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Afghanistan: Geschichte eines gebeutelten Landes

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Von: Joshua Schößler

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Migranten an der türkisch-griechischen Grenze
Jahrzehntelanger Krieg in Afghanistan ist Fluchtursache für viele Menschen dort. © Mohssen Assanimoghaddam/dpa

Seit Jahrzehnten herrscht Krieg in Afghanistan. Nach dem Abzug internationaler Truppen haben die Taliban das Land unter Kontrolle. Die Geschichte des Landes im Überblick.

Kabul – Afghanistan hat eine eigenwillige Mittelstellung zwischen Vorderasien, Zentralasien und Südasien. Zwischen diesen geopolitischen Regionen bildet es eine Art Drehscheibe. Das Land ist geprägt von Wüsten, Bergen, Landwirtschaft und Viehzucht. In diesen teils sehr unwegsamen Regionen leben verschiedene Volksgruppen.

Im Zentrum leben hauptsächlich Angehörige der schiitischen Hazara. Im Norden leben mehrheitlich Mitglieder der Tadschiken sowie Usbeken und Turkmenen. Die Paschtunen leben vor allem im Süden Afghanistans sowie in an Afghanistan angrenzenden Teilen Pakistans, wo sie Pathanen genannt werden. Das Gebiet der Paschtunen, das beiderseits der Afghanisch-Pakistanischen Grenze liegt, wurde 1893 von den Briten durch die sogenannte Durand-Linie geteilt.

Afghanistan: Geschichte des Landes seit den 1960er Jahren

Obwohl zwischen zahlreichen Hochkulturen gelegen, führten die Afghanen hinter ihren Bergspitzen ein einigermaßen abgeschottetes Dasein. In den 1960er Jahren versuchte Mohammed Zahir Schah, damals König von Afghanistan, das Land zu modernisieren. Er führte die Demokratie ein und öffnete sein Land für die Welt. 1964 wurde in Afghanistan eine Verfassung eingeführt, die bis 1973 Bestand hatte.

Dies war auch die Zeit des Kalten Kriegs: Die Welt ist damals in zwei Blöcke geteilt. Da sich Afghanistan im Norden eine lange Grenze mit der Sowjetunion teilte, beschloss Mohammed Zahir Schah, keine Partei zu ergreifen, was vorübergehend dazu führte, dass Afghanistan aus beiden Blöcken viel Geld für dessen Infrastruktur erhielt: Afghanistan war nicht mehr so isoliert wie zuvor noch.

Afghanistan: Fakten im Überblick

NameIslamische Republik Afghanistan
AmtssprachePaschto (Paschtunisch) und Dari (Dari-Persisch)
Fläche652.864 m²
Einwohnerzahl38 Millionen
Bevölkerungsdichte57 Bewohner pro km²
WährungAfghani
Gründung1747 (Entstehung des Durrani-Reichs)
Unabhängigkeit19. August 1919 (vom Vereinigten Königreich)

Diese Entwicklungen gingen einher mit einer westlichen Orientierung in kulturellen Belangen, die sich jedoch hauptsächlich in Kabul abspielte. Die ländliche Bevölkerung hingegen war überwiegend arm und analphabetisch. Als es Mohammed Zahir Schah nicht gelang, der armen Landbevölkerung gegen die damals grassierende Hungersnot zu helfen, wurde er 1973 von der Armee gestürzt. Der neue Staatschef heißt Mohammed Daoud Khan und war an der Sowjetunion orientiert.

Afghanistan: Konflikt zwischen Kommunisten und Islamisten als Stätte von islamistischem Terrorismus

Der Grundkonflikt zwischen der neuen Regierung und ihrer Bevölkerung war jedoch gravierend: Während die politische Führung den gesellschaftlichen Einfluss von Religion strikt ablehnte, spielte der Islam vor allem in den ländlichen Regionen Afghanistans eine große Rolle. Diese Zeit in Afghanistan, wo sich auf der einen Seite progressive Kommunisten und auf der anderen Seite traditionelle Muslime gegenüberstanden, wird heute oft als Geburtsstätte des radikalen Islamismus verortet.

Eine kurze Zeitleiste zur Geschichte Afghanistans

Mohammed Daoud Khan erklärte, dass die islamistische Bewegung zerstört werden müsse. Er regierte das Land mit eiserner Faust und setzte die Verfassung außer Kraft. Viele islamische Anhänger flüchteten vor der Verfolgung durch die Regierung nach Pakistan, wo sie eine Revolte planten. Mohammed Daoud Khan blieb weniger als fünf Jahre an der Macht: Nachdem er auch mit der sowjetischen Regierung gebrochen hatte und im eigenen Land kommunistische Führer verhaften ließ, löste dies einen neuen Staatsstreich aus. Im April 1978 übernahmen die afghanischen Kommunisten mit Unterstützung der Armee die Macht. Sie töteten Daoud Khan und seine Familie und nannten diese Aktion Aprilrevolution.

