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Die Verhandlungen kommen gut voran - eine Einigung zwischen scheint zum Greifen nahe.

Afghanistan

Deal mit Taliban stößt auf Widerspruch

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Lässt sich der Krieg in Afghanistan politisch lösen? Eine Einigung der USA mit den Islamisten scheint möglich.

Vier Jahre, nachdem die meisten ausländischen Truppen aus Afghanistan abgezogen wurden, sieht die Sicherheitslage am Hindukusch so schlecht aus wie noch nie seit 2001. Laut Präsident Aschraf Ghani verloren Kabuls 350.000 Sicherheitskräfte seither 45.000 Mann – in etwa so viel wie die Gesamtzahl der Talibankämpfer beträgt. Doch knapp 18 Jahre, nachdem der Westen im Rahmen seines weltweiten „Kriegs gegen Terror“ die radikalislamischen Talibanmilizen aus Kabul vertrieb, scheint eine Einigung zwischen den Gotteskriegern und Washington zum Greifen nahe. 

Kernstück der Vereinbarung, die den Taliban die Rückkehr nach Kabul ermöglichen könnte: Alle 14.000 ausländischen Truppen, die gegenwärtig noch in Afghanistan sind, sollen innerhalb von 18 Monaten nach Unterzeichnung des Abkommens abziehen. „Noch ist nichts endgültig vereinbart“, warnte Zalmay Khalilzad, der Sonderbeauftragte von US-Präsident Donald Trump, nach Verhandlungen mit Taliban-Vertretern in Katars Hauptstadt Doha. 

Ein Streitpunkt, auf dem der frühere Botschafter des damaligen US-Präsidenten George W. Buch in Kabul beharrt: Einem Abzug ausländischer Truppen muss ein Waffenstillstand vorausgehen. Zudem verpflichten sich die Taliban, die vor dem Jahr 2001 Gastgeber für Al-Kaida samt Führer Osama bin Laden waren, Afghanistans Territorium zukünftig nicht mehr Terrorgruppen zur Verfügung zu stellen – sei es der Islamische Staat oder Al-Kaida. 

Einer der schwierigsten Quertreiber in den kommenden Wochen dürfte die Regierung in Kabul sein, die bislang von den Verhandlungen ausgeschlossen wurde. Zudem werden Kriegsfürsten im Norden Afghanistans, allesamt erbitterte Feinde der Taliban, dem Khalilzad-Deal mit größtem Misstrauen begegnen. Die Taliban sind bereits gegenwärtig in der Hälfte des afghanischen Territoriums präsent. 

Die indische Regierung dürften ebenfalls große Einwände haben: Der Konflikt in Afghanistan galt Delhi seit 2001 als Garantie, den Nachbarn und Erzfeind Pakistan politisch und militärisch einzuengen. Tatsächlich machen die Generäle in der pakistanischen Hauptstadt Islamabad keinen Hehl aus ihren Prioritäten: Sie wollen nach den Jahren der Unsicherheit entlang der Grenze zu Afghanistan endlich Ressourcen freimachen. Rund drei Viertel von Pakistans Landstreitkräften sind entlang der sogenannten Durand-Linie, der afghanisch-pakistanischen Grenze, gebunden. 

Die Militärführung der Atommacht Pakistan will zukünftig ihre Aufmerksamkeit wieder dem Erzfeind – der Nuklearmacht Indien – widmen. China, das aus ökonomischen Gründen ein Ende des Konflikts am Hindukusch anstrebt, würde diese Entwicklung ebenso begrüßen wie westliche Staaten. 

Einsatz der Bundeswehr wäre wohl bald beendet

Die Hoffnung: Mit mehr konventionellen Streitkräften an der indischen Grenze schrumpft die Versuchung Pakistans, die Entwicklung taktischer atomarer Schlachtfeldwaffen – sogenannte Mini-atomsprengköpfe – zu forcieren. Aus den Reihen der Taliban kommt erheblicher Widerstand gegen den Khalilzad-Deal. Unter den Kommandeuren befinden sich viele Kämpfer, die während der vergangenen Jahre dem verstärkten Einfluss radikaler islamistischer Ideen ausgesetzt waren Sie glauben zudem an eine Chance, Kabul militärisch in die Knie zu zwingen. Manche Experten hegen Zweifel, ob die junge Kommandeursgeneration der Taliban gewillt ist, Führern wie dem Mullah Abdul Ghani Baradar noch zu folgen. 

Der Mitgründer der Taliban-Bewegung im Jahr 1994 wurde von Islamabad nach zehnjähriger Haft freigelassen, um die Verhandlungen mit den USA zu steuern. Vor einem Jahrzehnt war er von Pakistan inhaftiert worden, um Annäherungsversuche an Kabul zu unterbinden. Allerdings wurde bei einer dreitägigen Feuerpause im Sommer 2018 deutlich, dass viele Taliban-Kämpfer ebenso kriegsmüde sind wie nahezu alle anderen Afghanen. 

Trotz aller Widerstände sind mache Beobachter mehr als zuversichtlich, dass bis zum Sommer ein Abkommen stehen wird, das auch den gegenwärtig größten Auslandseinsatz der Bundeswehr in Afghanistan beenden würde. Der Grund: Trump will bis zur nächsten Präsidentschaftswahl unbedingt den längsten Krieg der USA zu den Akten legen. 

In Kabul packen erste Bewohner die Koffer. Sie wollen fort sein, bevor die Taliban wieder in der Hauptstadt auftauchen. Ein Deal mit den USA, so steht zu erwarten, wird eine neue Flüchtlingswelle auslösen. „Ich kenne die Talibs“, sagt der 63-jährige Hekmat Shah, „noch mal will ich das mir und meiner Familie nicht zumuten“.

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