Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Waffenstrotzende Patrouillen: Taliban-Kämpfer unterwegs in Kabul.
+
Waffenstrotzende Patrouillen: Taliban-Kämpfer unterwegs in Kabul.

Viele Fehler des Westens

Taliban-Triumph in Afghanistan: Der völlig verunglückte Demokratieexport

  • Andreas Schwarzkopf
    VonAndreas Schwarzkopf
    schließen

Ob der Westen nach dem Sieg der Taliban noch Einfluss in Afghanistan haben wird, ist fraglich. Verantwortlich sind frühe Fehler der USA und ihrer Verbündeten.

Kabul – Nach dem Sieg der Taliban in Afghanistan werden die teils unerträglichen Folgen der verheerenden Niederlage für die Menschen im Land am Hindukusch und für den Westen immer deutlicher. Während viele Afghaninnen und Afghanen eine erneute Willkürherrschaft der Islamisten wie zwischen 1996 und 2001 fürchten, stellt die außen- und sicherheitspolitische Zäsur Deutschland und die anderen Staaten Europas mit den USA vor allem vor die unangenehme Frage, wie es weiter gehen soll.

Die USA und ihre Verbündeten müssen zunächst weiter so viele Hilfskräfte mit ihren Familien wie möglich aus dem Land schaffen. Dafür haben sie wenig Zeit und wenig positive Optionen. Außerdem haben sie es nicht mehr in der eigenen Hand, sondern sind auf das Wohlwollen der Taliban angewiesen, die beispielsweise Zugänge zum Flughafen in Kabul kontrollieren.

Westen muss mit Taliban in Afghanistan verhandeln

Da der Westen nicht mehr militärisch intervenieren kann und will, müssen die Regierenden in Washington und London, Paris und Berlin mit den Dschihadisten verhandeln, um ihr selbst erklärtes Ziel erreichen zu können, noch eigene Staatsangehörige und einige Tausend afghanische Hilfskräfte in Sicherheit zu bringen. Druckmittel haben sie dabei kaum. Bei den Hilfskräften wird es im Wesentlichen darauf hinauslaufen, mit Geld Menschen freizukaufen. Diesen Preis werden sie zahlen müssen, wenn sie einen Rest ihrer Glaubwürdigkeit erhalten und dem Eindruck entgegentreten wollen, Afghanistan im Stich zu lassen.

Dabei könnte ihnen helfen, dass die Taliban nach dem militärischen Sieg regieren wollen und müssen. Die Dschihadisten sind dafür verantwortlich, dass das Leben für die rund 38 Millionen Afghaninnen und Afghanen weitergeht und eine humanitäre Katastrophe verhindert wird. Dafür geben sie sich moderat – auch, um die afghanische Bevölkerung nicht wie im Laufe ihrer Schreckensherrschaft in den 90er Jahren gegen sich aufzubringen. Dabei ist fraglich, ob man den Ankündigungen der Taliban trauen kann, wonach sie allen verzeihen würden, die „gegen uns waren“.

Afghanistan: Fragliche Versprechen der Taliban

Das passt zu Berichten, wonach die Eroberer Schulen für Mädchen weiterhin geöffnet lassen und Frauen auf der Straße zwar den Hidschab tragen müssen, aber keine Burka, die den ganzen Körper verdeckt. Berichte von Hinrichtungen oder angedrohten Zwangsheiraten mit Taliban-Kämpfern erinnern hingegen an die Schreckensherrschaft in den 90ern. Damals begrüßten viele Afghaninnen und Afghanen zunächst die Taliban, weil sie den Bürgerkrieg beendet hatten und für Ruhe und Ordnung sorgten. Dass es eine Friedhofsruhe wurde, stellte sich erst später heraus, nach der Einführung der Scharia, öffentlichen Hinrichtungen angeblicher Straftäter und nach Steinigungen angeblicher Ehebrecherinnen.

Der Mangel der Taliban an Geld und Ressourcen könnte dem Westen auch ermöglichen, einige Projekte wie bisher weiter zu finanzieren, um wenigstens auf diesem Wege Afghaninnen und Afghanen nicht alleinzulassen und einige der erzielten Fortschritte zu sichern. Die Chancen dafür sind aber eher gering. Dem Westen dürfte der politische Wille fehlen, das Land auf diese Weise mitzugestalten und so gleichzeitig die Taliban zu stützen. Womöglich werden diese ohnehin auf diese finanziellen Hilfen verzichten, um den verhassten westlichen Staaten ihren Einfluss zu verwehren. Sie werden wohl auch versuchen, mit Hilfe der Nachbarn Pakistan, Iran, China und Russland die Bodenschätze zu erschließen und zu exportieren.

Westen muss sich der Verantwortung ihrer Afghanistan-Politik stellen

Die westlichen Staaten wie die USA, Großbritannien und Deutschland müssen sich ihrer Verantwortung für den 20-jährigen Einsatz stellen und die Lehren ziehen für laufende oder künftige Einsätze. Dabei sollte allerdings nicht übersehen werden, dass vor allem die USA bereits Antworten gegeben haben.

