+
15. November 2015, Paris: Menschen retten sich aus dem Bataclan-Theater. „Die Anschläge sind nicht mehr weit weg“, begründet Manfred Schmidt, Politik-Professor an Universität Heidelberg, die starke Zunahme der Angst in Deutschland.

Langzeit-Studie

Ängste der Deutschen nehmen stark zu

Viele Deutsche fürchten sich vor Anschlägen, politischem Extremismus und Zuwanderung - das sind die Ergebnisse einer aktuellen Langzeitstudie.

Von Felix Firme

Die Deutschen haben so viel Angst wie schon lange nicht mehr. Besonders vor Terroranschlägen, politischen Extremismus und Zuwanderung fürchten sich die Bundesbürger mehr als in den Jahren zuvor. Das ist das Ergebnis einer repräsentativen Umfrage der R+V-Versicherung, die am Dienstag in Berlin vorgestellt wurde. Demnach rückte die Angst vor Terrorismus nach 25 Jahren das erste Mal auf Platz eins der Langzeit-Studie. Nach den Anschlägen von Paris und Brüssel gaben 73 Prozent der 2400 Befragten an, sich vor Anschlägen zu fürchten. Das ist ein Plus von 21 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Nur zwei Mal habe es überhaupt so eine große Furcht vor etwas gegeben.

„Die Anschläge sind nicht mehr weit weg“, begründet Manfred Schmidt, Politik-Professor an Universität Heidelberg die starke Zunahme. Brüssel und Paris lägen quasi vor der eigenen Haustür. Zudem gebe es eine intensive Berichterstattung und deutliche Warnungen der Behörden vor weiteren Attacken. Dicht hinter der Terrorangst liegt die Furcht vor politischem Extremismus mit 68 Prozent. Allerdings wurde in der Studie nicht erhoben, ob die Befragten damit rechte, linke oder islamistische Strömungen meinen.

Auch die Zuwanderung bereitet der Bevölkerung zunehmend Sorgen. Knapp 67 Prozent fürchten sich vor Spannungen durch die Flüchtlingspolitik der Bundesregierung. Eine Überforderung der Bevölkerung und der Behörden fürchten 66 Prozent. Angst vor einer Überforderung der Politiker haben mit 65 Prozent fast genauso viele. In diesem Zusammenhang stehen auch die schlechten Noten, die die Befragten den deutschen Politikern gaben. Rund 44 Prozent vergaben die Zensuren 5 oder 6. „Das Ergebnis ist vernichtend“, so die Leiterin des R+V-Infocenters, Brigitte Römstedt. Laut Schmidt glauben viele Deutsche, die Regierung habe die Kontrolle verloren und sei nicht mehr Herr über die eigenen als auch die EU-Außengrenzen.

Trotz der neuen Sorgen haben die Bürger die Euro-Schuldenkrise anscheinend nicht vergessen. Gut 65 Prozent sind deshalb beängstigt. Knapp die Hälfte der Befragten sieht dadurch den Euro gefährdet. Weitere wirtschaftliche Ängste sind die Furcht vor steigenden Lebenserhaltungskosten (54 Prozent), die schlechte Wirtschaftslage (52 Prozent), sinkender Lebensstandard im Alter (46 Prozent) und die hohe Arbeitslosigkeit (43 Prozent).

Erst dahinter folgen persönliche Ängste. Während immerhin 57 Prozent noch fürchten, ein Pflegefall im Alter zu werden und 55 Prozent sich vor schweren Erkrankungen sorgen, befürchten nur 38 Prozent die eigene Arbeitslosigkeit. Immerhin noch 36 Prozent machen sich um eine mögliche Drogensucht der Kinder und 33 Prozent vor einer Vereinsamung im Alter sorgen.

Umweltängste spielen in diesem Jahre so gut wie gar keine Rolle. Nur Naturkatastrophen wie Überschwemmungen oder Orkane schlagen bei 52 Prozent auf die Stimmung.

„2016 ist das Jahr der Ängste“, bilanziert Römstedt die Untersuchung. Nie zuvor haben die verschiedensten Befürchtungen innerhalb eines Jahres so stark zugenommen. Nach dem Angstbarometer, der alle Sorgen zusammenfasst, stieg die Furcht um zehn Prozent im Vergleich zum Vorjahr auf 49 Prozent. „Das hatten wir bisher nie in einer Studie“, so Römstedt. Nur 2010 wegen der Finanzkrise und 2003 sowie 2005 wegen des Irakkrieges und der Arbeitsmarktreform habe es mit 50 und 51 Prozent mehr Furcht gegeben.

Erstmals seit der Einführung der Langezeitstudie 1992 sind die Menschen im Westen (49 Prozent) durchschnittlich mehr verängstigt als die Bürger im Osten (48 Prozent). In den Jahren zuvor sah das Bild deutlich anders aus, zum Teil mit Unterschieden von mehr als zehn Prozent. Das sieht man vor allem im Langzeit-Angstindex von 2012 bis 2016. Demnach sind vor allem die Menschen in Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg und Sachsen-Anhalt häufiger besorgt. Das am meisten verängstigte Bundesland in Westdeutschland ist Hessen. Dort wurden in diesem Jahr auch die größten Zuwächse gemessen, so dass das Land nun sogar an Spitze des Angstbarometers steht. Am wenigsten besorgt sind dagegen die Berliner.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion