1. Startseite
  2. Politik

Afghanistan: Eine Frau kämpft für ihr Land – auch im Exil

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Alicia Lindhoff

Kommentare

„Die Taliban sollten international nicht anerkannt werden, solange sie sich nicht verpflichten, etwa die Schulen wieder für Mädchen zu öffnen“, fordert Maryam Elham.
„Die Taliban sollten international nicht anerkannt werden, solange sie sich nicht verpflichten, etwa die Schulen wieder für Mädchen zu öffnen“, fordert Maryam Elham. © AFP

Die Frauenrechtlerin Maryam Elham ist Teil der afghanischen Regierung – bis die Taliban die Macht an sich reißen. Ihr gelingt die Flucht aus Kabul. Dem Westen macht sie schwere Vorwürfe

Die angetrunkenen Männer am Tresen streiten über Fußball. Ihre Stimmen füllen die in die Jahre gekommene Bar bis in den hintersten Winkel. Doch die Frau, die im hinteren Teil des Raumes an einem Tisch sitzt, scheint das Gedröhne gar nicht wahrzunehmen. Sie erzählt, leise und konzentriert, vor sich eine Tasse Kräutertee. Immer wieder blättert sie durch ihre Notizen. Maryam Elham (Name geändert) ist es gewohnt, inmitten dominanter Männer ihr Ziel im Blick zu behalten. Fünf Jahre lang hat sie das als Teil der afghanischen Regierung getan. Als eine von wenigen Frauen war Maryam Elham im Kabinett des gestürzten Präsidenten Ashraf Ghani Staatssekretärin und Vizeministerin. Zwischen Machtpolitik, Korruption und einflussreichen Warlords hat sie in den vergangenen Jahren versucht, Fortschritte vor allem für Afghanistans Frauen zu erreichen. Bis zum 15. August 2021, dem Tag, an dem die Taliban Kabul einnahmen.

Welches Amt sie in der ehemaligen Regierung genau innehatte, soll nicht öffentlich werden. Genauso wenig wie ihr echter Name und der Ort, an dem sie heute in Europa lebt. Viele ihrer Verwandten und politischen Mitstreiterinnen sind noch in Afghanistan; Maryam Elham hat Angst, sie in Gefahr zu bringen.

Afghanistan darf nicht vergessen werden

Aber sprechen will sie dennoch. Darüber, wer aus ihrer Sicht die Hauptschuld am Triumph der Taliban trägt. Und warum es sich lohnt, weiter um eine Zukunft für die Afghaninnen und Afghanen zu kämpfen – auch wenn die internationale Öffentlichkeit das Land aus dem Blick verloren hat. Es ist die gleiche Öffentlichkeit, die vor achteinhalb Monaten gebannt zuschaute, wie die Taliban Provinzhauptstadt um Provinzhauptstadt einnahmen, und die – als alles längst zu spät war – geschockt die Bilder von Chaos und Verzweiflung am Kabuler Flughafen verfolgte. Wie lange vergangen kommt einem diese Zeit vor, heute, wo alle Augen seit Wochen auf die Ukraine gerichtet sind.

Für Menschen wie Maryam Elham ist das kollektive Vergessen der größte Feind.

Sie selbst wird nie vergessen, was sie am 15. August 2021 erlebt hat. An diesem Tag arbeitet Maryam Elham in ihrem Büro in einem Ministerium, wenige Hundert Meter vom Präsidentenpalast entfernt. Alle wissen zu diesem Zeitpunkt: Ein Großteil des Landes ist an die Taliban gefallen, ihre Kämpfer stehen vor den Toren Kabuls, einige sind schon in der Stadt gesichtet worden. „Ich weiß noch, wie fünf Abteilungsleiter:innen zu mir kamen und sagten, unsere Leute sind unruhig, manche sind gar nicht zur Arbeit gekommen, was sollen wir machen?“ Doch Maryam Elham glaubt, dass die Lage in Kabul nach wie vor unter Kontrolle ist. Die Losung der obersten Regierungsebene lautet: normal weiterarbeiten. Also sagt Elham, sie sollten sich keine Sorgen machen. „Alle sind wieder an ihre Arbeit gegangen – und nur ein paar Minuten später, um zwölf Uhr, haben wir die ersten Schießereien gehört.“

