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Äthiopien droht nach dem Krieg am Frieden zu scheitern

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Von: Johannes Dieterich

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Versuchter Neuanfang am Straßenrand: ein Schneider und eine Maiskolben-Händlerin in Tigrays Hauptstadt Mekelle.
Versuchter Neuanfang am Straßenrand: ein Schneider und eine Maiskolben-Händlerin in Tigrays Hauptstadt Mekelle. © Johannes Dieterich

Tigray ist nach Äthiopiens Bürgerkrieg ein Schatten seiner selbst. Millionen Menschen hungern, die Städte sind ohne Leben. Erschütternde Eindrücken aus einem lange abgeriegelten Land.

Mekelle – Als das Flugzeug auf der Landebahn von Mekelle in Äthiopien aufsetzt, verwandelt sich die Kabine in einen Kessel roher Gefühle: Frauen stoßen schrille Triller aus, Männer klopfen sich freudestrahlend auf die Schultern, hinter mir bricht eine Mutter von zwei Kindern in unkontrolliertes Schluchzen aus. Sie habe ihre Eltern seit drei Jahren nicht mehr gesehen und vor zwei Wochen erstmals wieder mit ihnen gesprochen, sagt die gut 30-jährige Frau: Zum Glück seien sie wohlauf, nur einer ihrer Cousins habe den Krieg nicht überlebt.

Mehr als zwei Jahre lang war Äthiopiens Tigray-Provinz von der Außenwelt abgeschottet – die Grenzen verriegelt, das Telefonnetz gekappt, von jeglicher Versorgung abgeschnitten. Bis Äthiopiens Regierung mit der Volksbefreiungsfront Tigray (TPLF) Anfang November einen Friedensvertrag schloss: Seitdem sollten die Kämpfe eigentlich beendet, die Grenzen geöffnet und die Provinz wieder Teil der äthiopischen Bundesrepublik sein.

Äthiopien – Was hat die Regierung zu verbergen?

Ethiopian Airlines hat ihre Flüge in die Provinzhauptstadt Mekelle auch wieder aufgenommen. Vier Tage vorm orthodoxen Weihnachtsfest ist der Andrang so stark, dass täglich statt einer Maschine gleich drei fliegen. Die Bewegungsfreiheit gilt allerdings nicht für alle: Medien verwehrt die Regierung nach wie vor den Zugang in den Norden – vor allem ausländischen. Ein illegaler Besuch in Tigray werde ernste Folgen haben, warnt der Verantwortliche im Akkreditierungsbüro Addis Abebas, was die Reise nur noch dringlicher macht. Was hat die Regierung dort zu verbergen?

„Du bist der Erste, der seit über einem Jahr hier auftaucht“, sagt Samuel (Namen von der Redaktion geändert) bei der Begrüßung am Flughafen Mekelles: Fünf Tage lang werde ich in der Provinzhauptstadt kein anderes Bleichgesicht sehen. Mein Freund erzählt, dass vor wenigen Monaten seine Frau gestorben sei: an einer Entzündung, die mit Antibiotika ohne weiteres hätte geheilt werden können. Wegen der Blockade gab es in Tigray jedoch keine Medikamente mehr – jetzt muss Samuel seine 16- und zehnjährigen Söhne alleine aufziehen.

Äthiopien – Mekelles Tankstellen sind verwaist

Mekelle wirkt wie ein Schatten ihrer selbst. Sogar während ihrer Besetzung durch äthiopische Regierungstruppen war die eigentlich eine knappe halbe Million Einwohner zählende Stadt mehr belebt. Heute sitzen Geschäftsleute vor ihren fast leeren Läden und starren mit ebenso leerem Blick in die Ferne. Auf den Straßen sind höchstens mit Passagieren vollgestopfte dreirädrige Tuk-Tuks, klapprige Minibusse oder Eselgespanne auszumachen.

Erstere schalten bei einer Talfahrt ihre Motoren aus, um Sprit zu sparen. Letztere ziehen einen Autoreifen hinter ihrem Karren her, auf dem ein Mann als Bremser dient. Ein Liter Benzin kostet mehr als vier Euro – das kann sich kaum wer leisten. Mekelles Tankstellen sind verwaist: Der Sprit wird literweise in Plastikflaschen verkauft.

