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Afghanistan: Bomben am Ende eines Schultages

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Kabul im April: Nachdem sie die Nachricht von dem Anschlag auf die Schüler erreicht hat, eilen Angehörige zum Krankenhaus. Wakil Kohsar/afp
Kabul im April: Nachdem sie die Nachricht von dem Anschlag auf die Schüler erreicht hat, eilen Angehörige zum Krankenhaus. © Wakil Kohsar/afp

Die Anschläge auf die schiitische Minderheit der Hazara in Afghanistan haben dramatisch zugenommen. Meist steckt der Machtkampf des IS mit den Taliban dahinter.

Auf einmal sei alles hell gewesen. Dann habe er nur noch Rauch gesehen und Schreie gehört. Mohamed Nur* kann sich an die Explosion nicht mehr genau erinnern. Mehrere Schrapnelle hätten die Ärzte später aus seinem rechten Bein entfernt, ein anderes verfehlte nur knapp sein linkes Auge. Sechs Tage lag er im Krankenhaus. Dabei, sagt er nach einer Pause, habe er ja noch Glück gehabt. Sein bester Freund Dschamil Hamad hat den Anschlag nicht überlebt.

Der 17-jährige Nur sitzt an diesem Nachmittag in einem kleinen Lehmhaus am Rand von Kabul, wo er mit seinen Eltern und drei Geschwistern lebt. Asphaltierte Straßen gibt es hier keine. In den kleinen Fenstern des Hauses spiegeln sich die Bergkuppen des schroffen Gebirges, das im Westen der Stadt in Afghanistan liegt.

Am 19. April gegen 10.30 Uhr verließ Nur zusammen mit seinen Mitschülern der zwölften Klasse die Abdul Rahim Boy’s High School in Kabul durch den Hinterausgang, als innerhalb weniger Minuten zwei Bomben explodierten. Elf Schüler starben, Dutzende wurden schwer verletzt.

Nach der erneuten Machtübernahme durch die Taliban im August vergangenen Jahres haben die Angriffe wieder ein dramatisches Ausmaß angenommen. Seit Beginn des Jahres starben bei Anschlägen auf Moscheen, Schulen oder öffentliche Verkehrsmittel mehrere Hundert Menschen. Ziel waren fast ausschließlich schiitische Minderheiten wie die Hazara. Für die weltweite Öffentlichkeit sind diese gezielten Anschläge derzeit kaum ein Thema, was sicher zum Teil auch dem Ukraine-Krieg und dessen Folgen geschuldet ist. Hinter den Angriffen stecken oftmals terroristische Gruppierungen wie Isis-K, der Ableger des „Islamischen Staats“ (IS) in Afghanistan.

Afghanistan: Hazara bereits unter den Mudschaheddin verfolgt und vertrieben

Auch Nur, ein schmächtiger junger Mann mit hagerem Gesicht und widerspenstigem, dunklem Haar, ist ein Hazara. Diese wurden in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder Opfer von Gewalt. Mit etwa zehn Prozent der Bevölkerung sind sie nach den Paschtun:innen und Tadschik:innen die drittgrößte Ethnie des Landes – und gehören als Schiit:innen gleichzeitig der größten religiösen Minderheit an.

Die Hazara wurden bereits unter den Mudschaheddin, die 1992 das kommunistische Regime abgelöst hatten, verfolgt und vertrieben. Als die Taliban Ende der 1990er Jahre ein erstes Mal an die Macht kamen, verübten sie zahlreiche Massaker an ihnen.

Das Holocaust Memorial Museum der Vereinten Nationen warnte bereits nach dem Fall der alten Regierung im vergangenen Sommer vor einem drohenden Völkermord, Human Rights Watch befürchtet Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Erst kürzlich schrieben mehrere prominente Hazara, darunter namhafte Persönlichkeiten aus Wissenschaft und Politik, einen offenen Brief an UN-Generalsekretär António Guterres, in dem sie ihn zu sofortigem Handeln aufforderten.

Die genaue Zahl der neuesten Opfer zu bestimmen, ist schwierig. Die offiziellen Angaben der Taliban decken sich selten mit den Berichten der Opfer. Zudem riegeln die Taliban den Ort eines Anschlags meist nach kurzer Zeit ab und verhindern so die Berichterstattung.

