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Weil ein Bauteil des Regierungsflugzeugs "Konrad Adenauer" ausgefallen war, musste Kanzlerin Merkel auf dem Flughafen Köln-Bonn zwischenlanden.

Flugzeugpanne

Ärger mit Adenauer

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  • Lisa-Marie Leuteritz
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Kein Funkkontakt und eine Risikolandung ? der Chaosflug von Kanzlerin Merkel, was dahintersteckte und was nicht.

Nach dem schweren Defekt an ihrer Regierungsmaschine „Konrad Adenauer“ ist Kanzlerin Angela Merkel am Freitag mit Verspätung zum G20-Gipfel nach Argentinien geflogen. Wie ein Regierungssprecher mitteilte, startete Merkel am frühen Morgen zunächst mit einer anderen Maschine der Flugbereitschaft der Luftwaffe von Köln/Bonn nach Madrid.

Von dort flog sie gegen neun Uhr an Bord einer Linienmaschine der Fluggesellschaft Iberia nach Buenos Aires, wo sie am Abend (Ortszeit) zumindest noch am Dinner mit den anderen Staats- und Regierungschefs der G20-Staaten teilnehmen wollte. Sie wurde nur von einer kleinen Delegation begleitet, darunter Vizekanzler Olaf Scholz, Regierungssprecher Steffen Seibert und der außenpolitische Berater Jan Hecker. Zurück blieben unter anderem Merkels Ehemann Joachim Sauer und zahlreiche Journalisten. Sie mussten die Heimreise antreten, da für sie der Anschlussflug in Madrid nicht mit einem Linienflug erreichbar war. 

Die Notlandung von Merkels Regierungsflugzeug am Donnerstagabend hatte für zahlreiche Spekulationen gesorgt. Obwohl die Ursache schnell als technische Panne deklariert wurde, bleiben einige Fragen offen.

Was bekannt ist

Eine Stunde nach dem Start der Maschine vom Typ Airbus A340-300 in Berlin wird Bundeskanzlerin Angela Merkel während eines Gesprächs mit Journalisten zum Kapitän gebeten. Er erklärt der Kanzlerin, dass er wegen eines technischen Problems nicht weiter fliegen kann. Die Maschine dreht über den Niederlanden um und nimmt Kurs auf den Flughafen Köln/Bonn.
Über die Bordanlage erklärt der Kapitän, einige elektrische Systeme an Bord seien ausgefallen. Später wird bekannt, dass es sich um die Funkanlage handelt, mit der die Besatzung Kontakt mit dem Personal am Boden hält. Merkel spricht gegenüber Journalisten von einer „ernsthaften Störung“.

Auf dem Flughafen wird die Maschine von einem Löschzug der Flughafenfeuerwehr mit Blaulicht empfangen. Das gehört zum Standardprotokoll in derartigen Situationen. Denn das Flugzeug war für den 15-Stunden-Flug nach Argentinien vollgetankt. 

Dramatische Details

Das Standardverfahren ist laut Luftwaffe entweder “(A) Weiterflug zum Zielflughafen oder (B) Rückkehr zum Startflughafen“. Doch der Pilot entschied diesmal anders, offenbar weil der Ausfall nicht nur den Funkverkehr betraf: Denn an der betroffenen Verteilerbox im Airbus hängt nicht nur das Kommunikationssystem, sondern auch der Notfallmechanismus zum Ablassen von Sprit.

Das kann notwendig sein, um das Gewicht der Maschine vor einer ungeplanten, vorzeitigen Landung zu reduzieren. Beim Regierungs-Airbus verhinderte der Ausfall aber ein Ablassen. Der Airbus war somit bei der Landung fast noch vollgetankt. „Es ist eine extreme Belastung für das Bremssystem. Dies war der Grund dafür, dass die Passagiere zunächst noch an Bord bleiben mussten. Es ging darum auszuschließen, dass es zu einer Gefährdung durch Brandentwicklung kommt“, so ein Luftwaffen-Sprecher.

Spekulationen und Dementi

In Presseberichten hieß es unter Berufung auf „Sicherheitskreise“, der Kapitän habe Merkel gegenüber von einem beispiellosen Ausfall des Kommunikationssystems gesprochen. So etwas sei bisher nicht für möglich gehalten worden. Nun werde der Ausfall „kriminalistisch aufgearbeitet“ und es werde „in alle Richtungen“ ermittelt. 

