme des Verbots. Millionen Menschen lebten in Afghanistan „am Rande der Hungernot“, erklärte Ray Hasan, der regionale Leiter der NGO.

Aktion gegen Hunger setzen Arbeit größtenteils aus

Aktion gegen den Hunger wird ihre Arbeit in Afghanistan ebenfalls größtenteils auszusetzen. Einzig die „lebenswichtigen medizinischen Maßnahmen für Kinder, die an akuter Unterernährung leiden“, würden fortgesetzt. Die Organisation betonte, dass die Hilfsprojekte vor allem auf Kinder unter fünf Jahren und Frauen im gebärfähigen Alter abzielten. Die Entscheidung der Taliban sei ein „Hindernis für die Fortsetzung unserer Aktivitäten“.

„Bis wir Klarheit über diese Ankündigung haben, setzen wir unsere Programme aus“, hatte es bereits am Sonntag in einer gemeinsamen Mitteilung von Save the Children, dem Norwegischen Flüchtlingsrat (NRC) und Care geheißen. Das Internationale Rettungskomitee (IRC) teilte mit, es sei auf all seinen Ebenen „auf weibliche Angestellte angewiesen“. „Wenn es uns nicht erlaubt ist, Frauen zu beschäftigen, können wir den Bedürftigen nicht helfen.“

Deutsche Welthungerhilfe protestiert gegen Politik der Taliban gegen Frauen

Jetzt protestiert auch die Deutsche Welthungerhilfe. In einem am Dienstag veröffentlichen Statement von ACBAR, dem Dachverband der in Afghanistan tätigen Nichtregierungsorganisationen, werden die staatlichen Stellen aufgefordert, die schriftliche Anordnung zurückzunehmen. 183 lokale und internationale Organisationen haben das Statement unterschrieben.

„Wir können und wollen dieses Verbot nicht akzeptieren, denn es diskriminiert die Hälfte der Bevölkerung Afghanistans. Wir werden unsere Arbeit daher zunächst aussetzen. Unsere humanitäre Hilfe respektiert die kulturellen, traditionellen und religiösen Werte des Landes, aber wir lehnen jede Diskriminierung aufgrund des Geschlechts, Religion, Alter oder ethnischer Herkunft kategorisch ab. Ohne unsere weiblichen Kolleginnen können wir die Frauen und Mädchen im Land nicht mehr adäquat versorgen“, betonte Mathias Mogge, Generalsekretär der Welthungerhilfe.

Humanitäre Lage in Afghanistan ist dramatisch

Die humanitäre Lage im Land ist dramatisch. Rund 28,3 Millionen Menschen sind in Afghanistan auf humanitäre Hilfe zum Überleben angewiesen, das sind zwei Drittel der Bevölkerung. 20 Millionen der Einwohner:innen sind von Hunger bedroht. (ktho/AFP)

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