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Von Addis Abebas Oberbürgermeister bestellte „Jubel-Äthiopierinnen“ verlangen die Vernichtung Tigrays.
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Von Addis Abebas Oberbürgermeister bestellte „Jubel-Äthiopierinnen“ verlangen die Vernichtung Tigrays.

Afrika

Kampf um Tigray: Äthiopiens Regierungschef Abiy Ahmed als apokalyptischer Reiter

  • Johannes Dieterich
    VonJohannes Dieterich
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Nach seiner militärischen Niederlage versucht Regierungschef Abiy Ahmed, die Provinz Tigray auszuhungern. Und schickt Stammesmilizen der Afar in den Kampf.

In der äthiopischen Tigray-Provinz verschlimmert sich die ohnehin schon katastrophale Lage. Regierungschef Abiy Ahmed, der einen „totalen Krieg“ gegen die „Tigray Defense Force“ (TDF) erklärt hat, versucht nun offenbar, den Widerstand der Bevölkerung in der Provinz durch die Blockade von Hilfslieferungen zu brechen.

Internationale Hilfswerke berichten von einer fast vollständigen Abriegelung Tigrays, wo mehr als sechs Millionen Menschen leben. Unter den gegenwärtigen Bedingungen sei in den nächsten zwei Wochen mit einer Hungersnot zu rechnen, sagte ein Mitarbeiter einer Hilfsorganisation im Gespräch mit dieser Zeitung. Die Versicherung der Regierung in Addis Abeba, eine humanitäre Katastrophe abwenden zu wollen, sei mit ihrem Verhalten nicht in Einklang zu bringen.

Seit dem Teilrückzug der äthiopischen Truppen vor vier Wochen hat nur ein einziger Konvoi mit Hilfsgütern Tigray erreicht – und auch das erst, nachdem UN-Generalsekretär António Guterres bei Abiy Ahmed persönlich vorgesprochen hatte.

Tigray: Mehr als 200 UN-Lastwagen mit Hilfsgütern in der Afar-Provinz blockiert

Der aus 54 Lastwagen bestehende Unicef-Konvoi beförderte nach UN-Angaben nur ein Prozent der benötigten Hilfsgüter: Um den Bedarf in Tigray zu decken, müsste täglich ein solcher Konvoi in dieser Größenordnung in der Provinz eintreffen, hieß es. Mehrere Wagenkolonnen wurden aber zurückgewiesen oder warten seit Tagen an den Grenzen Tigrays auf die Erlaubnis zur Weiterfahrt.

Die Provinz ist auf allen Seiten von feindlichen Kräften umgeben: im Norden von eritreischen Truppen, im Süden und Westen von der äthiopischen Armee, die von Amhara-Milizen unterstützt wird. Nur über die östlich gelegene Afar-Provinz und deren Flughafen in Semera war Tigray in den vergangenen Wochen erreichbar. Inzwischen haben Kämpfe auch die Straße von Semera unpassierbar gemacht. Mehr als 200 von den UN angeheuerte Lastwagen mit Hilfsgütern sind in der Afar-Provinz blockiert.

Auch der Flugverkehr in Tigrays Provinzhauptstadt Mekelle ist zum Erliegen gekommen, weil die äthiopische Armee bei ihrem Teilrückzug das Navigationssystem der Flugkontrolle zerstört hat. Alle Mobilfunk- und Internetverbindungen in die Provinz sind unterbrochen, dasselbe gilt für die Stromzufuhr. Auch Benzin wird knapp; das schränkt die Arbeit der Hilfswerke stark ein. Die Banken haben wegen Geldmangels dichtgemacht. Reisende aus anderen Landesteilen dürfen nur 10 000 Birr (umgerechnet knapp 200 Euro) in die Provinz „einführen“.