Seit dem Sieg der US-geführten internationalen Gemeinschaft über die Taliban nach den Anschlägen von Al Kaida am 11. September 2001 ist es den Präsidenten Georg W. Bush, Barack Obama und Donald Trump nicht gelungen, eine kohärente und nachhaltige Strategie für den Aufbau Afghanistans zu erarbeiten. Die Bush-Administration hat zwar einen Machtwechsel erzwungen und mit der internationalen Gemeinschaft daran gearbeitet, mit Afghaninnen und Afghanen eine Demokratie nach westlichem Vorbild aufzubauen. Doch bereits 2003 begann Bush den Krieg gegen den Irak und Saddam Hussein.

Bush zog wichtige Ressourcen von Afghanistan ab, ohne bereits die zahlreichen Probleme des Landes gelöst zu haben. Dies gilt als ein erster Kardinalfehler. Weitere folgten. So war etwa die Errichtung einer Zentralregierung in einem Vielvölkerstaat höchst umstritten. Die Obama-Administration hat zwar mit den Verbündeten den Aufbau des Landes fortgesetzt, fand aber kaum Mittel, die Fortschritte zu beschleunigen. Viele kritisierten, Obama setze zu sehr auf militärische statt auf politische Lösungen.

Afghanistan: Trumps verhängnisvolles „America first“

Rückschläge beim Aufbau des Landes und die Dauer des Einsatzes sowie größtenteils negative Schlagzeilen aus dem Irak sorgten dafür, das die US-Bevölkerung beide Missionen zunehmend kritisch sah. Obama kündigte daraufhin 2014 den Rückzug aus Afghanistan an, verzögerte ihn aber ein Jahr später.

Obamas Nachfolger Donald Trump folgte seiner Politik „America first“ und wollte den Rückzug aus Afghanistan möglichst schnell beenden. Dafür verhandelte er mit den Taliban, ohne die Regierung in Kabul zu beteiligen, und stellte im Prinzip nur die Bedingung, die Dschihadisten dürften keine Einheiten der USA und deren Verbündeten attackieren. Für die Trump-Administration war es nicht wichtig, dass die Taliban während der monatelangen Verhandlungen die Zahl der Angriffe auf die afghanische Armee und Polizei erhöhten. Das verstärkte den Eindruck bei vielen Afghaninnen und Afghanen, der US-geführte Westen lasse das Land im Stich.

Irak fürchtet gleiches Schicksal wie Afghanistan

US-Präsident Joe Biden führt den Rückzug zu Ende, der im Grunde der Devise folgt: Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende. Der fehlerhafte Abzug der US-Einheiten schwächte allerdings die Widerstandskräfte Afghanistans und sorgte mit für die noch immer chaotischen Verhältnisse in Kabul. Joe Biden beschränkt sich derzeit auf politische Schadensbegrenzung. Bisher hat er sich so gut wie nicht zu einer künftigen Afghanistanpolitik der USA geäußert. Das lässt viele vermuten, die USA würden sich nach der Rettung ihrer Staatsangehörigen und der afghanischen Hilfskräfte kaum noch in der Region engagieren.

Ähnliches gilt im Irak, wo die USA ebenfalls ihre Truppen zurückziehen. Die Sorgen im Zweistromland, ein ähnliches Schicksal wie Afghanistan zu erleiden, spielen in Washington keine wesentliche Rolle. Bagdad befürchtet das Wiedererstarken des militanten „Islamischen Staats“.

US-Präsident Joe Biden

Mit dem Rückzug aus dem Land am Hindukusch haben die USA und ihre europäischen Verbündeten die entscheidenden Machtmittel aus der Hand gegeben. Sollten die Taliban tatsächlich auf westliche Hilfen verzichten, haben Berlin und andere westliche Hauptstädte jeglichen Einfluss verloren. Wichtig ist dennoch die Debatte darüber, welche Lehren aus dem Einsatz zu ziehen sind für die künftige Außen- und Sicherheitspolitik.

Welche Hilfe für Geflüchtete aus Afghanistan?

Vor allem der bestehende Einsatz in Mali sollte überprüft werden. Sind die verschiedenen Bundesregierungen beim Afghanistaneinsatz im Wesentlichen den USA gefolgt, überlässt die Merkel-Regierung in Mali Frankreich die Initiative und versäumt es, wichtige Fragen zu stellen. Was will Berlin in dem nordafrikanischen Land mit welchen Mitteln erreichen? Welche Fortschritte gibt es dort? Diese Debatte führt zwingend zur Diskussion über die strategische Souveränität der EU. Dahinter verbirgt sich die Frage, mit welchen Mitteln die Union welche Ziele erreichen kann und will.

Schwierig wird auch die Debatte darüber, wie mit der Flucht vieler Afghaninnen und Afghanen umzugehen ist. Der Streit über eine gemeinsame EU-Flüchtlingspolitik ist erneut entbrannt und dürfte Staaten wie Ungarn und Polen unter Druck setzen, ihnen womöglich Sanktionen bescheren. In Deutschland ist eine deutliche politische Mehrheit zwar dafür, möglichst viele afghanische Hilfskräfte aufzunehmen.

Anders sieht das bei der Frage aus, ob es zusätzliche afghanische Flüchtlinge aufnehmen soll. Vor allem die Unionsparteien sprechen sich dagegen aus. Allerdings hat Pakistan zunächst die Grenzen zum Nachbarn Afghanistan geschlossen. Schließlich dürfen die Soldatinnen und Soldaten der Bundeswehr nicht allein gelassen werden mit der Frage, wie sinnvoll der 20-jährige Einsatz mit 56 Toten war – damit die Entfremdung zwischen Armee und Politik nicht größer wird. (Andreas Schwarzkopf)

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare