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Äthiopien: Einschusslöcher in den Häusern der Stadt Wukro zeugen von der Gewalt in der Region Mekele.
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Äthiopien: Einschusslöcher in den Häusern der Stadt Wukro zeugen von der Gewalt in der Region Mekele.

Äthiopien

Gewalt und Morde in Tigray: Schockierende Berichte über ausgerottete Dörfer in Äthiopien

  • Johannes Dieterich
    VonJohannes Dieterich
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Wieder kommt es in der äthiopischen Provinz Tigray zu gewaltsamen Attacken auf Zivilist:innen. Es gibt Indizien, dass die eigene Regierung das eritreische Militär beauftragt hat.

Äthiopien - Tigrays erste Christ:innen müssen Verfolgungen gewohnt gewesen sein: Das lässt sich auch daraus schließen, dass Bewohner:innen der äthiopischen Provinz Tigray im Norden des Landes ihre Kirchen vor 1500 Jahren in steile Felswände meißelten, die nur über halsbrecherische Pfade erreichbar waren.

Die Höhlenkirche von „Maryam Dengelat“ blieb sogar ganz abgeschnitten, seit vor rund 400 Jahren ein Felssturz ihren Eingang mit sich in die Tiefe riss. Erst vor zwei Jahren machten Alpinist:innen das spektakuläre Gotteshaus zumindest für schwindelfreie Priester wieder zugänglich. Das jährliche Marienfest findet am 30. November in der Kirche am Fuß der Felswand statt. Das jüngste Fest der Christ:innen endete in einem gewaltsamen Blutbad, wie Amnesty International und andere Menschenrechtsorganisationen berichten. Die Region Tigray ist schon länger besonders vom Bürgerkrieg betroffen.

CNN-Berichte aus Äthiopien: Soldaten morden wahllos bei christlichem Fest

Mehrere Hundert gläubige Christinnen und Christen hatten sich um die Mittagszeit zur religiösen Messe versammelt, als plötzlich Soldaten im Dorf auftauchten und zu schießen begannen, berichtet eine Augenzeugin dem Sender aus den USA, CNN, von Gewalt und Morden. Viele seien in Panik aus der Kirche geflohen, fährt die Zeugin aus dem äthiopischen Tigray fort: „Doch die Soldaten töteten jeden, der ihnen in die Quere kam.“

Anschließend seien die Landsknechte von Gehöft zu Gehöft gezogen, hätten die Bewohner:innen aus ihren Hütten gezwungen und erschossen. Neben Männern wurden auch Kinder, Frauen und Greise ermordet.

Orgie der Gewalt in Äthiopien: Eritreische Soldaten sollen mehrere Tage Dörfer ausgerottet haben

Die Angreifer seien aus Eritrea gewesen, heißt es übereinstimmend in den Zeugenberichten: Ihre Sprache und Uniformen hätten sie verraten. Sie stahlen Autos und andere Wertsachen, zündeten Felder an und töteten das Vieh. Die Orgie der Gewalt und des Mordens hielt offenbar mehr als zwei Tage lang an. Erst als die Eritreer am dritten Tag abzogen, wagten sich die Überlebenden aus ihren Verstecken und machten sich an die Bestattung der Toten.

Er allein habe über 70 Menschen aus dem Dorf identifiziert, sagt ein Zeuge dem CNN. Insgesamt sollen in Maryam Dengelat bis zu 150 Personen ermordet worden sein. Darunter auch 20 Kinder und Jugendliche des christlichen Kindergottesdienstes – alle nicht älter als 14 Jahre.

Äthiopiens Premierminister und Friedensnobelpreisträger soll Gewalt an zivilen Opfern verheimlicht haben

Erst jetzt kommen immer mehr Einzelheiten der Vorgänge in Tigray während des Krieges zum Vorschein: Bislang hatte die äthiopische Regierung die Provinz von der Außenwelt abgeschirmt.

Angehörige der Opfer trauern an einem Massengrab, in dem die Überreste von 81 Menschen aus Wukro in Tigray bestattet werden.

Schon Ende November hatte Premierminister Abiy Ahmed die „Strafexpedition“ gegen Tigrays politische Führung für „siegreich beendet“ erklärt: Es habe „keinerlei zivile Opfer“ gegeben, behauptete der Regierungschef. Immer neue Berichte haarsträubender Gräueltaten strafen den Friedensnobelpreisträger jetzt Lügen. Schon im November zeichnete sich ab, dass sich ausgerechnet unter Führung eines Friedensnobelpreisträgers ein Bürgerkrieg anbahnt.

