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Am Mittwoch soll der 28. Abschiebeflug seit 2016 in Afghanistan eintreffen.

Abschiebung nach Afghanistan

Fast alle Abgeschobenen wollen zurück nach Deutschland

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In Afghanistan drohen „terroristisch oder kriminell motivierte Gewaltakte einschließlich Entführungen“, warnt das Auswärtige Amt. Eine Studie belegt die hoffnungslose Lage abgeschobener Afghanen.

Das Auswärtige Amt warnt ausdrücklich vor Reisen nach Afghanistan. Es drohten „terroristisch oder kriminell motivierte Gewaltakte einschließlich Entführungen“, teilt die Behörde mit. Doch wer abgeschoben wird, hat keine Wahl. Am heutigen Mittwoch soll ein neuer Abschiebeflug aus Deutschland in Kabul landen – es wäre der 28. seit Ende des Jahres 2016.

Nun zeigt eine Studie: Aus Deutschland nach Afghanistan Abgeschobene werden sehr häufig Opfer von Gewalt, haben kaum Einkommen und selten eine feste Bleibe. Die Untersuchung der Sozialwissenschaftlerin Friederike Stahlmann vom Max-Planck-Institut für ethnologische Forschung in Halle (Saale) fasst Informationen zu 55 Abgeschobenen zusammen. Das entspricht mehr als zehn Prozent der 547 Männer, die zwischen Dezember 2016 und April 2019 aus Deutschland „rückgeführt“ wurden, wie es amtlich heißt.

Afghanistan: Rückkehrer zu 90 Prozent von Gewalt betroffen

Von denen, die länger als zwei Monate im Land waren, waren mehr als 90 Prozent von Gewalt betroffen. Jeder Zweite wurde bedroht und angegriffen, weil er in Europa gelebt hatte und abgeschoben wurde. Täter waren hier nicht nur die Taliban, sondern auch die eigenen Familien, Nachbarn und sogar Fremde auf der Straße. Abgeschobene müssen sich wissentlich in Gefahr bringen, wenn sie eine Unterkunft oder Arbeit zu suchen.

Die meisten versuchen daher, in Verstecken unterzukommen. Doch Unterstützung von Freunden und Verwandten im Ausland reicht oft nicht einmal für Lebensmittel oder Medikamente. 18 Prozent der Befragten lebten so zeitweise oder dauerhaft auf der Straße. Eine Perspektive bietet das in Afghanistan nicht – außer sie entscheiden sich, für die Taliban zu kämpfen. „Ich habe kein einziges Beispiel für eine nachhaltige Existenzgründung im Land gefunden“, sagt Stahlmann über ihre Gespräche mit den Abgeschobenen. Das Fazit am Ende der Studie: Fast alle wollen sich erneut auf die Flucht machen – bei allen Risiken. Nur einer der 51 Kontaktierten erklärte, in Afghanistan bleiben zu wollen.

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Auch die Gewerkschaft der Polizei (GdP) macht sich Gedanken zur prekären Sicherheitslage in Afghanistan. „Das konterkariert vollkommen die Definition eines sicheren Herkunftslandes“, sagt der stellvertretende GdP-Vorsitzende Jörg Radek im Gespräch mit der Frankfurter Rundschau.

Afghanistan: GdP will den Einsatz schnellstmöglich stoppen

Vorrangig sorgt er sich um die Bundespolizisten im Land. Die GdP will den Einsatz deutscher Polizisten dort schnellstmöglich ganz stoppen. Die Bundespolizei begleitete teils auch die Landung von Abschiebefliegern. Und sie schulte über Jahre örtliche Sicherheitskräfte. Doch seit einem verheerenden Bombenanschlag mit 16 Toten Anfang September ist dieser Einsatz ausgesetzt. Der Sprengsatz explodierte nahe dem „Green Village“, einer speziell gesicherten Zone in Kabul. Dort waren neben den Helfern internationaler Organisationen auch 22 Bundespolizisten untergebracht, die dem Anschlag nur knapp entgingen.

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Seit dem Sturz der Taliban im Jahr 2001 habe man selten eine derart verschärfte Sicherheitslage vorgefunden, sagt GdP-Mann Radek. „Wir haben hier eine unmittelbare Bedrohung für die Beamten. Die Sicherheit der Polizisten hat Vorrang vor dem Erreichen eines Missionsziels und vor dem Erfüllen diplomatischer Ziele“, fügt er hinzu.

Die Bundesregierung will jedoch an dem Einsatz festhalten. Ein Sprecher des Bundesinnenministeriums sagte in der vergangenen Woche: „Die Sicherheitsstandards werden auch jetzt noch einmal in den Blick genommen. Aber das alles führt nicht dazu, dass die Fortsetzung der Mission infrage steht.“ (mit dpa)

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