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Provinz leistet Widerstand

Afghanistan: Widerstand gegen die Taliban - heftige Kämpfe um Pandschir

  • VonAres Abasi
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Aktuell kommt es zu zahlreichen Kämpfen zwischen Taliban und den Widerstandskämpfern in Pandschir. Die Situation scheint kritisch zu sein.

Pandschir - Ein Tal 30 Kilometer von Afghanistans Hauptstadt Kabul: Die Provinz Pandschir leistet seit Jahren Widerstand gegen die extrem-islamistischen Taliban. Durch seine besondere Lage und seine mutigen Bewohner:innen scheint die afghanische Provinz uneinnehmbar zu sein.

Vergangene Nacht (01.09.2021) lieferten sich die Taliban und Bewohner:innen des Pandschir Tals Gefechte. Die Islamisten versuchen immer wieder, erfolglos, die Provinz einzunehmen. Zuvor versuchten sie vergangenen Montagabend (31.08.2021), in das Tal vorzudringen – ohne Erfolg. Sieben Mitglieder der Terrormiliz starben bei dem Versuch. „Letzte Nacht attackierten die Taliban Pandschir, wurden jedoch mit 7 Toten und zahlreichen Verwundeten, besiegt“, sagte Bismillah Mohammadi, Mitglied der Widerstandsbewegung. Mohammadi war Minister unter dem geflohenen Präsidenten Ashraf Ghani. Das Pandschir Tal ist die einzige Provinz, die sich noch nicht unter der Herrschaft der Taliban befindet. Doch was macht Pandschir so besonders und warum schaffen es die Taliban nicht, einzumarschieren?

Pandschir Afghanistan: Jahrelang erfolgreicher Widerstand

Es ist nicht das erste Mal, dass die Taliban versuchen, Pandschir einzunehmen. Während Afghanistan turbulente Jahrzehnte erlebte, blieb das Tal bislang uneinnehmbar. In den 80er Jahren leistete es erfolgreichen Widerstand gegen Truppen der Sowjetunion. Als 1996 die Taliban dann Kabul einnahmen und das Islamische Emirat Afghanistan gründeten, schafften sie es nicht, in Pandschir einzudringen. In den fünf Jahren der islamistischen Schreckensherrschaft blieb das Tal unabhängig.

Das lange, tiefe und staubige Tal erstreckt sich über 120 Kilometer – von Südwesten bis Nordosten – bis zum Norden der Afghanischen Hauptstadt Kabul.

Pandschir-Tal: Besondere geographische Lage

Das Tal wird durch 3000 Meter hohe Gipfel geschützt. Sie bieten eine natürliche Barrikade, die die Bewohner:innen Pandschirs schützt. Es führt lediglich eine schmale Straße zum Tal, die umgeben ist von Felsvorsprüngen und einem Fluss. „Die Region hat etwas Mystisches. Es ist nicht nur das Tal. Sobald du dort bist, gibt es weitere 21 Täler, die mit Pandschir verbunden sind“, sagt Shakib Sharifi bei einem BBC-Interview. Sharifi lebte dort als Kind, verließ jedoch Afghanistan, nachdem die Taliban an die Macht kamen. 

Bürger von Panjshir demonstrieren zu Ehren von „Nationalheld“ Ahmad Schah Massoud

Am Ende des Tals führt ein kleiner Weg (4,43 Meter) zum Anjuman Pass und führt dann weiter östlich zum Hindukusch. Die Armeen von Alexander dem Großen und dem zentralasiatischen Militäranführer Timur, überquerten diesen Weg. „Historisch gesehen war das Tal auch für seine Mienen – in denen wertvolle Edelsteine zu finde waren – bekannt“, sagte Elisabeth Leake, Professorin der internationalen Geschichte der Leeds Universität. Heute besitzt das Tal Dämme, die Strom aus Wasserkraft produzieren. Die USA halfen dabei, Straßen zu bauen und einen Radioturm zu errichten, von dem aus Nachrichten aus Kabul empfangen werden konnten.

Afghanistan: Menschen in Pandschir gelten als mutig

Mutige Menschen: In dem Tal leben zwischen 150.000 und 200.000 Menschen. Die meisten Einwohner:innen sprechen Dari – die Amtssprache Afghanistans – und haben tadschikische Wurzeln. Sharifi bezeichnete die Einwohner Pandschirs als mutig, „wahrscheinlich die mutigsten Menschen in Afghanistan“. Sie seien mit den Taliban unversöhnlich und „im positiven Sinne“ kriegslustig. Historische Siege gegen die Briten, Sowjets und Taliban ermutigten die Einwohner:innnen. 

Laut Antonio Giustozzi, Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Royal United Services Institut, gäbe es hunderte ähnliche Täler in Afghanistan. Jedoch sei die direkte Lage an der Hauptstraße nördlich zu Kabul, ein „entscheidender strategischer Vorteil“. Gleichzeitig spielen noch weitere Faktoren eine wichtige Rolle: Es sei die Kombination aus der abgelegenen Kampfposition aus dem Tal, seiner geografischen Lage und dem extremen Stolz seiner Einwohner:innen. Laut Giustozzi sollen sich weitere afghanische Provinzen ein Beispiel an Pandschir nehmen.