Als die Taliban kommen, entschließt sie sich schweren Herzens zur Flucht

Im Ministerium bricht Panik aus. Es wird beschlossen: Alle Mitarbeitenden sollen selbst entscheiden, ob sie gehen oder bleiben. „Innerhalb von zehn Minuten war das Ministerium fast leer, etwa 300 Leute weg.“ Sie und ihre Mitarbeiterinnen seien unter den Letzten gewesen, die flohen. Sie versucht dann, zu ihrer Wohnung zu kommen. Ein Weg, der normalerweise sieben Minuten dauere. „An diesem Tag habe ich zwei Stunden dafür gebraucht. Die Straßen waren voll, die Leute standen Schlange vor den Banken, um ihr Geld abzuheben.“ Erst als Maryam Elham zu Hause angekommen ist, erfährt sie aus den Fernsehnachrichten, dass die Taliban schon im Präsidentenpalast sitzen – und dass Ex-Präsident Ashraf Ghani sich längst ins Exil in Abu Dhabi abgesetzt hat.

Zusammen mit ihrem Bruder und dessen Kindern verbringt sie eine Nacht in Angst: „Die ganze Zeit haben wir Schüsse gehört, die Taliban waren inzwischen in der ganzen Stadt. Mein Bruder hat befürchtet, dass sie irgendwann vor meiner Tür stehen und Rache üben wollen.“ Am nächsten Tag bekommt sie einen Anruf. Der Konsul eines europäischen Landes ist dran. Er bietet ihr an, sie zu evakuieren. „Er hat nicht verstanden, warum ich überhaupt noch in Afghanistan bin.“ Er hatte ihr – wie viele andere – schon seit Tagen geraten, das Land zu verlassen. „Aber ich wollte nicht. Ich hätte nie damit gerechnet, dass die Regierung und Kabul fallen würden. Und am 16. August wollte ich eigentlich immer noch nicht gehen.“ Am Ende nimmt sie das Angebot des Konsuls aber doch an. Um ihren Bruder und dessen Kinder nicht zu gefährden, sagt sie.

Ich lebe im Exil. Aber für mich fühlt sich das an wie Verrat an allen, die noch in Afghanistan sind.

Maryam Elham

In Europa kommt Maryam Elham bei Verwandten unter. Seit Februar bewohnt sie eine eigene kleine Wohnung an einer großen Straße. Arbeit hat sie bei einer nichtstaatlichen Organisation gefunden, dort arbeitet sie in Vollzeit als politische Analystin.

Trifft man die zierliche Frau heute im Exil, wirkt sie nicht wie eine, die sich fremd fühlt. Elham hat während der ersten Herrschaft der Taliban schon einmal in Europa gelebt, hat aus dieser Zeit noch Freundschaften und Netzwerke. Doch sie will sich nicht „etablieren“, wie sie es nennt. Sie will zurück. Und kann sich die Entscheidung, Afghanistan zu verlassen, bis heute nicht verzeihen. „Für mich ist das Verrat. Ich habe meinen Kopf gerettet. Dabei sind so viele Frauen, mit denen ich jahrelang zusammengearbeitet habe, noch dort. Meine Familie …“ Ihre Stimme bricht. „Es tut mir leid.“

US-Präsident Joe Biden hat die Mitglieder der afghanischen Regierung wegen ihrer Flucht ins Ausland für den schnellen Sieg der Taliban verantwortlich gemacht. In einer Rede am 16. August – also genau an dem Tag, an dem Elham das Land verließ – sagte Biden, die Regierung sei zusammengebrochen, „manchmal ohne zu versuchen zu kämpfen“. Man könne nicht von US-amerikanischen Truppen erwarten, in einem Krieg zu sterben, den die afghanischen Streitkräfte nicht bereit seien, für sich selbst zu kämpfen.

Die Taliban haben kein Interesse an Frieden in Afghanistan

Was Biden auch sagte: Die afghanische Regierung unter Präsident Ashraf Ghani habe es versäumt, seinen Rat anzunehmen und eine politische Lösung mit den Taliban auszuhandeln.

Für Maryam Elham ist das eine groteske Verdrehung der Tatsachen. Aus ihrer Perspektive sei es genau andersherum gewesen. Der Vorschlag, die Taliban in Verhandlungen über die neue Ordnung in Afghanistan nach dem Abzug der internationalen Truppen einzubeziehen, sei nicht von den USA ausgegangen, sondern 2018 von der damaligen afghanischen Regierung. Mehrfach reisten Delegationen zu Friedensverhandlungen – mal nach Abu Dhabi, später nach Doha.

Doch schnell habe sich gezeigt, dass das Interesse der Taliban an innerafghanischen Friedensverhandlungen gegen null ging, sagt Elham. „Sie hatten das auch nicht nötig.“ Die Islamisten bekamen Unterstützung aus Pakistan und anderen Staaten und knüpften diplomatische Bande in verschiedene Richtungen – während sie zugleich weiter blutige Anschläge in Afghanistan verübten.

Den USA macht Maryam Elham schwere Vorwürfe

Doch nichts habe den Taliban auf internationaler Bühne mehr Legitimation verliehen als das gemeinsame Abkommen „Bringing Peace to Afghanistan“ mit der US-Regierung unter Donald Trump im Februar 2020, sagt Elham. Darin versprachen die USA den Taliban, die internationalen Truppen abzuziehen. Die Islamisten verpflichteten sich im Gegenzug dazu, die Terrororganisation Al-Kaida in den von ihnen kontrollierten Gebieten in Schach zu halten – und dazu, direkte Verhandlungen mit der Regierung von Ashraf Ghani aufzunehmen. Doch das Abkommen selbst schlossen die USA direkt mit den Taliban, ohne die afghanische Führung. Man merkt Elham an, dass sie noch immer wütend darüber ist, vom vermeintlichen Partner USA so übergangen worden zu sein.

Zumal es mit der Wahl Joe Bidens nicht besser wurde. Kurz nach dessen Amtsantritt schickte der neue Außenminister Anthony Blinken der afghanischen Regierung einen Brief, über den das Magazin „Der Spiegel“ damals schrieb, er lese sich wie ein Befehl: Ghani solle schnell Frieden machen mit den Taliban – deren Attentate in Afghanistan weitergingen –, sonst zögen sich die USA zum 1. Mai aus dem Land zurück. Ghani und seine Regierung wären dann sich selbst überlassen. In Kabul fühlte man sich damals gedemütigt.

Für Maryam Elham war es aus heutiger Sicht der Anfang vom Ende. Sie sagt, es habe damals keinen Grund gegeben, den Taliban zu vertrauen. Sie hätten wesentliche Bedingungen des „Bringing Peace to Afghanistan“-Abkommens nicht umgesetzt und ihre Versprechen nicht gehalten.

Der Westen hat Afghanistan den Taliban einfach überlassen.

Maryam Elham

Sie selbst war 2002 gegen den Einmarsch der USA in Afghanistan. Weil sie nicht daran glaubte, dass eine Invasion von außen auf Dauer Frieden schaffen kann. Aber genauso war sie gegen den „fluchtartigen“ Abzug. Sie ist überzeugt, dass der Übergang anders hätte laufen können. Wenn die USA die Taliban darauf verpflichtet hätten, bestimmte Bedingungen zu erfüllen, bevor die internationalen Truppen abziehen. Elham zählt auf, was aus ihrer Sicht nötig gewesen wäre: die Beibehaltung der modernen Verfassung von 2004, in der etwa Gewaltenteilung und Bürgerrechte festgeschrieben sind. Die Übergabe der Macht an eine demokratisch legitimierte neue Regierung. Für den Übergang – bis es unter Beobachtung der Vereinten Nationen zu Neuwahlen gekommen wäre – hätte man die Taliban an der bestehenden Regierung beteiligen sollen. „Das waren die Vorschläge unserer Regierung“, sagt sie.

Dass die USA und die internationale Gemeinschaft von den Taliban keine Garantien eingefordert hätten, bevor sie den endgültigen Abzug vorbereiteten, kann Maryam Elham nicht verzeihen: „Damit hat man Afghanistan den Taliban ausgeliefert.“ Es sei ein rechtsfreier Raum entstanden, in dem die Islamisten ohne jegliche Kontrolle zunehmend brutal agierten, ohne Konsequenzen fürchten zu müssen. „Das war Verrat an allen, die sich in den vergangenen 20 Jahren für Demokratie und Menschenrechte eingesetzt haben.“

Die Demokratisierung in Afghanistan muss weitergehen

Die US-Führung ist aus ihrer Sicht auch schuld daran, dass die afghanischen Truppen nicht länger standgehalten haben. „Der schnelle Rückzug hat die Armee demoralisiert.“ Schon als die USA Monate vor ihrem Abzug begannen, Frauenrechtlerinnen und andere Aktivist:innen zu evakuieren, habe sich Angst breitgemacht. „Es war wie ein Signal, dass sich bald etwas ändert.“ Am Anfang hätten die Truppen noch tapfer gekämpft, aber als ihnen klar geworden sei, dass alle Zeichen auf Machtwechsel standen, hätten sie den Widerstand aufgegeben. „Sie haben sich gesagt: Wenn sowieso eine neue Regierung an die Macht kommt, warum sollen wir dann kämpfen und dafür sterben?“

Es sind Momente wie diese, in denen Maryam Elhams Stimme hart wird, in denen der freundliche Ausdruck auf ihrem Gesicht verschwindet. Doch im Großen und Ganzen macht sie den Eindruck einer Frau, die in sich ruht und zuversichtlich in die Zukunft blickt, trotz allem. Darauf angesprochen, kommt das Lächeln zurück.

