+
Früher Bin Ladens Versteck, heute das des IS. die Tora-Bora-Berge.

Afghanistan

Taliban gegen Daesh: Morde unter Extremisten

  • schließen

Im Osten Afghanistans bekämpfen geflohene IS-Kämpfer einheimische Taliban und deren Anhänger.

Zwei schweißtriefende junge Burschen mühen sich in der glühenden Vormittagshitze beim Flicken eines Lastwagenreifens. Ein paar Schritte weiter wartet im Schatten eines Containers ein älterer Mann mit langem weißen Bart und schwarzem Turban auf Kunden, die sein Stangenholz kaufen. Ein Eisverkäufer schiebt einen rosaroten Karren über die verstaubte Hauptstraße der afghanischen Stadt Jalalabad nahe der Grenze zu Pakistan. Plötzlich knallen zwei Schüsse. Menschen schreien, eine Ambulanz rast vorbei, Polizisten rennen mit ihren Kalaschnikow in die Richtung, in der die Schüsse fielen.

Afghanischer Alltag in Jalalabad: 30 Minuten nach dem Zwischenfall werden über soziale Medien Einzelheiten bekannt. Attentäter haben einen Mullah ermordet. Er ist Opfer Nummer 29 auf der Liste der islamischen Geistlichen, die im Juni in der Stadt einer blutigen Fehde um die Religionshoheit zum Opfer fielen. „Das ist ein Kampf zwischen den Hanafis und Salafisten“, sagt der 41-jährige Ajmar Omar, Mitglied des gewählten Rats der Nangahar-Provinz.

Die meisten Einwohner der Region folgen der Hanafi-Schule der islamischen Sunniten. Die Salafisten sitzen, abgesehen von den in Jalalabad eingesickerten Attentätern, in den Shin-Ghar-Bergen, die sich wie eine riesige, staubige Wand in einiger Entfernung erheben. Einst hausten in den Bergen der Weißen Bärte (deutsch für Shin Ghar) die Extremisten von Osama Bin Ladens Gruppe Al Kaida in den Höhlen des dortigen Tora-Bora-Massivs. Vor vier Jahren zogen Gotteskrieger der Terrorgruppe „Islamischer Staat“ (IS) in die Höhlen ein. Gegenwärtig versuchen sie mit ihrer blutigen Kampagne gegen islamische Geistliche, ihre eigene Version des Islam durchzusetzen.

Daesh hat sich bislang wenige Freunde gemacht

Doch Daesh, wie die Terrortruppe am Hindukusch mit ihrem arabischen Namen genannt wird, hat sich bislang wenig Freunde gemacht. Im Gegensatz zu den radikalislamischen Talibanmilizen erließen die Extremisten ein striktes Verbot für Anbau und Produktion von Opium. Zigarettenrauchen ist ebenfalls verboten.

Fast alle Bewohner in den Dörfern unter IS-Kontrolle sind geflohen. Die strikten Regeln waren nur ein Grund. „Sie haben am Anfang mehrere Massaker verübt“, sagt Haji Najibullah, der zu den Flüchtlingen gehört, „deshalb sind wir alle gegangen.“ Stattdessen überfluten die Extremisten in diesen Tagen per Whatsapp und Facebook die Chefs der Dorfgemeinschaften in Jalalabad und fragen scheinheilig: „Warum kehrt ihr nicht zurück.“

Eine Front zwischen Taliban und Daesh

„Niemand weiß, wie viele Daesh-Kämpfer es in den Bergen gibt. Dort wohnt niemand mehr und deshalb sickern keine Informationen durch“, sagt Ajmal Omar, ein Politiker aus Nangahars Provinzrat. Dazu gehört auch sein Heimatdistrikt Sherzad. „Dort verläuft die Front zwischen den Talibanmilizen und Daesh“, sagt Omar.

Militärexperten schätzen, dass gegenwärtig zwischen 1500 und 3000 IS-Terroristen in mehreren Regionen des Hindukusch aktiv sind. Laut der Online-Wochenpublikation Al-Nabaa des IS verübte die Gruppe zwischen den Fastenmonaten Ramadan des Jahres 2018 und 2019 insgesamt 71 Attacken in der Hauptstadt Kabul, darunter 29 Selbstmordattacken und zehn Morde.

Befürchtungen, nach den Niederlagen im Nahen Osten könnten viele Extremisten an den Hindukusch umsiedeln, bestätigten sich bislang aber nicht. In Jalalabad sind viele Bewohner dennoch überzeugt, dass der IS-Führer Abu Bakr al-Baghdadi inzwischen in Tora Bora lebt. „Bei seinem letzten Video-Auftritt war er gekleidet wie ein Afghane“, sagt Ajmal Omar.

IS gilt als zweitgrößte Terrororganisation, die in Afghanistan unterwegs ist

Der IS gilt nach den Taliban als größte der insgesamt 24 Terrororganisationen, die US-Angaben zufolge gegenwärtig in Afghanistan unterwegs sind. Mit ihren 1500 bis 3000 Kämpfern kommt der IS aber nicht einmal auf ein Zehntel der Stärke der radikalislamischen Taliban. Erste Stützpunkte im Norden des Landes wurden wieder aufgegeben. Doch auch die afghanischen Gotteskrieger, die den IS als gefährliche Konkurrenz betrachten, schaffen es nicht, die Terrorgruppe aus Tora Bora zu vertreiben.

Im Frühjahr schleusten die Talibanmilizen rund 4000 Kämpfer – etwa zehn Prozent ihrer gesamten Kampftruppe – durch Nangahar in die benachbarte Provinz Kunar, der wichtigsten Bastion des IS. Laut Informationen aus Sicherheitskreisen zogen sich damals afghanische und US-Einheiten zurück, um die Talibanoffensive nicht zu behindern.

Die Anekdote zeigt, wie kompliziert und verworren die Sicherheitslage am Hindukusch ist. Denn während Talibanmilizen in Katars Hauptstadt Doha mit den USA über Frieden verhandeln und sich in den Provinzen Nangahar und Kunar bei Operationen gegen den IS informell mit US-Truppen und afghanischen Streitkräften koordinieren, unterhalten die radikalislamischen Milizen seit mehr als zwei Jahren zunehmend engere Kontakte zum Nachbarland Iran.

Angesichts der Zuspitzung im Verhältnis zwischen den USA und dem Iran gab es offenbar auch Absprachen. „Die Führung von Teherans Revolutionären Garden haben mit Taliban-Vertretern über Optionen diskutiert, wie bei einem Konflikt US-Attacken von Afghanistan aus auf den Iran verhindert oder behindert werden könnten“, sagt Wahid Mozdha, ein intimer Kenner der radikalislamischen Milizen.

„Es ist für uns Afghanen fast unmöglich, das alles nachzuvollziehen“, sagt Ajmar Omar, der Provinzpolitiker aus Jalalabad. Dann bekommt er eine Whatsapp-Nachricht. „Wir werden dich kriegen“, lautet die Nachricht, abgeschickt vom IS in den Bergen der Weißen Bärte.

Lesen Sie auch:

Bundeswehr bekommt Schinken nach Afghanistan geliefert

Menschen im Krieg - das Lebenswerk der Anja Niedringhaus

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion