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Taliban-Kämpfer vor dem Innenministerium in Kabul.
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Taliban-Kämpfer vor dem Innenministerium in Kabul.

Interview

Radikale Islamisten in Afghanistan: „Die Taliban bleiben bewusst vage“

  • Friederike Meier
    VonFriederike Meier
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Der Jurist Idris Nassery spricht im Interview über die Pläne der islamistischen Taliban in Afghanistan, die Scharia und seine Kindheit in Kabul.

Herr Nassery, immer wieder hört man die Einschätzung, die Taliban seien jetzt gemäßigter als vor 25 Jahren. Stimmt das?

Gerade in Anbetracht der Tatsache, dass diese Gruppe in den vergangenen 20 Jahren die afghanische Zivilgesellschaft mit Terror in Geiselhaft genommen hat, mit Hunderten, Tausenden Toten, stellt sich für mich die Frage, was daran gemäßigt sein soll. Es stimmt, dass die Taliban keine homogene Gruppe sind. Aber die Aufteilung in gesprächsbereite und militante Gruppen scheint nicht aufschlussreich.

Warum nicht?

In ihrer fundamentalistisch-ideologischen Gesinnung herrscht unter ihnen im Wesentlichen Konsens. Außerdem sind die Führungskader der Taliban mit denen der 90er Jahre nahezu identisch. Sie haben lediglich hier und da aufgrund von Krieg, Alter oder Krankheit einige Personen durch ihre Söhne oder andere Verwandte und Weggefährten ausgetauscht. Die überwältigende Mehrheit der afghanischen Menschen, die besser ihre Situation einschätzen können als wir dies können, hat kein Vertrauen in die Aussagen der Taliban. Und daher sollten auch wir nicht meinen, es gäbe innerhalb eines Terror-Regimes, wie es die Taliban sind, eine Form des Maßes, um von gemäßigten Taliban 2.0. zu sprechen. Die Talibanführung ist auf einen funktionierenden Verwaltungsapparat, Wirtschaft, medizinische Versorgung angewiesen, um Strukturen einer funktionierenden Gesellschaft – gleich ob Stammesgesellschaft oder Staat – zu erhalten. Es geschieht aus reinem Pragmatismus, wenn man den Bürgermeister von Kabul wieder zu seiner Arbeit schickt. Man weiß: Wenn alles zusammenfällt, wird der Bürgerkrieg nicht lange auf sich warten lassen.

Bevölkerung in Afghanistan gegenüber Taliban misstrauisch

Bei seiner Pressekonferenz sagte der Talibansprecher Sabiullah Mudschahid, man erlaube Frauen alle Aktivitäten, „im Rahmen der Scharia“. Was bedeutet das?

Solche Aussagen verstärken nur das bereits herrschende Misstrauen der afghanischen Bevölkerung gegenüber dem Taliban-Regime. Besonders anschaulich wird dieses Misstrauen, wenn man auf die Straßen in großen Provinzen und Städten und sogar in vielen ländlichen Gebieten blickt, die nahezu menschenleer sind. Die Taliban möchten nicht isoliert agieren. Ohne internationale Hilfe können sie das Land nicht führen. Ihnen ist bewusst, dass sie vage bleiben müssen. Was genau sie mit Scharia meinen? Der Talibansprecher konnte es auf Nachfragen von anwesenden Journalisten nicht beantworten, sondern verwies darauf, dass man dies alsbald kundtun werde.

Was ist denn normalerweise mit Scharia gemeint?

Idris Nassery

Ausgehend von einem klassischen Verständnis des Begriffs Scharia ist es jedenfalls kein Gesetzbuch. Sondern vielmehr ein hochkomplexes System von Normen, Werten, Quellen, die sowohl den religiösen, rechtlichen und insbesondere den spirituellen Bereich des Islams umfassen. Wie aber dieses komplexe System interpretiert und damit für die Menschheit gangbar gemacht werden kann, ist Aufgabe der islamischen Rechtswissenschaft. Wenn man ausgehend von den theologischen Ursprüngen der Taliban versucht, die Interpretationsmöglichkeiten zu verstehen, wird einem sehr schnell deutlich, wohin es in wenigen Monaten, Wochen gehen wird.

Lehre der Taliban in Afghanistan „durch Dogmatik, Orthodoxie und Puritanismus gekennzeichnet“

Wohin denn?

Die Taliban selbst sind von der sogenannten Deobandi-Denkschule beeinflusst, die in der indischen Stadt Deoband in Uttar Pradesh ihr Zentrum hat. Die Grundlagen dieser Lehre sind durch Dogmatik, Orthodoxie und Puritanismus gekennzeichnet. Durch finanzielle Abhängigkeit von Saudi-Arabien ist sie auch von der dortigen Staatsideologie des Wahhabismus beeinflusst. Eine klare Haltung, die die Deobandi-Denkschule hervorgebracht hat, ist eine Abneigung gegenüber allem, was westlich ist, vorislamisch oder nichtislamisch. Im Gegensatz dazu sehen sie ihre Lehre als Verheißung. Im Grenzgebiet zwischen Afghanistan und Pakistan gibt es nach Schätzungen des pakistanischen Innenministers etwa 10 000 Lehrinstitute, die diese Ideologie lehren. Die Anhänger der pakistanisch-afghanischen Taliban sind aber nicht nur durch die Deobandi-Strömung beeinflusst, sondern auch durch das Paschtunwali, ein Stammesrecht der Paschtunen. Es basiert auf strengen patriarchalen Strukturen, die zum Teil die grausamsten Interpretationsmöglichkeiten der Scharia übertreffen.