Äthiopien: Ministerpräsident Abiy Ahmed wirft Hilfsorganisationen Waffenschmuggel vor

Besorgt äußerte sich die Hilfsorganisation über die Vorwürfe der äthiopischen Regierung, die internationalen Hilfswerke steckten mit den in Addis Abeba als „Terroristen“ bezeichneten TDF-Kämpfern unter einer Decke. Ausländische Organisationen schmuggelten Waffen für die TDF, hatte Premier Abiy gesagt, ohne Beweise zu liefern. Die Anschuldigungen seien nicht nur „falsch“, sondern „gefährlich“, so ein Mitarbeiter. Die Mitarbeitenden würden so Übergriffen ausgesetzt. In dem Bürgerkrieg wurden bereits mindestens zwölf Angehörige ausländischer Hilfswerke getötet.

Wie systematisch die Regierung bei ihrer Blockade Tigrays vorgeht, zeigen auch die Reisebeschränkungen für die Hilfswerke. Die Mitarbeiter:innen dürften inzwischen weder Computer noch Mobil- oder Satellitentelefone nach Tigray mitnehmen. Selbst abgepackte Lebensmittel und Medikamente für den eigenen Bedarf würden beschlagnahmt. In einzelnen Fällen seien Visa annulliert worden.

RegionTigray
NationÄthiopien
Fläche50.079 km²
Bevölkerung7,07 Millionen (Stand 2020)

Der Mitarbeiter der Hilfsorganisation besuchte kürzlich mit mehreren anderen Direktoren internationaler Hilfswerke die Tigray-Provinz. In ihrem Abschlussbericht heißt es: „Die humanitäre Situation ist an einem Scheideweg angekommen. Die Zeit geht aus. Wir haben nur noch Wochen, bevor aus unserer Operation zur Rettung von Leben eine zur Verwaltung des Todes wird.“ Falls Äthiopiens Regierung nicht „gewisse Maßnahmen“ träfe, kämen spätestens in zwei Wochen alle Aktivitäten internationaler Hilfswerke zum Stillstand. Vor zehn Tagen hatte Abiy Ahmed das Ende des von ihm im Juni einseitig erklärten Waffenstillstands verkündet, weil dieser nicht die „erhofften Früchte“ getragen habe. Gleichzeitig begann auch die durch militärische Niederlagen in Tigray stark dezimierte Armee, zusätzliche Soldaten zu rekrutieren – vor allem aus den südlichen Provinzen des Landes.

Tigray: Äthiopiens Ministerpräsident Abiy Ahmed will keine Verhandlungen

Auch die Milizen der an Tigray angrenzenden Amhara-Provinz machten mobil: Sie bereiten einen Angriff auf die TDF im Westen Tigrays vor. Die Region war zu Beginn des Bürgerkriegs von Regierungstruppen und Amhara-Milizen eingenommen worden. Es folgten „ethnische Säuberungen“ – Hunderttausende Menschen wurden planmäßig vertrieben.

Kommandokrieger der Afar in Tigray.

Sowohl Amhara wie Tigray erheben Anspruch auf die Region: Zahllose Amhara seien vor 30 Jahren von dort vertrieben worden, heißt es in Bahir Dar, der Hauptstadt der Amhara-Provinz. Bei der Aufteilung Äthiopiens in Provinzen war die Region 1991 Tigray zugeschlagen worden. Bevor nicht auch der Westen „befreit“ sei, werde die TDF ihren Kampf nicht einstellen, sagte TDF-Sprecher Getachew Reda.

Diplomaten in Addis Abeba hatten erwartet, dass Abiy Ahmed nach seinem im Juli bekanntgegebenen Wahlsieg Verhandlungen über die Zukunft der Tigray-Provinz aufnehmen würde. Das Gegenteil scheint nun der Fall zu sein: In Äußerungen, die an Hassreden vor dem Völkermord in Ruanda erinnern, bezeichnete Abiy Tigray als Äthiopiens „Krebsgeschwür“ und die TDF als „Emboch“, das ist eine sich rasant ausbreitende Wasserhyazinthe, die die Gewässer des Landes verstopft. In Ruanda hatte die Hutu-Miliz Interahamwe die Bevölkerungsminderheit der Tutsi kurz vor dem Völkermord als „Kakerlaken“ diffamiert. (Johannes Dieterich)

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