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Ortskräfte in Afghanistan: „Im besten Fall Folter“ – Familie droht Tod durch Taliban

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Von: Katja Thorwarth

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Kämpfer der Taliban stehen am Eingang des ehemaligen Ministeriums für Frauenangelegenheiten Wache.
Kämpfer der Taliban stehen am Eingang des ehemaligen Ministeriums für Frauenangelegenheiten Wache. © Oliver Weiken/dpa

In Afghanistan verstecken sich Tausende Ortskräfte vor den Taliban. Viele vertrauen auf die Ampel-Regierung: Wie sich am Beispiel einer Familie zeigt, vergeblich. Ein Interview.

Frau Röken, sie wollten einer afghanischen Familie bei ihrer Ausreise nach Deutschland helfen. Wie kam es zu dem Kontakt?
Der Vater der jungen Familie hat auf Twitter in hunderten von Tweets um Hilfe gebeten. Einen seiner Hilferuf fand ich unter einem meiner Tweets. Ich bat ihn, mir auf Twitter zu folgen, damit ich ihm eine Nachricht schicken konnte. So begann alles.

Wie ging der Kontakt weiter?
Ich habe unzählige E-Mails geschrieben, an Ministerien, NGOs, wie Medico international, Amnstey International, an Politiker, wie beispielsweise an Erik Marqwardt etc.. Niemand konnte bzw. wollte helfen. Auf Twitter habe ich dann den Einsatz von Axel Steier von Mission Lifeline für die zurückgelassenen Ortskräfte in Afghanistan gesehen und bin mit ihm in Kontakt getreten. Er war der einzige, der half und immer noch hilft. Mission Lifeline hat auch die Kosten für den Anwalt Matthias Lehnert übernommen.

Ortskräfte in Afghanistan: Familie droht Folter durch Taliban

Welche Arbeit hat die Frau der Familie für die Bundesrepublik ausgeführt?
Frau A. hat von 2016 bis 2020 für das Afghanische Frauenministerium gearbeitet. Das Frauenministerium hatte einen Vertrag mit der GIZ für das Family Consulting Center Project (FCC). Hierfür hat sie gearbeitet und dort Frauen betreut, die zum Beispiel geschlagen wurden oder nicht arbeiten oder studieren durften, denen Ausbildungen versagt wurden. In über 200 Fällen hat sie sich für diese Frauen eingesetzt. Zeugnisse des Afghan Ministry of Women Affairs, worin der Direktbezug zur GIZ erwähnt wird, belegen das.

Zur Person

Sandra Röken, Fotokünstlerin aus Gladbeck, engagiert sich politisch für geflüchtete Menschen. Seit einem Hilferuf aus Afghanistan Ende August 2021 setzt sie sich aktiv für eine achtköpfige Familie in Afghanistan ein. Da die zweifache Mutter nur eine Privatperson ist, sucht sie nach professioneller Hilfe, um die Familie zu retten.

Der Familie wurde durch das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit (BMZ) eine Absage erteilt. Mit welcher Begründung?
Das BMZ sieht in der Arbeit von Frau A. für das FCC Project der GIZ kein Arbeits-/Beschäftigungsverhältnis mit einer Institution der deutschen bilateralen Entwicklungszusammenarbeit oder einer deutschen politischen Stiftung. Es bestand kein direkter Vertrag zwischen Frau A. und der GIZ. Frau A. hatte den Vertrag mit dem Afghan Ministry of Women Affairs, die allerdings im Rahmen des FCC Projects mit der GIZ zusammengearbeitet haben. Es ist schon merkwürdig, denn die Arbeit für Projekte des Ministeriums führen ja diejenigen aus, die für das Ministerium arbeiten. Der Bezug ist eindeutig nachgewiesen.

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Was für Folgen dürfte das für die Menschen haben?
Bei der Familie handelt es sich um acht Personen. J. ist der Vater Familie, der als IT-Manager an der Universität seiner Familie tätig war. Das Kawun Insitute for Higher Education in Mazar-e-Sharif gehörte seiner Familie zu 50%. An dieser Uni wurden auch Frauen unterrichtet, und die Universität hat sich stark für Frauenrechte eingesetzt. Außerdem hatte die Uni Verträge mit Deutschland.
J. kann seit August 2021 nicht mehr arbeiten und wird von den Taliban gesucht. Ihm drohen Verhaftung, Folter, schlimmstenfalls die Ermordung.