Wie würde sich das Leben in Afghanistan verändern, wenn die Taliban ihr Verständnis von Scharia durchsetzen?

Im Autonomie-Gebiet im pakistanischen Swat-Tal haben die Taliban sich in den vergangenen Jahren ein Regime aufgebaut. Frauen gelten dort als Personen zweiten Ranges. Jegliche Form von Tanz und Gesang gelten als Blasphemie. Auch, wenn Sie sich die ländlichen Gebiete Afghanistans anschauen, wo die Taliban in den vergangenen Jahren schon Einfluss hatten, wird eine Gesellschafts- und Justizform des Mittelalters praktiziert. Kommandeure, die teilweise weder lesen noch schreiben können, sitzen mit ihren Kalaschnikows um die vermeintlichen Straftäter herum und zwingen sie zu einer Aussage. Danach werden sie direkt vor Ort entgegen dem klassischen Islamischen Verfahrensrecht zumeist mit Körperstrafen bestraft.

Taliban nutzt Islam in Afghanistan als Spaltpilz

Sie sind in Afghanistan aufgewachsen. Wie haben Sie das Land erlebt?

Wir sind Mitte der 1990er Jahre nach Deutschland geflüchtet. Ich war achteinhalb, als wir Kabul verlassen haben. Nach einer langen und mit sehr vielen Strapazen verbundenen Odyssee über die ehemaligen Sowjetrepubliken, Moskau, Minsk, Kiew und Berlin führte uns die Flucht nach Paderborn. Den Bürgerkrieg und den Einmarsch der Taliban habe ich selbst noch als Kind miterlebt. Ich erinnere mich noch allzu gut an die bestialische Umgangsweise dieses Terror-Regimes. Das Land, das ich kennengelernt habe, war von diesen widersprüchlichen Realitäten gekennzeichnet. Auf der einen Seite der fundamentalistische Islam, der nicht nur durch die Taliban, sondern durch andere Milizen in den Bürgerkrieg hineingebracht worden. Auf der anderen Seite die pluralistische Gesellschaft und herzliche Offenheit der Afghanen. Weil ich aus einem von Pluralität geprägten Stadtteil Kabuls komme, war es für mich immer eine inklusive Gesellschaft, die über alle Unterschiede hinweg sehr wertschätzend miteinander umzugehen fähig war.

Haben Sie ein Beispiel für diesen Widerspruch?

Ich habe über mein gesamtes Leben nie einen Unterschied zwischen mir und den anderen Afghanen gesehen noch wurde mir je eine Unterscheidung in ethnischer oder religiöser Hinsicht gegenüber den anderen Afghanen von meinen Eltern vermittelt. Ich bin in eine Moschee gegangen, von der ich bis zum Auftauchen des Taliban-Regimes und anderer militanter Gruppen nicht einmal wusste, dass es sich um eine schiitische Moschee handelt. Es war ein Novum, zu erfahren, dass irgendetwas eine Grenzlinie zwischen mir und meinen Nachbarn zieht, die Schiiten waren. Dass der Islam der Spaltpilz der Gesellschaft und zwischen zwei benachbarten Häusern sein soll, war für mich unerträglich und ist es immer noch, selbst jetzt, wo ich an der Hochschule Islamisches Recht lehre. Der Islam, den ich kennengelernt habe und lehre, war und ist für mich erhaben über die von Menschen künstlich gezogenen Trennlinien.

Afghanistan – „Nur einige wenige Menschen werden sich über Flüge retten können“

Was geht in der Debatte in Deutschland unter?

Es wird viel zu wenig über die Millionen von Afghanen gesprochen, die zurückgeblieben sind und auch zurückbleiben werden. Nur einige wenige Menschen werden sich über Flüge retten können. Während hier im Westen eine Art Flüchtlingsdebatte beginnt, ist man sich den Realitäten dieser Menschen nicht bewusst, die vollkommen desillusioniert und hoffnungslos zurückgelassen werden. Es fällt schwer, nach vorne zu blicken, weil der Weg nach vorne in eine dunkle Vergangenheit zeigt. Das ist das, was jeden, der mit diesem Land verbunden ist, tief traurig macht.

Wie wird es mit Afghanistan weitergehen?

So tragisch und bitter es klingen mag, Millionen von Afghanen haben bereits unter der korrupten Regierung Hamid Karzais und später der von Ashraf Ghani in einem erheblichen Maße unter der Armutsgrenze gelebt und mussten um das blanke Überleben kämpfen. Dies wird unter dem Taliban-Regime – so viel ist sicher – nicht leichter. Zugleich ist ebenso sicher, dass die zahlreichen Freiheiten, die die Menschen sich in den vergangenen Jahren erkämpft haben, in einem erheblichen Maße durch das Taliban-Regime eingeschränkt werden. Besonders wird es die vulnerablen Gruppen der Gesellschaft treffen: Frauen, Mädchen und Minderheiten. Die Taliban haben die Möglichkeit, sich inklusiv zu verhalten, im Rahmen des einenden Islams, der alle Formen und Möglichkeiten der Entfaltung erlaubt. Oder sie werden in einen Bürgerkrieg hineinschlittern. Davon ist auszugehen, wenn sich die Taliban nicht für eine Regierung unter der Beteiligung der verschiedenen Ethnien und religiösen Konfessionen öffnen. (Interview: Friederike Meier)

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