Äthiopien: UN-Konvois werden nicht nach Tigray gelassen

Die meisten Banken sind noch immer geschlossen – die wenigen geöffneten geben ihrer Kundschaft pro Woche höchstens 1500 Birr aus, weniger als 30 Euro. Die längsten Schlangen haben sich vor den Läden für Telefonkarten gebildet: Weil zwei Jahre lang kein Handy ging, sind die alten Karten abgelaufen. Gleich hinter dem Hotel „Northern Star“ verteilt das World Food Programme der UN Nahrung, die es seit Mitte Dezember wieder in die Provinz karrt. In Reih und Glied sitzen Dutzende vor allem Älterer auf dem Boden und warten geduldig.

Unterdessen sitzt Yibrah Asmelash in einem Klassenzimmer der ältesten Grundschule Mekelles und wartet, dass auch er mal an die Reihe kommt. Seit fast drei Jahren ist die Schule wie sämtliche Bildungseinrichtungen in der Provinz geschlossen – erst wegen Covid, dann wegen des Kriegs.

Wer es sich leisten kann, habe für seine Kinder einen Privatlehrer engagiert oder suche ihnen selbst etwas beizubringen, sagt Samuel: „Unter den Folgen des jahrelangen Schulausfalls wird Tigray noch Jahrzehnte leiden.“ Yibrah hat in den vergangenen vier Monaten nur einmal Hilfe erhalten: 15 Kilo Mehl, 1,5 Kilo Bohnen und ein dreiviertel Liter Pflanzenöl. Mehr war nicht drin, weil selbst die UN-Konvois nicht nach Tigray gelassen wurden.

Äthiopien – Täglich unterernährte Kinder auf Kinderstation

Täglich kämen mehrere unterernährte Kinder in seine Station, berichtet ein Arzt in der Pädiatrie des Ayder-Hospitals: Das echte Problem seien aber die, die nicht auftauchen. Ausgehungerte fern der Städte, die aus Mangel an Transportmitteln und Geld nie in ein Krankenhaus kommen. In ihrem Dorf seien schon mehrere Kinder verhungert, berichtet die Mutter des sechs Monate alten Getenet. Dessen Haut ist runzlig wie die eines Greises.

Mehr Kuchen draußen auf der Werbung, als Brötchen in der Auslage: eine Konditorei in Mekelle.
Mehr Kuchen draußen auf der Werbung, als Brötchen in der Auslage: eine Konditorei in Mekelle. © Johannes Dieterich

Der 37-jährige Yibrah floh im September von seinem rund 150 Kilometer entfernten Dorf zu Fuß nach Mekelle. Im Wirrwarr nach dem Beschuss durch eritreische Truppen habe er seine Frau verloren, erzählt der Kaufmann. Inzwischen erfuhr er, dass auch sie überlebt hat. Sein Geschäft wurde geplündert und zertrümmert.

Äthiopien – Nach Friedensvertrag über 4000 Menschen getötet

Fast der gesamte Norden und Westen Tigrays ist weiterhin von eritreischen Truppen besetzt, die Äthiopiens Premierminister Abiy Ahmed vor zwei Jahren zur Unterstützung seiner Invasion gerufen hatte. Bei den Friedensgesprächen in Südafrika war Eritrea nicht dabei. Das ließ die Befürchtung aufkommen, der eritreische Diktator Isaias Afwerki könne zum Friedensverderber werden. Seiner Armee werden zahlreiche Massaker, Vergewaltigungen und Plünderungen angelastet.

Seit der Unterzeichnung des Friedensvertrags seien mehr als 4000 Menschen getötet worden, heißt es in Mekelle. In einer der beiden Fernsehstationen Tigrays sind Bilder von einer Karawane vollbepackter Kamele zu sehen. Sie transportieren Beutegut nach Eritrea ab, sagt der Sprecher: von Baumaterialien über Möbel bis zu Töpfen und Löffeln. Afwerkis Absicht sei die „totale Zerstörung“ Tigrays, meint der politische Analyst Muez Gidey.

