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Männer finden in Afghanistan nichts Anstößiges dabei, Hand in Hand über die Straße zu laufen.
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Männer finden in Afghanistan nichts Anstößiges dabei, Hand in Hand über die Straße zu laufen.

Homosexualität

Afghanistan ächtet seine Schwulen

  • Willi Germund
    VonWilli Germund
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Gleichgeschlechtliche Liebe wird auch am Hindukusch geächtet. Dabei betrachten Afghanen den Austausch freundlicher und zärtlicher Gesten nicht als Zeichen von Homosexualität.

Sollte der Bericht stimmen, dass der Attentäter von Orlando Omar Mateen einmal mit einem Wutanfall auf zwei sich in aller Öffentlichkeit küssende Homosexuelle in den USA reagiert hat, kann sein afghanischer Vater ihm nicht viel über Sitten und Gebräuche am Hindukusch vermittelt haben. Denn Männer finden in Afghanistan nichts Anstößiges dabei, Hand in Hand über die Straße zu laufen. Bärtige Erwachsene, die vor Kameras junge Teenager auf den Mund küssen, sind ebenso alltäglich wie ein hundsgemeiner Spruch: „Frauen sind für Kinder da, Männer fürs Vergnügen.“

Afghanen betrachten den Austausch freundlicher und zärtlicher Gesten nicht als Zeichen von Homosexualität.

Aber wie in nahezu allen konservativen bis reaktionären Gesellschaften mit dogmatischen Religionen – seien es christliche oder islamische – wird gleichgeschlechtliche Liebe auch am Hindukusch geächtet. „Selbst wer das Thema privat anspricht, riskiert Beleidigungen und Lächerlichkeit“, sagt Hamid Zaher, einer von zwei Afghanen, die sich bislang öffentlich zu ihrer Homosexualität bekannt haben, „Afghanistans Homophobie besitzt eher kulturelle Gründe und ist heimtückischer als in anderen Ländern.“

Bartlose Jungen bei Truppen

Er bekannte sich erst, nachdem er als Flüchtling in Kanada anerkannt worden war. Aber Zaher erinnert sich gut an die Zeiten, als Gleichaltrige ihn als „Izak“ beschimpften, als Hermaphroditen. Ausländische Soldaten, die nach 2001 am Hindukusch stationiert waren, machten anfangs noch Späße mit, wenn afghanische Soldaten  über „Kuni“ (paschtunisches Schimpfwort für Schwule) spotteten. Doch so mancher Blondschopf aus den USA oder Europa geriet in Verlegenheit, wenn afghanische Soldaten ihm ziemlich offen den Hof machten.

Der 2001 verstorbene Dichter Syed Abdul Khan Khaliq Agha widmete den Halekon (jungen, attraktiven Männern) der südafghanischen Stadt Kandahar, der Wiege der radikalislamischen Talibanmilizen, sogar ein Gedicht. „Kandahar hat hübsche Halekon“, lautet der Text, „sie haben schwarze Augen und weiße Wangen.“

Nicht einmal die Taliban, die Homosexuelle hinrichten ließen, waren gefeit. In den Jahren vor dem US-Einmarsch im Jahr 2001 gehörte zu fast jeder Kampfeinheit ein „bartloser Junge“, der noch dazu die Augen mit tiefschwarzer Tinte schminkte. Die zwölf bis 16 Jahre alten „Bacha Baz“ – wörtlich „Jungen für Spaß“ – werden teilweise auch heute noch von Kommandeuren auf allen Konfliktseiten gehandelt. Solange die Kinder, die manchmal in Frauenkleidern vor ihren Besitzern tanzen müssen, noch nicht die Pubertät erreicht haben, gilt Sexualverkehr im spitzfindigen „Pashtuwali“, dem Verhaltenskodex der Paschtunen, wie auch bei den anderen afghanischen Ethnien nicht als homosexuell.

Unverhohlene Pädophilie

Trotz dieser unverhohlenen Pädophilie benötigte die Menschenrechtskommission Afghanistans Jahre, bis sich zu einer Untersuchung durchringen konnte. Sie lag damit völlig im Trend. Denn weder die Regierung in Kabul noch westliche Truppen wollten sich um die Bacha Baz kümmern, die oft mächtigen Kriegsfürsten dienen mussten. Im Gegenteil: Die Söldnertruppe Dyncorps ließ einige der Kinder in ihrem Lager in der Stadt Kundus auftreten.

Neben der Pädophilie ist auch Homosexualität weit verbreitet. Ein Arzt in der südafghanischen Stadt Kandahar schätzte vor Jahren gegenüber dem US-Blatt „Los Angeles Times“, dass etwa die Hälfte der Männer in der Wiege der Taliban Sexualverkehr mit Männern pflegte. Selbst ein lokaler Mullah gab, bemüht die Schätzung gering zu halten, an, dass etwa 18 bis 45 Prozent aller Männer homosexuell aktiv seien. In den USA wird der Prozentsatz auf drei bis sieben Prozent geschätzt.

Angesichts der vielen Mucki-Buden, die während der vergangenen Jahre in Afghanistan Städten entstanden, samt ihren vielen deutlich schwulen Besucher scheint die Schätzung nicht einmal gewagt.

Dennoch glauben Fachleute nicht, dass Afghanistan überdurchschnittlich viele Homosexuelle habe. „Die Leute sind nicht so, sie tun es einfach“, sagt ein westlicher Psychologe, „es ist wie im Gefängnis: Für Afghanen ist es so schwierig, mit Frauen in Kontakt zu kommen, dass sie die einfachere Variante wählen.“

Der im britischen Oxford lehrende Nemat Sadat, Sohn eines früheren afghanischen Botschafters in Westdeutschland und der zweite im Ausland lebende Afghane, der sich öffentlich zur Homosexualität bekennt, warnt Landsleute vor einem ähnlichen Schritt: „In Afghanistan haben mich viele einen Feigling genannt, weil ich an die Öffentlichkeit gegangen bin.“

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