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Die USA wollen den afghanischen Frieden erzwingen - der erscheint nach dem Anschlag vom Sonntag in weite Ferne gerückt.

Taliban und IS

Afghanistan bleibt ein Spielball der Großmächte - und spielt selbst mit

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Zwischen Terror von innen und Drohungen von außen manövriert Afghanistan Richtung Frieden. 

Das hat es in dem gemarterten zentralasiatischen Afghanistan noch nicht gegeben: Erstmals wollen sowohl die Taliban als auch der lokale Ableger der Terrortruppe „Islamischer Staat“ (IS) für ein Attentat in der Hauptstadt Kabul verantwortlich gewesen sein. Der mehrstündige Kampf um das Büro der politischen Organisation „Afghanistan Green Trend“ am Wochenende, begonnen mit einem Selbstmordanschlag, beendet mit zumindest 20 Toten und mehr als 50 Verletzten, hat es allerdings auch in sich. Nicht wegen der Gewalt, sondern vielmehr wegen des Ziels: Der „Green Trend“ wird von Amrullah Saleh geführt, Ex-Innenminister und früher auch mal Chef des afghanischen Geheimdienstes. Im anlaufenden Präsidentschaftswahlkampf tritt er als Vize des bisherigen Präsidenten Ashraf Ghani an.

Außerdem folgt dieser Anschlag auf nun mehrere Attacken über die vergangenen zwei Wochen. Und genau einen Monat, bevor die vom US-Außenminister Mike Pompeo gesetzte Frist für ein Friedensabkommen abläuft. Die heftigen Kriegshandlungen machen einen Deal wieder unwahrscheinlicher.

Scheinbar unberührt von den Terroraktionen, hat Präsident Ghani – dessen Amtszeit im April zu Ende war – gerade seinen Wahlkampf für eine weitere Legislaturperiode eröffnet. Dagegen steht Zalmay Khalilzad, Donald Trumps Sonderbeauftragter für Afghanistan, der unverhohlen fragt: „Wollt ihr Wahlen oder Frieden?“

Taliban bestehen nicht mehr auf Machtmonopol in Afghanistan

„Die Taliban sind begeistert von der Möglichkeit, mit den USA über den Truppenabzug zu verhandeln“, sagt in Kabul Waheed Mozhda, ein Kenner der Islamisten, „aber sie haben wenig Interesse an politischen Gesprächen.“ Und nach wie vor weigern sie sich, mit Kabul zu verhandeln und geben deshalb nur schwammige Erklärungen über mögliche Zugeständnisse ab.

Ein Punkt: Die Taliban bestehen im Gegensatz zu früher nicht mehr auf dem Machtmonopol in Afghanistan. „Aber sie lassen völlig unklar, wie die Praxis in ihren Augen aussehen soll. Es besteht das Risiko, dass die Taliban zwar kein Machtmonopol haben wollen, aber darauf bestehen, die Machtteilung mit anderen Gruppen nach ihren Vorstellungen zu regeln“, sagt Mozhda.

In den ersten sechs Monatendieses Jahres wurden in Afghanistan laut UN mehr Zivilisten durch regierungstreue Truppen getötet als durch die Taliban und andere Rebellen. Insgesamt seien 1366 Zivilisten getötet und 2446 verletzt worden, teilte die UN-Mission in Afghanistan (Unama) mit. Fast ein Drittel der Opfer sind Kinder: 327 wurden im ersten Halbjahr getötet und 880 verletzt. afp

Man erinnert sich: 1996 zogen die siegreichen Taliban als die neuen Herren in Kabul ein. Ungeübt und wenig interessiert an den Komplexitäten einer modernen Staatsverwaltung, versuchten sie, das Land in eine islamische Steinzeit zurückzubomben. 2001 hatten ihre Gegner relativ leichtes Spiel, sie wieder zu verjagen.

Ziel der Gespräche zwischen Washington und den einst verteufelten Taliban ist ein Abzug von ausländischen Truppen. Die Taliban verlangen, dass alle gehen. Die USA wollen eine minimale Präsenz behalten – aus eigenem wahltaktischen Kalkül, versteht sich: Trump will eine Friedensdividende für seine Wiederwahl, aber er will auch nicht schwach wirken. Vier Wochen vor dem Ablauf der US-Frist für eine Vereinbarung ist nicht nur fraglich, ob die Taliban zukünftig internationale, von Afghanistan ausgehende Terroraktivitäten verhindern können. Laut US-Angaben operieren insgesamt 24 verschiedene Gruppen am Hindukusch. Der IS ist der letzte Neuankömmling.

Attacken in Afghanistan haben zugenommen

Und so lässt ein Fortschritt bei den Gesprächen über die politische Zukunft des Landes auf sich warten. Als Marke dafür kann man die jüngst vom deutschen Außenamt organisierte Konferenz zwischen Taliban und Afghanen, die teilweise zu Kabuls Regierung zählten, aber nur als „Privatleute“ teilnehmen durften, setzen: nebulöse Erklärungen, wenig Greifbares. In der Abschlusserklärung hieß es, beide Seiten wollten eine Verringerung der Kämpfe. Die Attacken haben zugenommen.

Beobachter hegen trotz aller Vorbehalte der Talibanführung gegenüber politischen Kompromissen wenig Zweifel, dass in den Rängen der auf bis zu 45.000 Mann geschätzten Milizen Bereitschaft zum Frieden besteht. Sie verweisen auf die Feuerpause während des Festes zum Fastenbrechen 2018, als es zu Verbrüderungsszenen zwischen den Gegnern kam.

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Selbst die junge Generation der Taliban, die die vergangenen Jahre über zur Indoktrination in Koranschulen im Grenzgebiet von Pakistan und Afghanistan waren, werden nach Ansicht von Beobachtern im Fall eines Friedens ihrer Führung folgen. „Die Taliban sind eine ideologische Truppe, die macht, was die Führung verlangt“, sagt Experte Mozhda.

Viele Afghanen aber plagt die Frucht, dass die Geschichte sich nach dem Abzug der ausländischen Truppen wiederholt. Man erinnert sich noch an das Regime des von der Sowjetunion hinterlassenen Mohammed Nadschibullah und wie es Anfang der 90er Jahre kollabierte, als Geld und Ausrüstung aus Moskau ausblieben. „Solange der Westen weiter zahlt, wird die Regierung in Kabul sich halten“, glaubt Abdul Hakim Mudschahid, lange UN-Botschafter der Taliban und nun Vize des afghanischen Friedenskonzils. „Den Taliban wird es nicht gelingen, die Hauptstadt zu erobern.“ Das muss für den Rest des Landes nicht gelten. Die Milizen der afghanischen „Schüler“ oder „Suchenden“ kontrollieren derzeit rund zwei Drittel des afghanischen Territoriums. (mit rut)

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