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Abtreibung-Ärztin in Deutschland: „Zu uns kommen auch Bibeltreue“

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Von: Tatjana Coerschulte

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Abtreibungsgegner demonstrieren in Augsburg gegen das Recht auf Abtreibung
Auch hierzulande demonstrieren Menschen gegen das Recht auf Abtreibung. Wie diese Christen in Augsburg im Mai 2022. © Alexander Pohl/imago

Bedrohung, Bürokratie-Lücken und Beistand: Die niederländische Ärztin Gabie Raven spricht über den Arbeitsalltag in ihrer neuen Abtreibungsklinik in Deutschland.

Frau Raven, Sie haben vor einigen Wochen in Dortmund eine Praxis für Schwangerschaftsabbrüche eröffnet. Stehen dort immer noch Demonstrierende vor der Tür, wie Sie es auch in den Niederlanden erlebt haben?

Nein. Sie waren an zwei Tagen am Anfang da, und einmal waren es auch nur die aus Holland.

Es ist also ruhig?

Die Abtreibungsgegner:innen haben schon vor der Eröffnung versucht, unseren Mitmieter:innen Angst zu machen. In dem Gebäude sind noch ein großer Supermarkt, eine Apotheke, Arztpraxen, eine Physiotherapie – denen allen hatten die Abtreibungsgegner:innen Mails geschrieben, ob sie wüssten, welche Mörder ins Haus kämen und dass ihre Kunden:innen wegbleiben würden. Ich habe das erst erfahren, als ich für Nachbarn ein Paket angenommen habe und die mich dann mit großen Augen fragten: „Sind Sie Frau Raven?“ Sie haben mir die Mails gezeigt. Die hatten natürlich Sorge, ob es nun Unruhe gibt am Gebäude.

Wie sind Sie damit umgegangen?

Ich bin zur Polizei gegangen und habe Anzeige erstattet. Die Polizei ist Streife gefahren. Die Abtreibungsgegner:innen waren am ersten Wochenende da, aber sie haben eigentlich nur gebetet. Beim zweiten Mal waren auch Gegendemonstranten da. Das war schön für mich, denn so persönlich, wie ich in Deutschland im Internet bedroht werde, das kenne ich von Holland nicht.

Niederländische Ärztin über Abtreibungsgegner in Deutschland: „Ich werde als Nazi beschimpft“

Wie ist es dort?

Wir haben dort zwei Praxen, in Rotterdam und Roermond. In Rotterdam stehen die Demonstrant:innen jede Woche auf dem Gehweg. Das ist aber keine Hetze gegen mich persönlich. In Deutschland haben die Gegner:innen sogar versucht, den Vermieter einzuschüchtern. Sie haben Flyer verteilt mit Drohungen, dass es hier noch nicht so sei wie in den USA, wo geschossen würde, aber das könne sich ändern. Und im Internet steht jetzt alles: Fotos von mir, von meinem Haus, ich werde beschimpft als Nazi.

Macht Ihnen das Angst?

Nein. Mir tut es aber leid für unsere Mitarbeiter:innen. Ich kenne Drohungen seit Jahren, weil ich auch in einem Verband bin, der sich für Verhütung einsetzt – da kommen Drohungen aus den USA. Das ist aber alles nie so persönlich geworden wie hier.

Schwangerschaftsabbruch: Deutsche Frauen reisen trotz hoher Kosten ins Ausland

Warum haben Sie eine solche Praxis in Deutschland geöffnet?

In Holland werden 95 Prozent der Schwangerschaftsabbrüche in Praxen vorgenommen, die auf Abbrüche und Verhütung konzentriert sind. Ich habe seit 2016 eine Praxis in Roermond, danach habe ich noch eine in Rotterdam übernommen. Ich sehe in Roermond sehr viele deutsche Frauen, auch im ersten Drittel der Schwangerschaft, denen legal in Deutschland geholfen werden könnte. Sie müssen bei uns den Eingriff selbst zahlen. In Holland werden die Kosten für Ausländerinnen nicht übernommen

Wie viel kostet ein Schwangerschaftsabbruch?

Das hängt ab vom Stadium der Schwangerschaft und von der gewünschten Versorgung, in den Niederlanden zwischen 430 und 930 Euro. Ich berechne für alle Frauen den Satz, den ich vom Staat bekommen würde.

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Wie viele Ihrer Patientinnen kommen aus Deutschland?

