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Flüchtlinge aus Tigray im östlichen Sudan.
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Flüchtlinge aus Tigray im östlichen Sudan.

Tigray

Äthiopiens Schande

  • Johannes Dieterich
    vonJohannes Dieterich
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Hunger, Angst, Gewalt: In der umkämpften Provinz Tigray ist die Lage der Menschen dramatisch.

Die Invasion äthiopischer Regierungstruppen in die Provinz Tigray hatte Abiy Ahmed, Premierminister des ostafrikanischen Staates und Friedensnobelpreisträger, Anfang November als zeitlich befristete „Strafverfolgungsaktion“ gegen die dortige Provinzführung erklärt. Doch drei Monate nach dem Einmarsch äthiopischer Truppen steht Tigray nach Angaben internationaler Hilfsorganisationen und Diplomat:innen vor einer humanitären Katastrophe.

Aus der Provinz werden zahlreiche Massaker, Hinrichtungen und das absichtliche Aushungern der Bevölkerung gemeldet. „Die Not ist überwältigend“, teilt das Internationale Komitee des Roten Kreuzes mit. Es gebe „glaubwürdige Berichte“, wonach „Hunderttausende von Menschen“ vom Hungerstod bedroht seien, fügt das US-Außenministerium in Washington hinzu. Zwei Monate nach der Einnahme der Provinzhauptstadt Mekele werden aus fast allen Teilen der Region von der Größe Niedersachsens noch Kämpfe gemeldet: Jenseits der Verkehrsadern sei die Region völlig „instabil“ und „unvorhersehbar“, warnt das Humanitäre Hilfswerk der Vereinten Nationen (Ocha).

Nach dessen Angaben sind rund 4,5 der über sechs Millionen Bewohnerinnen und Bewohner Tigrays auf Nothilfe angewiesen. Trotzdem verweigere die Regierung in Addis Abeba weiterhin vielen Mitarbeiter:innen humanitärer Organisationen den Zugang zur Provinz, sie müssen oft wochenlang auf einen Passierschein warten. Ein UN-Diplomat bezeichnete die Verweigerung humanitärer Hilfe als „Teil der Kriegsführung“ der äthiopischen Regierung. Auch das Gesundheitssystem Tigrays soll zusammengebrochen sein: Es gebe weder Medikamente noch psychologische Hilfe für die traumatisierte Bevölkerung. Gerüchte, dass auch eritreische Soldaten auf der Seite der äthiopischen Regierungstruppen kämpften und sich noch in Tigray aufhielten, haben sich inzwischen zur Gewissheit verdichtet: Selbst die US-Regierung forderte kürzlich den unverzüglichen Abzug der Truppen aus dem Nachbarland. Obwohl Tigrays und Eritreas Bevölkerung ethnisch verschwistert sind und dieselbe Sprache sprechen, gelten sie seit dem 1998 ausgebrochenen Wüstenkrieg zwischen Äthiopien und Eritrea als Todfeinde.

Premierminister Abiy, dessen Vater den Oromo und Mutter den Amhara angehört, hatte vor zwei Jahren eine Aussöhnung mit Eritrea in die Wege geleitet und dafür den Friedensnobelpreis erhalten. Heute wird die Versöhnung zwischen Addis Abeba und Asmara eher als taktisches Manöver Abiys betrachtet: Damit habe er den Einmarsch äthiopischer und eritreischer Truppen in Tigray vorbereitet. Eritrea wird seit seiner Unabhängigkeit 1991 vom Autokraten Isaias Afwerki regiert. Wegen der unbefristeten Wehrpflicht in ihrer Heimat verlassen Hunderttausende junger Eritreer das Land.

Eritreischen Soldaten werden jetzt auch zahlreiche Gewalttaten in der Tigray-Provinz vorgeworfen. Sie sollen in unmittelbarer Nähe zu einem christlichen Heiligtum in der Stadt Aksum – in dem der Legende nach die israelitische Bundeslade mit den in Stein gehauenen Zehn Geboten aufbewahrt ist – ein Massaker an 750 Zivilisten angerichtet haben.

Auch für die „Hinrichtung“ des angesehenen ehemaligen äthiopischen Außenministers Seyoum Mesfin werden eritreische Soldaten verantwortlich gemacht. Der 71-jährige Diplomat war im Zentrum der Provinz mit einem Schuss in die Stirn getötet worden. Er habe sich „seiner Verhaftung widersetzt“, heißt es in Addis Abeba. Pramila Patten, UN-Beauftragte für sexuelle Gewalt in Konfliktzonen, berichtet außerdem von zahlreichen Vergewaltigungen in der Provinz: Junge Männer würden sogar dazu gezwungen, Mitglieder ihrer eigenen Familie zu missbrauchen.

Schwere Menschenrechtsverbrechen werden auch aus den vier Lagern in Tigray gemeldet, in denen vor dem Bürgerkrieg rund 100 000 eritreische Flüchtlinge interniert waren. Viele der vor allem jungen Internierten seien gegen ihren Willen nach Eritrea zurücktransportiert worden, heißt es. Dort müssen sie wegen Landesflucht mit hohen Haftstrafen rechnen. Die verbliebenen Insassen seien völlig unterernährt, teilt die UN mit. Auch dort käme es häufig zu sexuellen Gewalttaten, sagt die UN-Beauftragte Patten.

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