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Die französische Justizministerin Nicole Belloubet findet ihre Kritik an Mila im Nachhinein  „ungeschickt“. 

Islam in Frankreich

Die Affäre Mila und die Blasphemie

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Die französische Justizministerin Nicole Belloubet rudert in der Affäre um eine junge Französin, die sich online abfällig über den Islam äußert, zurück.

Der Fall einer 16-jährigen Islam-Kritikerin sorgt in Frankreich für erregte Debatten: Innenminister Christophe Castaner hat die Gymnasiastin Mila und ihre Familien wegen Morddrohungen unter Polizeischutz gestellt. Die in den französischen Voralpen lebende Schülerin hatte im Januar online mit Altersgenossen über Sexualität diskutiert. Als sie befand, sie stehe nicht auf Maghrebinerinnen, beleidigte sie ein Junge, der sie zuerst umworben hatte, wegen ihrer Homosexualität. Der Chat artete aus, Mila befand, sie hasse Religionen. „Der Islam ist eine Religion des Hasses, das ist scheiße. Eure Religion ist scheiße, eurem Gott stecke ich den Finger in den A…“, sagte sie in einem Video, das sie im Internet-Dienst Instagram veröffentlichte.

Schnell breitete sich die Aufnahme in den Online-Netzwerken aus und Mila sah sich schwerstens beleidigt; ihre Identität wurde veröffentlicht und verbreitet. Sie erhielt Morddrohungen und geht aus Angst vor Gewalt nicht mehr zu Schule. Sofort wurde der Fall öffentlich, die Justiz eröffnete zwei Untersuchungen: eine wegen „Anstachelung zum Hass wegen Zugehörigkeit zu einer Religion“ gegen Mila, eine zweite wegen Belästigung und Bedrohung gegen Unbekannt.

Justizministerin Nicole Belloubet meinte spontan, die Beleidigung einer Religion stelle eine Attacke auf die Gewissensfreiheit dar, auch wenn dies noch lange nicht eine gewalttätige Reaktion rechtfertige. Weniger bemüht um einen Ausgleich, stellte sich Marine Le Pen dezidiert hinter Mila. Die Chefin des „Rassemblement National“ (RN) zog einen Vergleich zum Satiremagazin „Charlie Hebdo“ und seinen Mohammed-Karikaturen, die 2015 zu einem mörderischen Terroranschlag auf die Redaktion mit elf Todesopfern geführt hatten.

Die aggressiven Voten waren allerdings nicht angetan, eine Grundsatzdebatte über Religions- oder Islamkritik auszulösen. Das Thema polarisiert in Frankreich ohnehin stark. Die vermittelnde Justizministerin Belloubet musste zurückrudern und erklären, ihre Kritik an Mila sei „ungeschickt“ gewesen. Der Vertreter des französischen Muslimrates CFCM, Abdallah Zekri, geriet unter Beschuss, weil er erklärte, Mila habe es „gesucht“. Zugleich hatte aber auch er die Morddrohungen als inakzeptabel verurteilt.

Die Schülerin beruft sich auf ein „Recht zur Gotteslästerung“. Tatsächlich wurde in Frankreich nach der Revolution von 1789 das Delikt der „Blasphemie“ abgeschafft. Über das – ungeschriebene – Recht auf Blasphemie ließe sich durchaus diskutieren. Die friedfertige Mehrheit der französischen Muslime hätte dazu durchaus etwas zu sagen. Auch anderen Franzosen gehen etwa bewusst provokative Karikaturen zu weit.

Doch in Milas Fall schnappte die Instagram-Falle zu. Le Pen sucht gar nicht die Debatte. Wenn sie sich vor linke Magazine wie „Charlie Hebdo“ stellt, geht es ihr nicht um Meinungsfreiheit, sondern um den Islam.

Die französische Justiz versucht, sich von der aufgeheizten Stimmung nicht beeinflussen zu lassen. Sie sucht mit Nachdruck die Urheber der Morddrohungen gegen Mila; die Ermittlungen gegen das Mädchen hat sie nach einer ersten Prüfung eingestellt.

Mila selbst hat diese Woche erstmals Stellung genommen. In einem Interview erklärte sie, sie habe nicht Personen angreifen wollen, sondern eine Religion. „Ich entschuldige mich ein klein bisschen bei den Personen, die ich verletzt haben mag und die ihre Religion im Frieden ausüben“, führte sie aus.

Langsam melden sich nun auch reflektierte Stimmen zu Wort. Die sozialistische Ex-Präsidentschaftskandidatin Ségolène Royal, die im rechten Parteiflügel sonst eher islamkritische Positionen vertritt, erklärte, sie weigere sich, sich einem der beiden Extreme anzuschließen. „Wir haben die Freiheit der Religionskritik. Aber man kann das auch respektvoll tun. Ich verweigere mich einer Debatte aufgrund von biederen Erklärungen eines Teenagers. Mit einem solchen Verhalten kann man nicht ernsthaft über die Frage der Laizität diskutieren.“ (mit afp)

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