„Ich merke, dass ich immer noch Kraft in mir habe, ich will meinen Kampf nicht aufgeben. Die Demokratisierung in Afghanistan muss weitergehen.“ Doch wie kann dieser Kampf aussehen, während die Taliban an den Schalthebeln sitzen? Für Elham ist klar: Die Afghaninnen und Afghanen im Exil müssen sich zusammenschließen.

Die Taliban sollten international nicht anerkannt werden

An eine Exilregierung glaubt sie zwar nicht. Aber sie findet, die demokratischen, liberalen Stimmen sollten lauter werden, öffentlichen Druck ausüben, die internationale Gemeinschaft an ihre Verantwortung in Afghanistan erinnern. Dazu gehört für Maryam Elham, dass westliche Regierungen, gerade auch die deutsche, ihre restriktive Visavergabe an sogenannte Ortskräfte und Menschenrechtsaktivist:innen aufgeben. Und: „Die Vergabe von humanitärer Hilfe muss an Bedingungen geknüpft werden. Die Taliban sollten international nicht anerkannt werden, solange sie sich nicht verpflichten, die Menschenrechtskonvention, die Verfassung und die Bürgerrechte, die wir verankert haben, zu akzeptieren.“ Sie müssten auch verpflichtet werden, die Schulen wieder für Mädchen zu öffnen und Frauen bei der Verteilung von Hilfsgütern zu beteiligen. Wenn das nicht passiere, würden unzählige Frauen und Kinder, insbesondere Witwen und alleinstehende Frauen, leer ausgehen.

Und auch im Exil sollte den Politikerinnen und Aktivistinnen besonders gut zugehört werden. Stattdessen nimmt Elham wahr, dass Frauen auf internationalen Konferenzen und Gesprächen höchstens „zur Dekoration“ eingeladen würden, während mit den Vertretern der Taliban auf Augenhöhe gesprochen werde. Das will sie nicht länger hinnehmen.

Doch Maryam Elham erwartet noch viel mehr. Der Friedensprozess müsse weitergeführt werden, die Taliban müssten Wahlen ermöglichen. Doch wer könnte diesen Prozess anstoßen – und warum sollten die Taliban dem zustimmen? „Sie werden keine andere Wahl haben.“ Sie ist überzeugt, dass die Islamisten auf anhaltenden Widerstand stoßen werden. „Diese Generation hat eine andere Welt gesehen als die der Taliban.“

Die Jugend in Afghanistan muss gesellschaftlichen Druck auf die Taliban ausüben

Man merkt ihr den Stolz an, wenn sie aufzählt, was die afghanische Politik und vor allem die Zivilgesellschaft in den vergangenen Jahren – trotz Terror, Korruption und der Abhängigkeit vom Ausland – erreicht haben: eine moderne Verfassung, demokratische Institutionen, wichtige Reformen im Justizwesen und fortschrittliche Gesetze. Vieles davon ist im Ausland gar nicht bekannt – etwa, dass Frauenrechtlerinnen eine eigene Staatsanwaltschaft zur Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen durchgesetzt haben. Solche Fortschritte verschwinden nicht einfach von einem Tag auf den anderen, glaubt Elham. „Man kann das nicht vergleichen mit der Situation vor 20 Jahren, als die Taliban das letzte Mal an der Macht waren.“

Ihr Tee ist inzwischen kalt geworden. Sie denke viel darüber nach, woran es liegt, dass Afghanistan nach jedem Schritt nach vorne wieder einen Schritt zurück gehe. Das Problem sei, dass ihr Land immer Spielball außenstehender Mächte gewesen sei, sagt sie. Ob die USA oder Pakistan, der Iran oder die damalige Sowjetunion: Alle verfolgten am Hindukusch lediglich ihre eigenen Interessen. „Niemand hat je etwas wirklich für uns getan. Wir sagen in Afghanistan: Niemand ist verliebt in unsere Augen, nur in unseren Körper.“

Auch interessant

Kommentare