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„Afghanistan blutet“: Menschen in Berlin fordern die Aufnahme Geflüchteter.
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„Afghanistan blutet“: Menschen in Berlin fordern die Aufnahme Geflüchteter.

Hessin in Gefahr

Afghanistan: Dietzenbacherin fürchtet in Kabul um ihr Leben

  • Annette Schlegl
    VonAnnette Schlegl
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Eine Frau mit deutschem Pass und ihr Sohn besuchen die Mutter in Afghanistan und schaffen es jetzt nicht in den Flughafen. Das Auswärtige Amt reagiert nicht.

Als die FR-Reporterin anruft, ist die Situation gerade brenzlig. Sakita B. (Name von der Redaktion geändert) ist dem Auto entstiegen, das sie sich von einem Nachbarn geliehen hat, und läuft mit ihrem Sohn, der Mutter und ihrem Bruder zu Fuß zum Flughafen Kabul. Sie muss das Telefonat abbrechen, damit die Taliban ihr Handy nicht entdecken. Es ist schon der vierte Versuch der Frau aus Dietzenbach (Kreis Offenbach), aufs Flughafengelände und damit in den rettenden Flieger nach Deutschland zu kommen. Die Afghanin mit deutschem Pass ist verzweifelt. Diesmal muss es klappen.

Fast drei Wochen ist es jetzt her, dass sie mit ihrem Sohn in ihre alte Heimat Afghanistan geflogen ist, um der kranken Mutter zu helfen und sie mit dem Bruder in Sicherheit zu bringen. Für Donnerstag (19. August 2021) war eigentlich der Rückflug gebucht. Doch dann überschlugen sich die Ereignisse – und seitdem sitzt die Dietzenbacherin mit ihrem 13-jährigen Sohn in Kabul fest.

Lebensgefährliche Situation in Afghanistan: Dietzenbacherin traf Streifschuss am Bein

Am Sonntag vor einer Woche habe sie zum ersten Mal versucht, durch ein Gate in den Flughafen zu kommen, berichtet sie der FR-Reporterin am Telefon. Vergebens. Am Montag sei es vor einem Flughafentor zu einer Schlägerei gekommen, bei der sie am Oberschenkel einen Bluterguss erlitt.

Am Dienstag hätten sich dann dramatische Szenen abgespielt. Am Gate habe es eine Schießerei gegeben. Wer da genau schoss, bleibt unklar. Sakita vermutet, dass es US-Amerikaner und Armeeleute waren. „Taliban sind anders gekleidet“, sagt sie. Tatsache ist aber, dass „alle den Kopf runter nehmen mussten“. Sakita ist trotzdem fast erschossen worden. Eine Kugel habe ihren Fuß gestreift, habe den Turnschuh zerfetzt, berichtet sie.

Dietzenbacherin in Afghanistan: Sohn von Reizgas und Schüssen traumatisiert

Es sei auch Reizgas zum Einsatz gekommen, damit die Leute wegrennen. „Von oben, vom Dach, kam eine Wolke“, sagt sie. Panik habe sich breit gemacht, Menschen seien bei ihrer Flucht gestolpert, andere seien über sie gefallen. Ein kleines Mädchen sei dabei gestorben. Sakita trug verbrannte Haut sowie geschwollene und tränende Augen davon.

Das war in der Vorwoche ihr letzter Versuch, aufs Flughafengelände zu gelangen. Sie versteckte sich danach bei Verwandten in einer Wohnung und hoffte, dass die Taliban sie nicht finden. Ihr Sohn sei nach der Schießerei und dem Gaseinsatz traumatisiert gewesen, sie sei mit ihm zum Arzt gegangen. „Ich erzähle ihm jetzt lieber nichts und schaue auch keine Nachrichten mit ihm“, sagt sie.

Hoffnung auf Evakuierung aus Afghanistan: Proviant für eine Nacht am Gate

Am Montag unternahm die Dietzenbacherin den vierten Versuch, ins Innere des Flughafens zu kommen. „Eine Bekannte hat gesagt, wir müssen nicht an das Nord-Tor, sondern an ein Tor auf einer ganz anderen Seite“, sagt sie. Dort würden US-Amerikaner und Deutsche eine Flagge hochhalten, wenn der Zugang möglich sei. Die Bekannte sei schon über diesen Weg auf das Flughafengelände gekommen. „Wir gehen da hin und schauen.“ Sie hat Proviant dabei, will bis Dienstagmorgen ausharren.

Ihr Bruder müsse auch unbedingt ausgeflogen werden, sagt sie. „Er hat jahrelang mittags und abends Essen aus einem bekannten Restaurant ins US-Außenministerium in Kabul geliefert, er ist jetzt in Gefahr.“ Er habe aber keinen Pass mehr, nur noch seine Geburtsurkunde.

Hilferuf aus Afghanistan: Ausländerbeirat in Dietzenbach alarmiert

Am Montag vor einer Woche hat Sakita B. per Whatsapp einen ersten Hilferuf in die deutsche Heimat abgesetzt. Sie schrieb an Helga Giardino vom Ausländerbeirat Dietzenbach. „Wir waren die ersten Tage Tag und Nacht in Kontakt“, sagt Giardino. Sogar die Bundeskanzlerin hat sie schon mit der Bitte um Hilfe angeschrieben. Sakita ist Mitglied im Verein „Zusammenleben der Kulturen in Dietzenbach“, und auch dort ist man verzweifelt. „Wir setzen Himmel und Hölle in Bewegung“, sagt Gertrud Röhner. Sie selbst hat bereits mit Außenminister Heiko Maas (SPD) getwittert und hat das Krisenzentrum im Auswärtigen Amt per E-Mail informiert, weil die Hotline überlastet war.

Bisher sei aber von dort keine Nachricht gekommen, was für die Familie unternommen wird. Auch die lokalen Wahlkreisabgeordneten hat der Verein „Zusammenleben der Kulturen“ schon aktiviert. Sie konnten aber nicht weiterhelfen.

Gertrud Röhner ist über das Verhalten der Bundesregierung empört. Das Außenministerium und nicht ihr Verein müssten sich darum kümmern, dass die Deutsche mit ihrem Sohn aus Afghanistan herauskommt. „Ich finde es skandalös, was da abläuft“, sagt sie. (Annette Schlegl)

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