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Ängste schüren mit Hintersinn

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Von: Thomas Roser

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Serbien könnte im Streit mit Kosovo zum Kompromiss bereit sein

Mit düsteren Prophezeiungen hielt sich Serbiens ranghöchster Populist bei seinem vorab zur wichtigsten Rede seines Lebens deklarierten Pressekonferenz-Monolog nicht zurück. Die Machthaber in Pristina wollten die Serben als ihre „letzte Gräte im Hals“ aus Kosovo vertreiben, verkündete Aleksandar Vucic, Staatschef und Vorsitzender der Regierungspartei SNS, am Wochenende: „Wenn die Nato das nicht tun sollte, werden wir unser Volk schützen. Es wird keine Vertreibungen und Flüchtlingskolonnen geben.“

Nach dem ergebnislosen, von der EU moderierten „Dialog“ zwischen Vucic und Kosovo-Premier Albin Kurti in Brüssel, liegen die Nerven der Nachbarn im „Autoschilderstreit“ blank: Belgrad schürt wegen der von Pristina zum 1. September geplanten Einführung der Autokennzeichen und Ausweise des Kosovo im überwiegend serbisch besiedelten Norden des Landes die Kriegsangst.

Schon vor seiner Reise nach Brüssel hatte Vucic gewarnt, dass Pristina die „Liquidierung“ von missliebigen Serben in Nordkosovo plane. „Wir müssen uns nicht in die Tasche lügen: Die Gefahr eines bewaffneten Konflikts oder gar Kriegs ist unbestritten“, verkündete am Wochenende gar Vladimir Djukanovic, Vorstandsmitglied der nationalpopulistischen SNS.

Im regierungsnahen Privatsender „Pink“ versicherte der Kosovo-Kriegsveteran und in der SNS engagierte Ex-General Goran Radosavljevic Guri, dass die Armee für einen etwaigen Waffengang gerüstet sei: „Wenn es morgen zu einem Krieg kommen würde, wären wir bereit.“

Die Beziehungen zwischen Serbien und dem seit 2008 unabhängigen, aber von Belgrad nicht anerkannten Kosovo sind schlecht. Der von der EU seit 2011 moderierte Dialog der Nachbarn ist ins Stocken geraten. Seit dem erneut erfolglosen Stelldichein der beiden in Brüssel in der letzten Woche hat die von der Nato geführte Schutztruppe der KFOR ihre Patrouillen in Nordkosovo intensiviert. Die Sonderbeauftragten der EU und der USA haben ihre Pendeldiplomatie zwischen Belgrad und Pristina verstärkt.

Doch obwohl auch kosovarische Analyst:innen die Gefahr gewalttätiger „Zwischenfälle“ in Nordkosovo nicht ausschließen, scheint ein neuer Waffengang beim Staatenneuling unwahrscheinlich. Serbien dürfte es kaum wagen, sich mit der Nato anzulegen, und könne bei einem bewaffneten Konflikt mit Kosovo kaum auf Schützenhilfe Russlands bauen, so der Tenor.

Serbische Regierungskritiker:innen und Analyst:innen wittern in dem Schüren der Kriegsängste ein taktisches Manöver: Mit den Schreckensszenarien wolle Belgrad seine Landsleute auf Zugeständnisse an Pristina vorbereiten und sich hinter dem allgewaltigen Landesvater Vucic scharen lassen. „Alles, was in den nächsten Tagen geschieht und weniger als ein Pogrom an den Serben ist, wird Belgrad als diplomatischen Erfolg darstellen“, kommentiert in der Zeitung „Danas“ die Publizistin Sofija Popovic.

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