Afghanistan: Kabuler Stadtteil Dascht-e Barchi immer wieder Ziel von Anschlägen

Die Schule, in der Nur noch eine Stunde vor dem Anschlag Mathematikunterricht hatte, liegt im westlichen Kabuler Stadtteil Dascht-e Barchi. Früher trockenes Farmland, wird er seit den 2000er Jahren vor allem von Hazara besiedelt. Immer wieder wurde er in den letzten Jahren Ziel von Anschlägen. „Eigentlich war an diesem Tag alles ganz normal“, erzählt Nur. Er sei an jenem Morgen früher aufgewacht und deswegen zu Fuß die halbe Stunde zur Schule spaziert. Der Tag habe lustig begonnen, er habe mit seinen Freunden herumgealbert, ein paar Sprüche über die Lehrer in Hefte geschrieben.

Auf seinem Handy zeigt er ein Foto des verstorbenen Freundes: Dschamil Hamad sitzt lächelnd auf einem Geländer vor einem Park in Kabul. Er habe nach der Schule Journalismus studieren wollen. Alle nannten ihn den „Bodybuilder“, weil er nach dem Unterricht Kampfsport trainierte. Kein Tag sei vergangen, an dem die beiden Freunde nicht telefoniert hätten. Manchmal habe ihn seine Familie gefragt, ob er außer Hamad noch andere Freunde habe. Nur hat eine Botschaft auf das Handyfoto geschrieben, um es als Erinnerung an Freunde zu verschicken: „Es war noch nicht Zeit für dich zu gehen, mein Bruder.“

„Hätten wir die Schule pünktlich verlassen, hätte es uns wohl nicht erwischt“, sagt Nur. Der Schuldirektor habe an diesem Tag Gutscheine für einen Vorbereitungskurs für die Universität verteilt, weshalb sich eine lange Schlange gebildet habe. Als Nur mit seinem Freund die Schule schließlich durch den Hinterausgang verließ, sei dort in einer engen Gasse die erste Bombe explodiert. Die zweite detonierte wenige Minuten später. Trotz Verletzungen sei er weggerannt, doch am Ende der Straße habe er gemerkt, dass Hamad nicht hinterherkam. „Als der Rauch sich lichtete, sah ich, dass Dschamil einfach umgefallen war. In seiner Brust war ein riesiges Loch.“

Für den Anschlag gibt es kein Bekennerschreiben. Allerdings passt er zum Profil des Isis-K, der die Schiit:innen und andere Minderheiten als Ungläubige betrachtet, die es zu vernichten gilt.

Taliban in Afghanistan wollten Situation unter Kontrolle bringen

„Früher waren es die Taliban, heute ist es eben der Isis-K – oder wer auch immer dahintersteckt“, sagt Nur. Er zeigt mit einer Hand auf die Wohnzimmerwand hinter ihm. Dort hängt neben einem Strauß Plastikblumen sauber eingerahmt das Bild seines Onkels, der Imam war. Vor sechs Jahren habe sich während eines Abendgebets ein Selbstmordattentäter der Taliban in der Moschee in die Luft gesprengt. Der Onkel und 85 weitere Menschen kamen ums Leben.

Die Taliban sagen, dass sie die Situation unter Kontrolle zu bringen versuchten. Nach ihrer Machtübernahme im vergangenen Sommer hatten sie in einer Großoffensive Hunderte feindliche Kämpfer getötet oder verhaftet. In Städten wie Kabul kam es in jüngster Zeit immer wieder zu großräumigen Razzien; von Tür zu Tür wurden mutmaßliche IS-Zellen gesucht. Doch die Taliban spielen den Isis-K oft auch herunter: Wenige Tage vor dem Anschlag bei Nurs Schule hatte der Talibansprecher Zabiullah Mudschahid noch auf Twitter verkündet, dass die Organisation in Afghanistan kein Problem für die Sicherheit der Bevölkerung sei. Eine gescheiterte PR-Maßnahme – und ein fataler Irrtum.

„Seit dem letzten Jahr hatten wir hier schon mehrere Zwischenfälle“, erzählt der Imam Schahid Ali* im Viertel Dascht-e Barchi. Der 54-Jährige, der bis auf sein Kinn fein säuberlich rasiert ist, trägt ein weißes Gewand mit einer grauen Weste. Aus Sicherheitsgründen möchte er den Namen seiner Moschee nicht in der Zeitung lesen. Dreimal bereits hätten sie Attentäter mit Sprengstoffwesten vor der Moschee entdeckt, die sie glücklicherweise noch aufhalten konnten. Die Moschee ist eine der größeren in der Nachbarschaft, täglich kommen Hunderte Menschen zum Gebet hierher.