Die Berichterstattung erweckt den Eindruck, es werde auch Sabotage für möglich gehalten. Doch die Luftwaffe dementierte die Berichte sehr hart: „Es gibt nicht den kleinsten Anhaltspunkt für einen kriminellen Hintergrund“, sagte ein Sprecher des Bundeswehr-Kommandos Luftwaffe auf Anfrage. Die Luftwaffe spricht von einem Ausfall einer „elektronischen Verteilerbox“. Das System für den Satellitenfunk habe jedoch weiterhin funktioniert, so der Sprecher weiter.

Ursachenforschung

Am Freitag machten sich Experten der Luftwaffe an die Suche nach dem Grund für den Ausfall eines so wichtigen Bauteils. Sie nahmen auch Kontakt zum Hersteller Airbus und anderen zivilen Fluggesellschaften auf, um herausfinden, ob es diesen Fehler schon einmal irgendwo gegeben habe. Bei der Bundeswehr selbst war er den Angaben zufolge noch nie aufgetreten. Sollte die Funkanlage ausfallen und der Pilot den Defekt über einen längeren Zeitraum nicht bemerken, ist laut Luftwaffe der Einsatz von Eurofightern vorgesehen. Die Kampfjets würden das Flugzeug ohne Funkkontakt aufspüren und es zu einem Flugplatz begleiten.

Improvisierte Landung

Den Piloten gelang die Organisation der Landung in Köln-Bonn nur dank eines Satellitentelefons, das sich an Bord befand. Eine Ersatzmaschine, in die die Kanzlerin hätte umsteigen können, gab es in Köln-Bonn nicht, nur in Berlin - die „Theodor Heuss“, ebenfalls ein A340. Allerdings, so ein Luftwaffensprecher: „Es gab keine zweite Crew“. Der Grund: Alle Crews befanden sich in der gesetzlich vorgeschriebenen Ruhezeit von zehn Stunden. Und die Mannschaft an Bord der „Konrad Adenauer“ hätte, da sie ja schon einmal gestartet war, die maximal zulässige Flugdienstzeit von 18 Stunden überschritten. Zu langen Direktflügen über den Atlantik ohne Zwischenlandungen sind lediglich die „Konrad Adenauer“ sowie die „Theodor Heuss“ in der Lage. Die Maschinen können 13.500 Kilometer nonstop fliegen. 

Nicht die erste Panne

Das aktuelle Malheur der Kanzlerin war nicht die erste Panne der Flugbereitschaft der Bundeswehr, die Politiker, Journalisten und auch Soldaten in alle Winkel der Welt bringen soll. Der damalige Sportminister Thomas de Maizière wollte im Sommer 2014 nach Frankreich fliegen, um die deutsche Nationalelf im Viertelfinale gegen Italien zu unterstützen. Doch wegen eines Vogelschlags musste der Regierungsflieger zu Hause bleiben. Das deutsche Team gewann dennoch. 

Joschka Fischer flog als Außenminister, als 2005 kurz nach dem Start seiner Maschine Rauch ins Cockpit stieg. Die Piloten mussten „Mayday“ melden, die Sauerstoffmasken fielen aus der Kabinendecke – und Fischer schimpfte nach der frühen Landung in Berlin: „Muss ich erst im Weltsaal des Auswärtigen Amts aufgebahrt werden, ehe die Flugbereitschaft neue Maschinen bekommt?“

Frank-Walter Steinmeier war in seiner Zeit als Außenminister besonders oft auf die Flugbereitschaft angewiesen – und wurde besonders oft enttäuscht: 2016 musste er acht Stunden in China ausharren, bis ein Defekt an der Maschine repariert wurde. Wie nun Merkel verpasste er den Beginn eines wichtigen internationalen Gipfels. Im gleichen Jahr verbrachte Steinmeier die Wartezeit bis zum Weiterflug in Litauen in einem Biergarten. 2014 wurde es für Steinmeier dramatisch, als sein Flugzeug im Anflug auf Berlin wegen einer starken Böe durchstarten musste. Im zweiten Anlauf gelang die Landung und die Passagiere klatschten Beifall. 

Keinen Beifall bekam Michael Steiner 2001 nach einem Zwischenstopp in Moskau. Der dauerte dem Sicherheitsberater des damaligen Kanzlers Gerhard Schröder zu lange. Er soll deshalb Soldaten als Arschlöcher beschimpft haben. Den Piloten soll er aufgefordert haben, wenigstens Kaviar zu organisieren. Auch wenn Steiner das als Scherze rechtfertigte, kostete ihm die Affäre bald darauf den Job. (pach/dpa/FR)
 

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