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Eine Niere wird verpflanzt: Der Skandal in Göttingen war ein schwerer Schlag für die Bemühungen, in Deutschland die Bereitschaft zu Organspende zu erhöhen.
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Eine Niere wird verpflanzt: Der Skandal in Göttingen war ein schwerer Schlag für die Bemühungen, in Deutschland die Bereitschaft zu Organspende zu erhöhen.

Organ-Transplantationen

Ärzteskandal vor Gericht

Im Prozess um manipulierte Organ-Transplantationen weist der angeklagte Arzt den Vorwurf zurück, er habe die Zahl der Transplantationen steigern wollen, um Bonuszahlungen zu erhalten. Der frühere Leiter der Transplantationschirurgie am Universitätsklinikum muss sich vor dem Landgericht verantworten.

Von Heidi Niemann

Im Prozess um manipulierte Organ-Transplantationen weist der angeklagte Arzt den Vorwurf zurück, er habe die Zahl der Transplantationen steigern wollen, um Bonuszahlungen zu erhalten. Der frühere Leiter der Transplantationschirurgie am Universitätsklinikum muss sich vor dem Landgericht verantworten.

Am 2. Juli 2011 meldete sich ein Anrufer bei der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO). Da das Büro nicht besetzt war, hinterließ er eine Nachricht auf dem Anrufbeantworter: „Die Göttinger Klinik ist in kriminelle Machenschaften verstrickt. Oder kauft man Organe direkt bei Ihnen?“ Dann legte der Anonymus auf. Zu diesem Zeitpunkt konnte er kaum ahnen, dass er gerade eine Lawine los getreten hatte, die das Vertrauen der Bürger in das deutsche Gesundheitswesen schwer erschüttern sollte.

Zunächst ging es nur um Merkwürdigkeiten bei der Lebertransplantation eines russischen Patienten, am Ende wurde daraus ein bundesweiter Medizinskandal. Gut zwei Jahre nach dem folgenreichen Anruf hat heute der erste Prozess gegen einen Mediziner begonnen. Vom Montag an muss sich der frühere Leiter der Transplantationschirurgie am Göttinger Universitätsklinikum vor dem Landgericht Göttingen verantworten.

Der Angeklagte äußerte sich am ersten Prozesstag erstmals zu seinen Motiven. Er wies im Landgericht Göttingen Spekulationen zurück, er habe die Zahl der Transplantationen steigern wollen, um Bonuszahlungen zu erhalten. Einen entsprechenden Vertrag habe ihm die Göttinger Klinikleitung aufgedrängt, als er 2008 dorthin kam. Danach erhielt der Mediziner ab einer gewissen Anzahl von Organverpflanzungen einen Bonus von 1500 Euro pro Patient. Bei seinem Handeln sei es ihm immer nur um das Wohl seiner Patienten gegangen, betonte der Mediziner. Finanzielle Anreize für Transplantationsmediziner halte er für ethisch und moralisch schwer vertretbar.

Unzulässige Tricksereien

Es dürfte ein Mammutprozess werden: Das Gericht hat zunächst 42 Verhandlungstage bis Anfang Mai 2014 angesetzt. Ob diese ausreichen werden, ist offen. Bislang hat die Justiz trotz der Komplexität dieses Verfahrens und der zu bewältigenden Aktenmengen ein bemerkenswertes Tempo hingelegt und die Ermittlungen mit Hochdruck geführt. 30 Journalisten sind zum Prozessbeginn angemeldet. Das Gericht hat für den Prozess sechs Sachverständige geladen, außerdem will es zahlreiche sachverständige Zeugen vernehmen.

Dem Göttinger Verfahren kommt eine Vorreiterfunktion zu, denn inzwischen gibt es ähnliche Ermittlungsverfahren auch in München, Leipzig und Regensburg. Auch dort stehen Mediziner im Verdacht, gegen Richtlinien verstoßen und durch unzulässige Tricksereien die Transplantationszahlen an ihren Kliniken nach oben getrieben zu haben. Die dortigen Staatsanwaltschaften werden mit großem Interesse verfolgen, welchen Verlauf der Prozess in Göttingen nehmen wird und wie das Gericht am Ende den Fall juristisch bewertet.

Die Anklage hat die Staatsanwaltschaft Braunschweig verfasst. Diese hatte den Fall übernommen, weil sie als zentrale Ermittlungsstelle für Korruptionsverfahren fungiert und zunächst der Verdacht bestand, dass der Göttinger Arzt von einem russischen Patienten Bestechungsgeld für eine neue Leber kassiert hatte. Dieser Verdacht bestätigt sich zwar nicht. Doch beim Durchforsten der Akten der Göttinger Transplantationsmedizin stieß die 13-köpfige Sonderkommission „Leber“ auf zahlreiche weitere Verdachtsfälle. Anfang des Jahres hatte die Staatsanwaltschaft dann Hinweise darauf, dass sich der Chirurg, der palästinensischer Abstammung ist, ins Ausland absetzen wollte. Daraufhin ließ sie ihn in Untersuchungshaft nehmen, er sitzt seitdem in der Justizvollzugsanstalt Rosdorf ein.

