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Blutiges Ende der Waffenruhe: Schwere Kämpfe in Äthiopien

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Von: Johannes Dieterich

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Der aufgeflammte Bürgerkrieg in der äthiopischen Provinz Tigray macht die Hoffnungen auf Frieden zunichte.

Addis Abeba – Nach einem fünf Monate währenden Waffenstillstand ist der Krieg um die äthiopische Tigray-Provinz wieder voll entbrannt. Die verlässliche Webseite „Crisis in Ethiopia“ meldet schwere Kampfhandlungen an drei Fronten. Am heftigsten toben die Kämpfe in der Nähe des rund 70 Kilometer südlich der Provinzhauptstadt Mekele gelegenen Städtchens Kobo. Aber auch aus Adiabo in West-Tigray und von der Grenze zwischen Tigray und der östlich gelegenen Afar-Provinz werden Kampfhandlungen gemeldet.

Gegenüber stehen sich die Kämpfer der Tigray Volksbefreiungsfront TPLF und die von amharischen Milizionären unterstützten äthiopischen Regierungstruppen. In Adiabo sollen auch Soldaten aus dem Nachbarland Eritrea in die Kämpfe verwickelt sein. Zuverlässigen Informationen zufolge wurden die Regierungstruppen bei Kobo zum Rückzug gezwungen.

Äthiopien: Telefonnetz in Tigray seit Jahren abgeschaltet

Weil die äthiopische Regierung keine Presse in die Region reisen lässt und Tigrays Telefonnetz seit fast zwei Jahren abgeschaltet ist, sind Berichte von vor Ort nur schwer zu verifizieren. Nicht widersprochen sind jedoch Angaben, wonach sich bei Kobo Zigtausende von Kämpfern gegenüberstehen.

Ein Lastwagenkonvoi des Welternährungsprogramms fährt hier vorbei an dem Dorf Erebti in Äthiopien, auf dem Weg in die nordäthiopische Region Tigray.
Ein Lastwagenkonvoi des Welternährungsprogramms (WFP) fährt hier vorbei an dem Dorf Erebti in Äthiopien, auf dem Weg in die nordäthiopische Region Tigray. Die Region Afar, in der Erebti liegt, ist die einzige Durchgangsstation für humanitäre Konvois nach Tigray und befindet sich selbst in einer ernsten Nahrungsmittelkrise. Die ist Folge zum einen des Konflikts im Norden Äthiopiens, also in Tigray, und zum anderen der Dürre am Horn von Afrika. Viele Menschen sind deshalb zu Binnenflüchtlingen geworden. Nach Angaben des Welternährungsprogramms benötigen mehr als eine Million Menschen in der Region Nahrungsmittelhilfe. © Eduardo Soteras/afp

Beide Seiten hätten die vergangenen fünf Monate genutzt, um neue Soldaten zu rekrutieren und auszubilden, meldet die BBC. Äthiopiens Regierung räumt ein, dass sie ihre Truppen aus Kobo abgezogen habe, nachdem die Rebellen „Wellen von Menschen“ auf das Städtchen marschieren ließen.

Äthiopien: Unzählige Menschen hungern – Kindergarten beim Bombenangriff getroffen

Ausgelöst wurden die Kämpfe vom Abschuss eines Flugzeugs am 24. August an der Grenze zum Sudan. Die Maschine hatte nach Angaben der Regierung Waffen für die TPLF geladen – ein Vorwurf, den ein TPLF-Sprecher allerdings als „blanke Lüge“ zurückwies. Begleitet werden die Kämpfe von Bombenangriffen der äthiopischen Luftwaffe. Laut Unicef wurde vergangene Woche ein Kindergarten in Mekele getroffen, wobei „mehrere Kinder“ getötet worden seien.

Die aufgeflammten Kämpfe haben die Hoffnungen auf ein friedliches Ende des im November 2020 ausgebrochenen Bürgerkriegs vernichtet. In den vergangenen Monaten hatten beide Seiten ihre Bereitschaft für Friedensgespräche signalisiert. Die TPLF machte diese jedoch von einem Ende der Blockade der Provinz abhängig.

Neben der Telekommunikation und dem Stromnetz liegt auch die Treibstoff-Versorgung Tigrays weitgehend brach, das Bankenwesen funktioniert nicht mehr und die Lieferung von Lebensmitteln für die rund 5,5 Millionen Menschen kommt regelmäßig zum Erliegen.

Äthiopien: Rebellen aus Tigray lehnen den Vermittler ab

Das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen (WFP) erreicht nach eigenen Angaben inzwischen „Zehntausende von Menschen“. Allerdings seien 4,8 Millionen auf Nahrungsmittelhilfe angewiesen, heißt es weiter. Die Regierung lässt nur wenige humanitäre Helfende nach Tigray: Deshalb wisse das WFP nicht einmal, wie viele Menschen in der Provinz bereits verhungert seien, sagte eine Sprecherin der Organisation.

Den nigerianischen Ex-Präsidenten Olusegun Obasanjo, der von der Afrikanischen Union als Vermittler eingesetzt wurde, lehne die TPLF inzwischen als parteiisch ab, sagt der Äthiopien-Experte der Internationalen Krisengruppe, William Davison. „Die Aussichten auf einen baldigen Frieden sind minimal.“ (Johannes Dieterich)

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