In Roermond sind 15 Prozent der Patientinnen aus Deutschland, und ich mache dort ungefähr 1400 Behandlungen pro Jahr. Die Praxis in Rotterdam ist größer, aber dort sind vor allem Frauen aus den Niederlanden. In Roermond, das näher an der Grenze liegt, haben wir viele Nationalitäten: Belgien, Frankreich, Österreich, jetzt auch immer mehr Frauen aus Polen. Ich habe in Roermond sechs Betten, wir haben auch an Samstagen geöffnet, das ist ein sehr beliebter Tag, da kommt aus jedem Bett eine andere Sprache.

Wie meinen Sie das?

Zu uns kommen alle als Patientinnen, auch Bibeltreue, Frauen von „Pro Life“. Frauen auch, die sonst gegen uns demonstrieren.

Abtreibungen: Bürokratie in Deutschland als Hindernis für den geregelten Praxisbetrieb

Noch einmal: Wie sind Sie darauf gekommen, die Praxis in Dortmund zu öffnen?

Der Gedanke war, dass die deutschen Frauen die Kosten nicht selbst zahlen müssen und ihnen früher geholfen werden kann. Deswegen habe ich mit Kollegen gesprochen, ob wir das zusammen machen wollen. Allerdings hatte ich mir das einfacher vorgestellt. Die Bürokratie in Deutschland kennt keine Praxen, die nur Schwangerschaftsabbrüche vornehmen. Wir sind immer noch dabei, die Abrechnungsfragen zu klären und ob ich eine Ausnahmegenehmigung erhalte.

Warum haben Sie die noch nicht?

Für eine Ausnahmegenehmigung brauche ich eine Bestätigung der in der Region niedergelassenen Ärzte, dass es den Bedarf gibt. Die habe ich noch nicht. Alle sagen, sie sind froh, dass ich da bin, aber wenige helfen mir. Aber es gibt in Deutschland immer weniger Praxen und Kliniken, die Abtreibungen vornehmen. Ich sehe in der Praxis in Roermond viele deutsche Frauen, die in der 14., 17. oder 18. Woche sind, wo in Deutschland kein Abbruch mehr gemacht werden darf. Wenn ich sie frage, warum sie so spät kommen, dann höre ich: Ich habe zuerst alle deutschen Ärzte angerufen, als ich einen Termin bekommen habe, war es für einen medikamentösen Abbruch zu spät. Dann musste ein neuer Termin gemacht werden – und dann war es ganz zu spät.

Paragraph 218 regelt Schwangerschaftsabbrüche in Deutschland. (Archivbild)
Paragraph 218 regelt Schwangerschaftsabbrüche in Deutschland. (Archivbild) © Michael Schick

Ärztin über die Beweggründe ihrer Arbeit: „Frauen, die kein Kind wollen, die bekommen es nicht“

Wann kommen die niederländischen Frauen?

85 Prozent sind unter acht Wochen nach dem ersten Tag der letzten Periode. Sie kommen sehr früh, weil es hier gut geregelt ist. Wenn man sich entschieden hat, bekommen die meisten innerhalb einer Woche einen Termin – und nicht erst nach zehn Wochen.

Wie ist Ihre persönliche Haltung zu Abbrüchen?

Das ist eine schwierige Frage. Wenn ich sage, es ist ein chirurgischer Eingriff, dann wäre es so, als ob ich emotional unbeteiligt sei. Ich denke: Wenn es sein soll, dann sollten Frauen es früh machen. Ich weiß, dass es für die Frauen seelisch schwieriger werden kann, je später der Eingriff gemacht wird. Später ist auch das Komplikationsrisiko größer.

Wie sind Sie dazu gekommen, Abbrüche vorzunehmen?

Mit 26 Jahren habe ich in einem Missionskrankenhaus in Afrika gearbeitet. Da gab es keine Verhütungsmittel oder Schwangerschaftsabbrüche. Irgendwann habe ich gedacht: Was ist hier los? Warum sterben hier so viele Frauen? Ich wusste nicht, was sie hatten. Ich war ausgebildet an einer katholischen Universität, da hat man über Abtreibung nicht gesprochen. Irgendwann habe ich Frauen gefragt, und sie haben mir erklärt: Sie waren schwanger und sind zum Medizinmann gegangen. Der hat sie vaginal mit Kräutern behandelt. Vielleicht ist das auch mal gut gegangen, aber die, die ich gesehen habe, waren sehr krank oder sind gestorben. Eines ist doch klar: Frauen, die kein Kind wollen, die bekommen es nicht. Und ich finde, dass es nicht notwendig ist, dass die Frauen dann sterben. So hat das angefangen.

Zur Person

Gabie Raven (61) ist eine niederländische Ärztin. Seit 1992 nimmt sie Schwangerschaftsabbrüche in den Niederlanden, Deutschland und Belgien vor.

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