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US-Soldaten in Afghanistan: Wie nun bekannt wurde, waren sie weniger erfolgreich als behauptet.

Afghanistan-Papers

Afghanistan und kein Ende: Wie das Land am Hindukusch zu befrieden ist, weiß offenbar niemand

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Die „Afghanistan-Papers“ sind politisch brisant, weil sie die US-Regierungen von George W. Bush, Barack Obama und Donald Trump als Lügner und Schönredner überführen.

Nicht alles ist neu, was nun öffentlich wurde, aber vieles ist erstmals schwarz auf weiß zu lesen.

Bedauerlicherweise werden die Erkenntnisse aber kaum Folgen haben. Weder werden die Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen, noch wird die Trump-Administration versuchen, die Fehler der Vergangenheit zu korrigieren und damit den 18-jährigen Einsatz in Afghanistan zu einem halbwegs versöhnlichen Ende bringen.

Dieses ernüchternde Fazit hat viel mit einer der wesentlichen Erkenntnisse der „Afghanistan-Papers“ zu tun: Die USA wollten zu viel auf einmal, hatten dafür aber weder einen Plan noch eine Strategie. So lassen sich etliche Ausführungen der früheren Diplomaten und Militärs zusammenfassen.

Irak-Krieg hatte für Afghanistan weitreichende Folgen

Zu Beginn des Feldzugs war das noch anders. Zunächst wollten die USA die Terrororganisation Al-Kaida zerstören, deren Anführer Osama bin Laden dingfest machen, die Taliban aus der Regierung drängen und mit all dem weitere Anschläge wie auf das World Trade Center am 11. September 2001 verhindern. Diese Ziele waren mehrheitlich nach etwa sechs Monaten erreicht. Nur bin Laden fanden und töteten die US-Einheiten erst viel später.

Die US-Regierung und ihre Verbündeten wollten in Afghanistan in kurzer Zeit eine Demokratie schaffen und einen Staat aufbauen. Doch statt sich auf diese mehr als ehrgeizige Aufgabe zu konzentrieren, zog die Bush-Administration 2004 erneut in den Krieg - diesmal gegen den Irak. Diese Überforderung der USA hatte für Afghanistan weitreichende Folgen.

Die Regierung Obama machte es leider nicht besser. Sie ersetzte zwar Bushs Kampf gegen den Terrorismus durch eine großangelegte Kampagne, mit bis zu 150 000 US- und Nato-geführten Isaf-Truppen sowie viel Geld und Hilfe für den Aufbau des Landes. Doch wollte Washington diesmal zu viel auf einmal und war dabei auf eine teils korrupte und nicht ausreichend funktionierende Regierung angewiesen, deren Einfluss im Land in dem Maße abnahm, wie man sich von der Hauptstadt Kabul entfernte. Die fehlende oder zeitweise widersprüchliche Strategie hatte teils katastrophale Folgen. So bekämpften und töteten US-Einheiten militärisch die aufständischen Taliban, während andere US-Soldaten innerhalb der Nato-geführten Schutztruppe Isaf halfen, Brunnen zu bohren oder anders dabei halfen, das Land wieder aufzubauen. Damit gewannen sie weder die Herzen der Afghanen, wie ein US-Slogan hieß, noch besiegten sie die Aufständischen. Stattdessen starben Tausende Soldaten und Zivilisten.

Afghanistan: Liste der Verfehlungen ist lang

Die Liste der Verfehlungen lässt sich beliebig fortführen. Im Kampf gegen den Drogenanbau beispielsweise waren sich die USA und ihre Verbündeten nicht einig über das Vorgehen. Im Ergebnis verbrannten sie mit afghanischen Polizisten und Soldaten zwar regelmäßig Opium, doch die Mohnernte eilte von einem Rekord zum nächsten. Aus Afghanistan kam und kommt der Löwenanteil - bis zu 90 Prozent - des weltweit konsumierten Heroins, dessen Grundstoff Opium ist.

Doch es gab und gibt nicht nur negative Nachrichten aus Afghanistan. An einigen Regionen konnten und können Afghaninnen und Afghanen weitestgehend friedlich leben. Auch gehen viele Mädchen zur Schule. Doch gemessen an den Zielen und dem Einsatz der teils immensen Mittel sind die Fortschritte nicht ausreichend.

Die überwiegend schlechten Nachrichten aus Afghanistan ließ das anfängliche Engagement vieler Helferstaaten erlahmen. Die Obama-Administration kündigte zudem 2014 den Rückzug der US-Armee an. Diese Entscheidung war sehr umstritten, weil er eigentlich zu früh kam. Die Taliban, meinten viele US-Generäle, müssten nicht mehr kämpfen, sondern nur noch auf den Abzug warten.

Afghanistan: Das Ergebnis war immer eher desaströs

Doch nicht nur in Afghanistan ging viel schief. Den US-Alliierten gelang es auch nicht, die Nachbarstaaten Pakistan, Indien und China mit der afghanischen Regierung an einen Tisch zu bringen, um gemeinsame Probleme zu besprechen und zu lösen. Auch Pläne, das Land am Hindukusch ökonomisch zu entwickeln, ließen sich nicht umsetzen. Meist scheiterten diese Absichten an der fehlenden Sicherheit.

Verstärkt wurde das wachsende Desinteresse vor allem in den USA an Afghanistan noch durch weitere Niederlagen der Interventionspolitik. Unabhängig davon, wie intensiv die USA sich in Afghanistan, im Irak, in Syrien und Libyen engagierten, das Ergebnis war immer eher desaströs.

Vor diesem Hintergrund dürften die „Afghanistan-Papers“ auch die Trump-Administration kaum dazu bewegen, sich mit den Verbündeten um eine angemessene Ausstiegsstrategie zu bemühen. Hinter den Kulissen dürften die USA wie angekündigt weiter versuchen, mit den Taliban zu einem Friedensschluss zu kommen.

Bis dahin werden Soldaten und Polizisten aus den Vereinigten Staaten, Deutschland und anderen verbündeten Nationen weiter ihre afghanischen Kollegen ausbilden, werden Beschäftigte verschiedener Hilfsorganisationen weiter ihr Möglichstes tun, um Afghaninnen und Afghanen dabei zu unterstützen, ihr Land aufzubauen.

Von Andreas Schwarzkopf

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Das Abkommen zwischen den USA und den Taliban ist ein Durchbruch. Aber es ist erst der Anfang schwieriger Gespräche über die Zukunft Afghanistans.Der Leitartikel von Andreas Schwarzkopf.

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