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Whatsapp-Chat der AfD: „Fällt es so schwer, mal nicht über das Dritte Reich zu reden?“

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Von: Nail Akkoyun

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Tino Chrupalla (l.), Bernd Baumann und Alice Weidel von der AfD während einer Bundestagssitzung. (Archivfoto)
Tino Chrupalla (l.), Bernd Baumann und Alice Weidel von der AfD während einer Bundestagssitzung. (Archivfoto) © Jens Schicke/Imago Images

Inhalte eines WhatsApp-Gruppenchats der AfD wurden publik. Von den vielen bedenklichen Äußerungen will Parteichefin Alice Weidel allerdings nichts wissen.

Berlin – Eigentlich handelte es sich bei der „Quasselgruppe“ um eine streng vertrauliche WhatsApp-Chatgruppe der ersten AfD-Bundestagsfraktion – mindestens 76 der 92 AfD-Abgeordneten hatten bis nach der Bundestagswahl 2021 regelmäßig darin geschrieben. Nun wurden dem WDR und dem NDR mehr als 40.000 interne Chatnachrichten zugespielt.

Die Nachrichten bieten einen bisher nie dargeboten Einblick in das Innere der rechtspopulistischen Partei. Neben homophoben Äußerungen und Umsturzfantasien präsentiert die AfD in den Chatverläufen vor allem eines: Spaltung.

Nach Ende des alten „Regimes“: AfD will sich für „gnadenlose Kämpfe“ rüsten

Wie AfD-Abgeordnete sprechen, beziehungsweise schreiben, wenn sie unter sich sind, wird eindrucksvoll in der „Quasselgruppe“ dargestellt. „Wir sind die letzte Chance die dieses Land hat, und das meine ich bitter ernst!!!“, war etwa am 27. Juli 2019 im Gruppenchat zu lesen. Im Vergleich zu manch anderer Aussage aber eher harmlos: „Wir müssen wohl warten, bis das Alte Regime wirtschaftlich ans Ende kommt und der Funke aus Österreich, Italien, Frankreich usw. überspringt. Das wird kommen und für die dann ebenfalls kommenden gnadenlosen Kämpfe müssen wir uns rüsten“, hieß es beispielsweise am 16. Juni 2019.

Zudem wurden Politiker:innen anderer Parteien regelmäßig beschimpft. Als der sich als homosexuell bekennende CDU-Politiker Jens Spahn im Juli 2019, damals noch Bundesgesundheitsminister, kurzzeitig in den Medien als künftiger Verteidigungsminister gehandelt wurde, hieß es: „Oh gut, wieder eine Verteidigungsministerin.“ Der damalige Bundestagsabgeordnete Johannes Kahrs (SPD), ebenfalls homosexuell, sei eine „radikal böse Afteröffnung“.

AfD-Parteichefin Alice Weidel hat sich zum kontroversen Whatsapp-Chat ihrer Partei geäußert. (Archivfoto)
AfD-Parteichefin Alice Weidel hat sich zum kontroversen Whatsapp-Chat ihrer Partei geäußert. (Archivfoto) © Jens Schicke/Imago

Auch „die Ratte von Merkel“ gehört den AfD-Bundesabgeordneten zufolge „lebenslang in den Knast“. Parteichefin Alice Weidel will von den Nachrichten nichts gewusst haben. Hätte sie Kenntnis gehabt, wäre sie gegen solche „inakzeptablen“ Äußerungen vorgegangen, sagte Weidel gegenüber dem WDR und dem NDR. Die AfD-Vorsitzende soll kein Mitglied der Chatgruppe gewesen sein.

Lagerkonflikte innerhalb der AfD: „Erwiesene Nazis“ gegen „Freiheitlich-Konservative“

Weiter ziehen sich die jahrelangen parteiinternen Grabenkämpfe zwischen dem rechtsextremen Flügel und dem gemäßigteren Lager quer durch die Chatgruppe. Ein Abgeordneter stellte am 8. November 2019 die Frage in den Raum, ob man denn nun „eine National-sozialistische oder eine freiheitlich-konservative Partei“ sein wolle. Am 17. April 2020 beteuerte ein anderer Abgeordneter, er wolle „erwiesene Nazis“ und „die Ideologie und den Führerkult, die Höcke und Kalbitz vertreten“ nicht in der Partei haben.

Als der Verfassungsschutz im Frühjahr 2020 den rechten AfD-Flügel als erwiesen extremistisch einordnete, schrieb die als moderat geltende Joana Cotar: „Es wundert mich nicht, dass das jetzt so kommt. Wir haben zu spät den Stecker gezogen. [...] der Flügel hat es dem VS viel zu einfach gemacht.“ Auf Nachfrage, was das denn heiße, fragte Cotar, ob es denn so schwerfalle, „mal nicht über das Dritte Reich zu reden“. Inzwischen wurde die komplette Partei als Verdachtsfall eingestuft.

Darauf im Interview mit WDR/NDR angesprochen, sagte die Politikerin, in der AfD sei die „fehlende Führung“ das Problem, die nicht den Mut habe, „auch mal durchzugreifen und sich unbeliebt zu machen“. Kritik an Alice Weidel wurde auch im Gruppenchat geübt, ihr ginge es nur „um ihren eigenen Kopf“. Damit konfrontiert, sagte Weidel im WDR/NDR-Interview: „Da müssen die sich überlegen, ob sie sich vielleicht ein anderes Hobby suchen, anstatt ihre Zeit zu vergeuden, permanent in Chats reinzuschreiben. Da würde ich mir mehr Einsatz in der parlamentarischen Arbeit wünschen.“ Unzufriedene gebe es immer, erklärte die Fraktionsvorsitzende.

Selbstzweifel bei der AfD: „Wo ist unser Konzept?“

Unzufrieden scheinen die Bundestagsabgeordneten aber nicht nur mit der Parteispitze zu sein, sondern mit der gesamten Ausrichtung der AfD. Zu radikal, nicht rechtsextrem genug, oder einfach nur konzeptlos. „Uns fliegt langsam die Partei unterm Arsch weg, die gegründet wurde, um unser Land zu schützen!“, hieß es am 10. Juli 2019, nach schwachen Umfragewerten. „Was fremdschämen angeht, bin ich durch die Partei extrem belastbar geworden“, schrieb ein anderer schon knapp einen Monat vorher.

„WO IST UNSER KONZEPT, WO IST UNSERE STRATEGIE? Wenn man solche Fragen stellt gilt man offenbar als Verräter“, schrieb ein AfD-Abgeordneter, nachdem er die Fraktionsführung in der WhatsApp-Chatgruppe angegriffen hatte. „Leute...echt...wir sollten EIN Ziel haben“, schrieb ein anderer frustrierter Politiker. Doch die fehlende gemeinsame Linie ist bereits seit Jahren eines der Probleme der AfD. (nak)

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