Pandschir: Afghanische Provinz hat einen großen Waffenvorrat

Seit dem letzten Widerstand glaubt man, dass Pandschir im Besitz eines großen Waffenvorrats ist. Die Waffen hätten sie in den letzten 20 Jahren eigentlich wieder aushändigen müssen, „aber es sind noch Bestände übrig“, sagte Giustozzi. „Afghanische Offiziere mit guten Kontakten brachten ebenfalls mehr Waffen ins Tal, weil sie die Präsidenten Karzai und Ghani fürchteten. Aber am Ende mussten sie sich eher Sorgen um die Taliban machen.“ Der Anführer der Anti-Taliban-Bewegung ist Ahmad Massoud, Sohn des früheren Anführers in den 80er und 90er Jahren, Ahmad Shah Massoud. Der 32-Jährige gab an, dass das Tal militärische Unterstützung von Mitgliedern der afghanischen Armee und Spezialeinheiten hätte. 

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„Wir haben Vorräte an Munitionen und Waffen, die wir seit der Zeit meines Vaters geduldig sammelten, weil wir wussten, dass dieser Tag kommen würde“, schrieb er in einer Stellungnahme in der Washington Post. Sein Vater Ahmad Shah Massoud trug den Spitznamen „Löwe von Pandschir“. Pandschir heißt übersetzt „fünf Löwen“. Er leistete Widerstand gegen die Sowjets und die Taliban. 

Afghanistan: Nachfolger vom früheren Widerstandskämpfer ist sein Sohn

Ahmad Shah Massouds Portrait hängt noch an vielen Orten wie Schaufenstern, an Denkmälern und an Plakaten. Das Pandschir Tal bekam durch ihn den Ruf des antikommunistischen Widerstandes, nachdem die Sowjets einmarschiert waren. „Er war das Gesicht des Widerstandes im sowjetisch-afghanischen Krieg. Er war charismatisch, war in den westlichen Medien aktiv. Er war auch einer der wenigen Widerstandskämpfer, mit denen die Sowjets Verhandlungen führten, was ihn so wichtig machte“, sagte Professor Elisabeth Leake von der Universität Leeds.

2001 starb Massoud bei einem Attentat der al-Qaida, zwei Tage vor dem Anschlag auf das World Trade Center. Ahmad Massoud war 12, als das passierte. Er studierte später in London und trainierte ein Jahr lang an der Royal Military Academy in Sandhurst. „Zwar hat er den Charme seines Vaters, aber er ist als militärischer Anführer noch ungetestet. Er muss also fähig sein, auf nationaler Ebene zu verhandeln. Aber weil er noch neu ist, hat er nicht viel zu verlieren – er könnte bei Diskussionen fordernder sein, so wie seine Vorgänger“, sagte Giustozzi. Massoud sei jedoch seine Herkunft und die Wichtigkeit seines Vaters für Afghanistan bewusst. Man könne sehen, wie er in seine Fußstapfen tritt. „Doch dieses Mal ist die Geschichte anders. Die Taliban haben die meisten Städte in der Nähe eingenommen und Lieferketten zerstört. Das verändert die Lage.“

Pandschir: Taliban belagern das afghanische Tal - Situation kritisch

Dem amerikanischen Nachrichtensender CNN sagte ein Taliban-Sprecher, dass beide Seiten einwilligten, von Angriffen abzulassen, während noch Verhandlungen geführt werden. Am vergangenen Montag (30.09.2021) gaben die Taliban an, drei Gebiete des Pandschir Tals eingenommen zu haben. „Die Gebiete Banu, Bel Hisar und De Salah wurden komplett vom Bösen gereinigt“, twitterte Taliban Sprecher Zabihullah Mujahid. Am Wochenende schickten die Taliban Streitkräfte in das Tal. Sie forderten von den Anführern, dass sie aufgeben sollen. „Die Taliban verbieten uns Essen und Benzin, um in das Andarab Tal zu kommen. Die Situation ist kritisch. Tausende Frauen und Kinder sind in die Berge geflüchtet. In den letzten zwei Tagen entführten sie Kinder und ältere Menschen und nutzten sie als Waffe, um Häuser zu durchzusuchen und sich fortbewegen zu können“, twitterte Vizepräsident Amrullah Saleh, der sich derzeit in Pandschir aufhält.

Laut CNN seien die Verhandlungen zwischen Pandschir und den Taliban umstritten. Taliban Sprecher Suhail Shaheen sagte: „Pandschir mit Gewalt zu erobern, ist der letzte Ausweg und spricht auch gegen unsere Grundsätze. Wir werden unser Bestes geben, dass es nicht soweit kommt.“ In einem Interview mit der Nachrichtenagentur Reuters sagte Massoud, er sei offen für Verhandlungen, solange die Taliban einer Mehrparteienregierung zustimmen. Seine Anhänger seien jedoch bereit dazu zu kämpfen, falls die Taliban in das Tal eindringen sollten. (Ares Abasi)

Rubriklistenbild: © Beth Wald / dpa

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