Afghanistan: Sozialistische Regierung regiert mit Gewalt

In der Folge versuchte der neue Staatschef Nur Muhammad Taraki mit seiner Demokratischen Volkspartei Afghanistans das Land in einen sozialistischen Staat umzuwandeln. Doch dabei griffen sie auf stalinistische Methoden zurück und unterdrücken jede Opposition mit Gewalt. Hauptziel der Repressionen blieben jedoch die Islamisten: Moscheen wurden geschlossen und Verschleierung im öffentlichen Raum verboten. Damit unterschätzte die Regierung jedoch den Stellenwert, den der Islam in der Gesamtbevölkerung besaß.

Während die Regierung auch mit gewaltsamen Methoden gegen Islamisten vorging, rüsteten Letztere sich für den Umsturz, der anschließend erfolgte. Nachdem sie gestürzt worden war, fürchtete die sowjetische Regierung, dass diese Aufstände sich auf andere muslimisch geprägte Länder innerhalb der Sowjetunion übergreifen könnten. So entließ man sämtliche Gefangenen und besetzte das Land militärisch.

Afghanistan: 1996 übernehmen die Taliban die Kontrolle über das Land

1989 verließen die sowjetischen Truppen Afghanistan. Es folgte ein Bürgerkrieg, in dem sich verschiedene Mujaheddin (afghanische Widerstandskämpfer) untereinander unter internationaler Beteiligung (Pakistan, Iran, Usbekistan, Indien, Russland, Saudi-Arabien) bekämpften. 1996 übernahmen die Taliban das Land, seither haben zahlreiche Anführer dieser Organisation Afghanistan beherrscht.

2001 bildete einen Wendepunkt in der Geschichte Afghanistans. Nach den Anschlägen vom 11. September in den USA erklären diese dem Islamismus den Krieg. Eine von den USA geführte Militärkoalition stürzte daraufhin noch im selben Jahr die Taliban. Nicht erst seit diesem Jahr herrscht bis heute offiziell Krieg in Afghanistan.

Im Dezember 2001 trafen sich Führer der Vereinten Front und afghanische Exilgruppen auf der Petersberger Konferenz in Bonn. Dort einigten sie sich auf das Petersberger Abkommen, das eine stufenweise Demokratisierung des Landes sowie die Bildung einer Regierung vorsah. Die Taliban waren nicht zu dieser Konferenz eingeladen worden.

Staatsoberhäupter von Afghanistan ab 1933

Afghanistan: Nach 9/11 werden die Taliban geschlagen

So wurde zunächst eine provisorische Regierung gebildet, die im Juni 2002 von einer weiteren Übergangsregierung abgelöst wurde. Im Januar 2004 trat eine neue Verfassung in Kraft. Bei den Präsidentschaftswahlen am 9. Oktober 2004 wurde Hamid Karzai zum Präsidenten von Afghanistan gewählt.

Unterdessen flohen die geschlagenen Taliban in schwer zugängliche Bergregionen in Pakistan, wo sie sich neu formierten. Ab 2006 verüben sie zunehmend terroristische Anschläge vornehmlich auf afghanische Zivilisten. 2009 waren laut Angaben der Vereinten Nationen über 76 Prozent der Opfer solcher Anschläge Zivilisten.

Afghanistan: Im April 2021 beginnt der Abzug internationaler Truppen

Es folgte ein zaghafter Wiederaufbau des Landes. Dennoch ebbten die bewaffneten Konflikte in Afghanistan nicht ab. Die Taliban konnten zunehmend erstarken und wieder weiter Teile im Süden und Süd-Osten Afghanistans kontrollieren. Die NATO stockte daraufhin ihre Kontingente auf 130.000 Mann auf. Der Wiederaufbau erwies sich aber nicht zuletzt deshalb als äußerst problematisch, da es an einem funktionierenden Staatsapparat mit entsprechend staatlich kontrollierten Sicherheitsorganen, einer funktionierenden Justiz, einer Zivilgesellschaft sowie freien Medien und politischen Parteien fehlte.

Am 29. April 2021 begannen die USA und ihre NATO-Verbündeten mit dem Abzug ihrer Truppen aus Afghanistan. In der Folge gelang den Taliban eine vollkommene Eroberung Afghanistans, die am 16. August in einer faktischen Machtübernahme der Taliban mündete. Die radikal-islamistische Miliz will eine „wahre islamische Herrschaft“ im Rahmen des Scharia-Rechts aufbauen. Viele fürchten Unterdrückung und versuchen zu fliehen. Wie es um die Zukunft dieses Landes bestellt ist, ist zum jetzigen Zeitpunkt noch ungewiss. (Joshua Schößler)

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