Die Taliban hätten mehr Schutz für schiitische Moscheen und andere Einrichtungen versprochen, sagt Ali. Tatsächlich sei die Sicherheitslage jedoch nicht besser geworden – im Gegenteil: Die Taliban hätten das Sicherheitspersonal vor der Moschee sogar reduziert. Zudem müsse neuerdings die Moschee das Gehalt dieses Personals bezahlen.

Karte von Afghanistan.
Karte von Afghanistan. © FR

An diesem Nachmittag spaziert auch der stellvertretende Vorsitzende des Gemeindeschulrats, Ebrahim Amudi*, noch einmal durch die enge Gasse, auf die der Hinterausgang der Abdul Rahim Boy’s High School führt. Der 48-Jährige ist eine Vertrauensperson in der Nachbarschaft, ein hochgewachsener Mann mit freundlichem Gesicht. Neben ihm läuft sein sechsjähriger Sohn Ahmad*.

Die Gasse führt vorbei an Wohnhäusern, über deren hohe Mauern grüne Baumkronen ragen. Amudis Schritte werden schneller, sein Sohn hat Mühe, mitzukommen. Vor einem türkisfarbenen Metalltor bleibt er schließlich stehen. Er zeigt auf ein Loch im Boden, das notdürftig mit Steinen gefüllt ist. „Hier hatten sie die erste Bombe vergraben.“ Weil die Gasse so schmal ist, seien viele Schüler beim Verlassen der Schule von der Druckwelle erfasst worden.

Amudi lebt mit seiner Familie nur wenige Minuten vom Anschlagsort entfernt. Ahmad und die zwölfjährige Tochter Parwana* könnten seit der Explosion nicht mehr richtig schlafen, berichtet er. Nachts würden sie schreien und schlafwandeln. Für die Anwohner:innen seien die Anschläge zu einem Trauma geworden, sagt Amudi. „Unser einziger Fehler ist, dass wir Hazara sind.“

Afghanistan: Anschläge werden für Taliban zum Problem

Für die Taliban werden die Anschläge aber auch zum Problem. Sie untergraben ihre politische Autorität. Sicherheit ist derzeit das stärkste Argument, das für ihre Herrschaft spricht. Damit überzeugen sie selbst jene Afghan:innen, die keinerlei Sympathien für sie haben, aber von den vielen Jahren des Krieges müde sind. Sollte das Gefühl der Sicherheit weiter schwinden, wäre dies, gepaart mit der katastrophalen wirtschaftlichen Situation im Land, eine toxische Mischung, die die Machthaber in Bedrängnis bringen würde.

Darüber hinaus stellt Isis K die Taliban vor ein Dilemma: Folgen sie den Forderungen westlicher Regierungen nach einer gemäßigteren Politik und der Achtung der Menschenrechte, könnten sich radikalere Untergruppen aus Protest von ihrer Bewegung abwenden und zum IS überlaufen.

Nachdem Nur an diesem Nachmittag von seinem Job in einem Malerbetrieb nach Hause gekommen ist, will er noch seinen Freund Dschamil Hamad besuchen: Die Sonne steht hoch, es ist drückend heiß. Er läuft einen kleinen Pfad entlang, über eine Schotterpiste, vorbei an aufgehäuften Sandbergen, bis er schließlich auf einem kleinen Friedhof in Dascht-e Barchi steht.

Hamad liegt in einem grauen Marmorsarg begraben, die Seiten sind mit geschwungenen Blumen verziert. Wenige Zentimeter daneben hat die Familie einen Maulbeerbaum gepflanzt, der dem Toten einmal Schatten spenden soll.

Es ist still. Auf einem Nachbargrab weht noch die Flagge der alten Regierung im Wind. Nur bleibt eine Weile stehen und betet stumm. Dann holt er eine kleine Kanne mit Wasser und gießt etwas davon in eine Öffnung des Sarges, die mit Erde bedeckt ist. „Damit Dschamil nicht zu warm wird“, sagt er und streicht über den Steinsockel. (Julian Busch)

*Namen geändert

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