Transplantationen waren nicht erforderlich

Die Anklage gegen ihn ist 156 Seiten lang. Die Staatsanwaltschaft Göttingen wirft dem 46-Jährigen versuchten Totschlag in elf Fällen und vorsätzliche Körperverletzung mit Todesfolge in drei Fällen vor. Bei einer Verurteilung drohen ihm mindestens drei Jahre Haft sowie ein Berufsverbot.

Der Chirurg soll während seiner Tätigkeit am Göttinger Uni-Klinikum von 2008 bis 2011 durch die Meldung falscher Laborwerte an die Stiftung Eurotransplant Patienten als kränker dargestellt haben, als sie tatsächlich waren, damit sie schneller eine Spenderleber zugeteilt bekamen. Dadurch seien andere lebensbedrohlich erkrankte Patienten verstorben, die ein Organ dringender benötigt hätten. Außerdem soll er drei Patienten eine Leber eingepflanzt haben, obwohl die Transplantation nicht erforderlich gewesen sei. Diese seien in Folge der Transplantation gestorben. Die Witwe eines verstorbenen Patienten nimmt als Nebenklägerin an dem Prozess teil.

Die Göttinger Universitätsmedizin hatte den Arzt nach Bekanntwerden der ersten Vorwürfe sofort vom Dienst freigestellt und beurlaubt, Ende Dezember 2011 wurde das Arbeitsverhältnis komplett aufgehoben. Im Juli 2012 suspendierte sie außerdem den Leiter der Gastroenterologie und Endokrinologie, weil in seiner Abteilung Laborwerte von Transplantationspatienten manipuliert worden sein sollen.

Gleichzeitig leistete die Klinik aktive Aufklärungsarbeit. Unter anderem beauftragte sie drei externe Gutachter, die klären sollen, wie es zu den Manipulationen kommen konnte, um mögliche strukturelle Schwachstellen ausfindig zu machen. Außerdem wurden die Leitung der Transplantationschirurgie neu besetzt und organisatorische Vorkehrungen getroffen, die Manipulationen verhindern sollen. Unter anderem wurde das Vier-Augen-Prinzip eingeführt. Dies bedeutet, dass ein zweiter Arzt, der nicht in der Transplantationsmedizin tätig ist, die medizinischen Daten jedes potentiellen Organempfängers auf ihre Plausibilität überprüfen muss. Erst wenn dieser die entsprechenden Dokumente gegengezeichnet hat, wird der Patient der Stiftung Eurotransplant gemeldet.

Bereitschaft zur Organspende zurückgegangen

Einen finanziellen Anreiz, die Transplantationszahlen durch Tricks in die Höhe zu treiben, gibt es auch nicht mehr. Der angeklagte Chirurg hatte bei seinem Wechsel an das Göttinger Klinikum noch einen Arbeitsvertrag abgeschlossen, der Bonuszahlungen von jeweils 1500 Euro für die 21. bis 60. Transplantation vorsah. Unter seiner Regie stieg die Zahl der Transplantationen in Göttingen dann auch deutlich an, bis auf 58 Transplantationen im Jahr 2010.

Inzwischen sind die Transplantationszahlen deutlich niedriger, in diesem Jahr wurden am Göttinger Klinikum bislang elf Lebern und vier Herzen transplantiert. Hier zeigt sich eine der gravierendsten Folgen des Medizinskandals: Die Bereitschaft der Bürger zur Organspende ist deutlich zurückgegangen, so dass weniger Patienten durch ein Ersatzorgan gerettet werden können.

Vor seinem Wechsel nach Göttingen war der Transplantationschirurg von 2003 bis 2008 als Oberarzt an der Uni-Klinik Regensburg tätig gewesen. Bereits dort soll er die Daten von Patienten manipuliert haben, um ihnen bevorzugt zu einer Spenderleber zu verhelfen. Bislang ist die Staatsanwaltschaft auf 43 Verdachtsfälle gestoßen. Ansonsten hat der Fall in Regensburg jedoch keine größeren Konsequenzen nach sich gezogen.

Zwar wurde der Direktor der Chirurgie, der Chef und Mentor des Oberarztes gewesen war, 2012 zeitweilig beurlaubt. Inzwischen ist er jedoch wieder im Amt. Beide Mediziner haben gemeinsam zahlreiche wissenschaftliche Publikationen veröffentlicht und ein Transplantationsprogramm an einer Klinik in Jordanien aufgebaut, das die Bundesärztekammer als ethisch fragwürdig kritisiert hat.

Doktortitel aberkannt

Der Regensburger Chirurgiechef war zudem der Doktorvater sowohl des Göttinger Chirurgen als auch von dessen Ehefrau. Die Dissertation der Zahnmedizinerin befasste sich, wie zuvor auch die Doktorarbeit ihres Mannes, mit Behandlungsstrategien beim Leberkrebs. Weil beide Arbeiten frappierende Ähnlichkeiten aufweisen, hat die Medizinische Fakultät der Uni Regensburg der Ehefrau kürzlich den Doktortitel aberkannt.

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