M. wird aufgrund ihrer oben beschriebenen Arbeit von den Taliban gesucht. Sollten die Taliban sie aufgreifen, würde das wahrscheinlich ihren Tod bedeuten. Im „besten“ Fall käme sie mit Folter davon. Die beiden jungen Töchter haben als Mädchen in der derzeitigen Situation in Afghanistan unter den Taliban keine Zukunft. Für die beiden Schwestern des Vaters ist zu befürchten, dass sie von den Taliban zwangsverheiratet werden.

Der jüngere Bruder von J. hat eigentlich auch nur eine Chance zu überleben, wenn er sich den Taliban anschließen würde. Die Mutter von J. hat, genau wie der Rest der Familie, alles verloren. Ohne Geld und Unterkunft hat sie nur noch ein Leben in Armut und in der ständigen Befürchtung von den Taliban gefunden und schlimmstenfalls ermordet zu werden.

Ortskräfte in Afghanistan: Vater starb u.a. an den Folgen der Folter durch Taliban

Was hat die Familie bereits erleiden müssen?
J. flüchtete mit seiner Familie, nachdem die Taliban Mazar-e-Sharif eingenommen hatten. Die Taliban kamen Ende August zu seinen Eltern und forderten sie auf, den Aufenthaltsort ihrer Kinder preiszugeben. Als sie das verweigerten, zündeten die Taliban das Haus an und fügten auch der Mutter Verbrennungen zu. J. und seine Familie versteckten sich zunächst im Großraum Mazar-e-Sharif. Das wurde Anfang Oktober 2021 zu gefährlich. Schließlich kam die Familie in einem „guest house“ in Kabul unter. Die Kosten dafür und der Lebensunterhalt wurden durch Spendenaktionen von Axel Steier und Mission Lifeline finanziert, da die Familie all ihre Habseligkeiten verkauft hatte, um den Lebensunterhalt zu finanzieren.

Wie erging es den Großeltern?
Am 8. Oktober kam die Taliban wieder zu J. Eltern, die erneut keine Informationen über den Aufenthaltsort der Kinder preisgaben. Daraufhin wurden sie von den Taliban gefoltert. J.s Vater schlugen sie und verbrannten ihn an Armen, Beinen, im Gesicht und am Ohr mit einem heißen Bügeleisen. Am 15. November starb er unter anderem an den Folgen der Folterungen.

Als J. zurückkehrte, um seiner Mutter beizustehen, kam es zu einem Treffen mit den Taliban. Sie gestanden ihm und der Familie eine 40-tägige Trauerphase zu, nach deren Ende sie sich sofort stellen sollten. Während dieser Trauerphase flüchtete die Familie, nun auch mit J. Mutter, erneut. Sie verstecken sich seither an einem geheimen Ort. Allen Familienmitgliedern droht schlimmstenfalls die Ermordung durch die Taliban.

Ampel-Regierung kümmert sich nicht ausreichend um Ortskräfte aus Afghanistan

Welche Rolle spielt bei diesem Verfahren die Ampel-Regierung?
Das Ablehnungsschreiben kam vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit (BMZ), das ja nun unter der Ampel-Regierung von Svenja Schulze (SPD) geleitet wird. Auch das Auswärtige Amt unter Annalena Baerbock sowie das SPD-geführte Verteidigungsministerium zeigen keinerlei Einsatz für die zurückgelassenen Ortskräfte. Verträge, die über Subunternehmen, wie in meinem Fall das Afghanische Frauenministerium, mit Deutschland (GIZ) geschlossen wurden, werden nicht anerkannt. Ortskräfte, die vor 2013 mit Deutschland gearbeitet haben, werden generell abgewiesen. Da hat sich unter der Ampel nichts geändert. (Interview: Katja Thorwarth)

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