Amnesty International: Gewalt und Mord an Zivilisten in Äthiopien sind Verstoß gegen Genfer Konventionen

In der „Heiligen Stadt“ Äthiopiens, Axum, in der die Bundeslade der Israeliten aufbewahrt sein soll, kam es sowohl zu Kriegsverbrechen wie zu schweren Menschenrechtsverletzungen, berichtet Amnesty International. Das Militär habe die lediglich von Zivilist:innen bevölkerte Stadt am 19. November unter Artilleriebeschuss genommen – ein Verstoß gegen die Genfer Konvention.

Nachdem teilweise nur mit Stöcken und Messern bewaffnete Mitglieder der Volksbefreiungsfront Tigrays (TPLF) am 28. November ein Lager eritreischer Soldaten in Axum angriffen, antworteten diese mit einem 24-stündigen Rachefeldzug, dem fast 800 Einwohner:innen der Stadt zum Opfer fielen.

Äthiopisches Region Tigray und Eritrea: Bittere Feindschaft seit Wüstenkrieg - es kommt oft zu Gewalt

Die Soldaten aus dem Nachbarstaat seien von Haus zu Haus gezogen und hätten alle erschossen, denen sie habhaft werden konnten, berichtete ein Augenzeuge den Amnesty-Rechercheuren: „Schließlich waren auf den Straßen nur noch Tote oder Weinende zu sehen.“

Den Zeug:innenberichten zufolge haben die Eritreer am schlimmsten gewütet. Sie sind mit Tigrays Bevölkerung zwar ethnisch und sprachlich eng verwandt, seit dem dreijährigen Wüstenkrieg um die Jahrtausendwende herrscht jedoch bittere Feindschaft. Die Eritreer fühlten sich von dem Brudervolk verraten: Ihr Zorn auf die äthiopische Minderheit verbindet sie mit den Angehörigen anderer äthiopischer Bevölkerungsgruppen, die sich von Tigrays Elite schon seit Jahrzehnten an den Rand gedrängt fühlten. Das schlägt immer häufiger in Gewalt um.

Regierungschef Abiy nahm für seine „Strafexpedition“ offensichtlich die militärische Hilfe der von einem Diktator regierten Nachbarn aus Eritrea in Anspruch – auch wenn das beide Seiten noch immer bestreiten. Die Indizien sind dermaßen eindeutig, dass auch Washington von der Präsenz eritreischer Truppen in Tigray ausgeht.

UN-Beobachter: Wegen gewaltsamer Übergriffe sind Millionen Äthiopier in Tigray auf Hilfe angewiesen

Über Gräueltaten wird nicht nur aus den heiligen Stätten Axum oder Maryam Dengelat und nicht nur aus der Kriegszeit vor drei Monaten berichtet. Die Kämpfe in der Provinz halten offenbar noch immer an, Millionen Menschen in Äthiopien - besonders der Region Tigray - seien auf Nahrungsmittelhilfe angewiesen, sagt die UN.

Die Nichtregierungsorganisation „DX Open Network“ will über Satellitenaufnahmen verfügen, auf denen die Zerstörung von mehr als 500 Hütten in dem 35 Kilometer südwestlich der Provinzhauptstadt Mekele gelegenen Dorf Gijet zu sehen ist. Fast Dreiviertel der über 100 Gesundheitsstationen Tigrays seien entweder geplündert oder zerstört, meldet die Hilfsorganisation „Ärzte ohne Grenzen“. Und die US-Regierung berichtet von Fällen „ethnischer Säuberungen“ im Westen der Provinz.

Menschenrechtsverletztungen in Äthiopien: Morde an Zivilbevölkerung und schwerste Gewalt gegen Frauen

Am schlimmsten hören sich jedoch die Berichte über Gewaltexzesse gegen Frauen an. Die unabhängige Organisation „Europe External Programme with Africa“ geht davon aus, dass in Tigray seit Kriegsbeginn mehr als 10 000 Frauen und Mädchen vergewaltigt wurden. „Wie soll man von der Ermordung eines Großvaters berichten, der sich weigerte, vor den Augen seiner Familie seine Enkelin zu vergewaltigen?“, heißt es im jüngsten Report der Organisation.

„Oder von der Frau, die von 23 eritreischen Soldaten zehn Tage lang eingesperrt und immer wieder vergewaltigt wurde?“ Schließlich sei sie irgendwo am Straßenrand abgeworfen worden. Zuvor hätten ihr die Soldaten noch weitere schwere Verletzungen im Intimbereich zugefügt. Die Liste der Menschenrechtsverstöße in Äthiopien wird seit Monaten immer länger. (Johannes Dieterich)

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