Äthiopien: „zur Kooperation bereit“

Bei der Vereinbarung von Pretoria handele es sich um keinen Friedensvertrag, sondern um eine Kapitulation, fährt Muez fort: Der TPLF sei nichts anderes übrig geblieben als das Handtuch zu werfen. Der Kopf der Verteidigungskräfte Tigrays (TDF), General Tsadkan Gebretensae, rechnet damit, dass allein in den letzten zweieinhalb Kriegsmonaten mehr als 150.000 Soldaten fielen. Die Schlachtfelder seien immer noch voll von ihren Überresten.

Tsadkan ist keiner der in Afrika allzu oft auftretenden militärischen Hasardeure. Der knapp 70-Jährige sitzt im Trainingsanzug auf der Terrasse seiner Villa in einem schmucken Stadtteil von Mekelle, bietet äthiopischen Kaffee an und erklärt mit sanfter Stimme: Die TDF habe zu den Waffen gegriffen, um das Volk zu schützen. Denn welchen Sinn hätte es gemacht, die Bevölkerung zu opfern? Und die Gegner hätten keinen herkömmlichen, sondern einen „totalen Krieg“ auch gegen die Zivilbevölkerung geführt. Schätzungen gehen von sieben Millionen toten Tigray aus.

Äthiopien – Alle Hoffnung ruht auf Abiy

Tsadkan ist überzeugt davon, dass inzwischen auch Premierminister Abiy den Frieden braucht. Sonst werde das wirtschaftlich schwer angeschlagene Land nicht wieder auf die Beine kommen. „Wir sind zur Kooperation mit Abiy bereit“, sagt der General.

Vor anderthalb Jahren hatte TPLF-Sprecher Getachew Reda noch jede Verständigung mit dem kompromittierten Friedensnobelpreisträger ausgeschlossen. Heute setzt der einstige äthiopische Informationsminister alle Hoffnung auf Abiy – vor allem, um die Eritreer loszuwerden. Gelinge ihm das nicht, sei ein neuerlicher Krieg unvermeidlich. Selbst bei einem Abzug der Eritreer ist jedoch längst nicht geklärt, ob Tigray in der äthiopischen Bundesrepublik verbleibt. Die Verfassung räumt jeder Provinz ausdrücklich das Recht zur Abspaltung ein.

Äthiopien: Nur mit knapper Not den Krieg überlebt

Kinfe Hadush, Sprecher der oppositionellen „Partei der Dritten Revolution in Tigray“, glaubt zu wissen, wie ein Volksentscheid über die Unabhängigkeit ausgehen würde: „Mehr als 95 Prozent der Bevölkerung werden dafür stimmen.“ Vermutlich ist das nicht übertrieben: Nach den Erfahrungen der vergangenen zwei Jahre kann sich kaum wer in Tigray noch ein Zusammenleben mit „den Äthiopiern“ vorstellen. Noch schwieriger könnte es für die Bevölkerung allerdings nach einer Sezession werden: Denn die auf allen Seiten von Feinden umgebene Provinz müsste sich auf eine Blockade wie in den vergangenen zwei Jahren gefasst machen, nur eben ohne Ende.

Wie das aussehen könnte, hat die Bundesregierung bereits angedeutet: Nach dem Weihnachtsfest untersagte sie allen wehr- und arbeitsfähigen Tigray die „Einreise“ nach Addis Abeba. In Mekelle ist schon heute abzulesen, wie Tigray in zehn Jahren aussehen könnte: ein Land, das zwar mit knapper Not den Krieg überlebt hat, aber am Frieden scheitert. (Johannes Dieterich)

Bundesaußenministerin Annalena Baerbock besuchte Äthiopien erst kürzlich. „Wir trotzen dem Krieg, wir trotzen der Klimakrise. Wir greifen den Schwächsten unter die Arme“, sagte sie. Ihre französische Kollegin Catherine Colonna sprach von einem „schönen Zeichen der Solidarität“. Frankreich und Deutschland haben den Transport von Getreide aus der Ukraine nach Äthiopien organisiert und finanziert.

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