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Eine Curevac-Probe wird entnommen.
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Eine Curevac-Probe wird entnommen.

Impfstoff-Experte im Interview

„Ältere spüren meist weniger Impfreaktionen“

  • Pamela Dörhöfer
    vonPamela Dörhöfer
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Peter Kremsner, Leiter der klinischen Studien für das Curevac-Vakzin, spricht im FR-Interview über Nebenwirkungen der mRNA-Präparate und die Grenzen der Immunität.

  • Peter Kremsner leitet die klinischen Studien für das mRNA-Vakzin des Tübinger Unternehmens Curevac.
  • Ältere Menschen spüren laut Kremsner meist weniger oder kaum unangenehme Impfreaktionen als jüngere.
  • Die Covid-Schluckimpfung nennt er ein „sehr spannendes Projekt“.

Peter Kremsner, Direktor des Instituts für Tropenmedizin an der Eberhard-Karls-Universität Tübingen, ist in die Entwicklung gleich mehrerer Covid-19-Impfstoffe eingebunden. So leitet er die klinischen Studien für das mRNA-Vakzin des Tübinger Unternehmens Curevac und arbeitet mit seinem Team selbst an einer kombinierten Schluckimpfung gegen Covid-19 und Typhus.

Herr Kremsner, der Impfstoff von Curevac befindet sich in der letzten klinischen Studienphase, die EU hat 405 Millionen Dosen bereits geordert. Lässt sich absehen, wann Curevac die Zulassung für seinen mRNA-Impfstoff in der EU beantragen wird?

Wenn es sehr gut läuft, wird das rollende Zulassungsverfahren im März oder April in Gang gesetzt. Die Phase-3-Studie hat am 11. Dezember begonnen, wir rekrutieren derzeit noch Teilnehmer. 36 500 Menschen wollen wir in diese letzte Studienphase aufnehmen. Auch die Zulassungsstudien von Biontech/Pfizer und Moderna laufen übrigens noch nach der erteilten bedingten Zulassung durch die EU weiter.

Können Sie schon einschätzen, wie hoch die Wirksamkeit des Impfstoffs sein wird?

Der Impfstoff ruft eine ausgezeichnete Immunantwort hervor, das wissen wir bereits. Über die Wirksamkeit kann man zum jetzigen Zeitpunkt eigentlich noch nichts sagen. Ich behaupte aber, sie wird ähnlich hoch sein wie bei Biontech/Pfizer und Moderna. Der Curevac-Impfstoff basiert auf dem gleichen mRNA-Prinzip, alle drei Impfstoffe sind sehr vergleichbar und unterscheiden sich nur in Details.

Welche feinen Unterschiede gibt es?

Letztlich enthalten alle drei Impfstoffe das Gleiche: die Gensequenz und damit die Bauanleitung für das Stachel-Protein von Sars-CoV-2. Bei Curevac sind es zwölf Mikrogramm pro Dosis, bei Biontech 30 und bei Moderna 100. Die Lipide und ein Teil der Zusatzstoffe sind ein bisschen unterschiedlich. Aber das ist minimal.

Wie lange der Impfschutz anhält, ist unbekannt

Benötigt der Impfstoff von Curevac ähnlich extrem kalte Temperaturen wie der Biontech/Pfizer?

Bis heute müssen wir den Curevac-Impfstoff bei minus 80 Grad lagern. Er kann nur am Tag der Impfung aufgetaut werden und wird dann im Kühlschrank gelagert. Was abends übrig ist, muss man wegwerfen. Am nächsten Morgen werden die nächsten Dosen aufgetaut.

In der vergangenen Woche gab Curevac bekannt, mit Bayer zusammenarbeiten zu wollen. Soll der Pharmakonzern bei der Produktion des Impfstoffs helfen?

Zuerst einmal möchte ich sagen, dass ich keine Aktien und auch keine Beteiligung an Curevac habe. Man muss wissen, dass Curevac bis vor einem Jahr noch ein kleines Unternehmen auf der Schwäbischen Alb war. Es ist das erste Mal, dass man dort so ein riesiges Entwicklungsprogramm stemmt. Deshalb finde ich es sehr gut, dass Bayer jetzt dabei ist. Bayer wird überall helfen können, zum Beispiel bei der Produktion der Vakzine, dem Erstellen des Zulassungsdossiers und den weiteren klinischen Studien.

Aus der Wissenschaft sind im Fernsehen viele begeisterte Stimmen zu den neuen mRNA-Impfstoffen zu hören. Einige Äußerungen von Ihnen klingen ernüchternder. So sagten Sie in der Talkshow von Markus Lanz, es sei möglich, dass der Impfschutz nur einige Monate anhalte.

Wir wissen es einfach noch nicht. Das ist die Wahrheit. Vielleicht muss man die Impfung nach einem halben Jahr auffrischen, vielleicht nach einem Jahr, vielleicht nach fünf Jahren. Vielleicht hält sie auch ein Leben lang – was ich aber nicht zu glauben wage.

Die zugelassenen mRNA-Impfstoffe sind nicht sehr gut verträglich, jedenfalls nicht für alle

Aus einem Gespräch mit dem Science Media Center gibt es das Zitat von Ihnen: „Individuell würde ich mir als 20-Jähriger die Impfung nicht geben lassen, aber wohl als 80-Jähriger. Da hat man nur Nutzen, kaum Nebenwirkungen.“ Wichtig sei, dass man jetzt zügig die über 65-Jährigen impfe und dann die in der Bevölkerung, die es wollten. Das hört sich etwas anders an als das, was gemeinhin kommuniziert wird.

Man muss doch ehrlich sein. Die zugelassenen mRNA-Impfstoffe sind ordentlich verträglich, aber nicht sehr, sehr gut verträglich, jedenfalls nicht für alle. Ältere Menschen spüren meist weniger oder kaum unangenehme Impfreaktionen als jüngere. Grundsätzlich ist es natürlich besser, wenn sich alle impfen lassen. Aber die über 65-Jährigen sind die eigentliche Zielgruppe. Wenn man diese Menschen alle impft, hat man keine Engpässe mehr in den Krankenhäusern. Bei jungen Menschen fallen die Impfreaktionen um einiges happiger aus. Die meisten sind nach der Impfung mit einem mRNA-Impfstoff ein bis zwei Tage krank. Das würde bei einer natürlichen Infektion mit Sars-CoV-2 in der Regel nicht so sein. Denn 20-Jährige erkranken kaum an Covid-19 und bei vielen verläuft die Infektion völlig asymptomatisch. Vereinfacht gesagt sind sie durch die Impfung mehr krank als durch die Infektion selbst. Für jüngere Menschen könnten Protein-Impfstoffe verträglicher sein als mRNA-Impfstoffe.

Das wäre dann ein Vakzin, wie Sanofi daran arbeitet – mit einem ähnlichen Prinzip wie beim Grippe-Impfstoff, oder?

Einen solchen Impfstoff meine ich. Eine in China entwickelte Proteinvakzine hat sich zum Beispiel als sehr gut verträglich in allen Altersklassen erwiesen.

Die Covid-Schluckimpfung ist ein spannendes Projekt

Warum rufen die mRNA-Impfstoffe denn bei jüngeren Menschen unangenehmere Impfreaktionen hervor als solche klassischen Totimpfstoffe?

Wir spritzen mit den mRNA-Impfstoffen die genetische Information für das Stachel-Protein in reiner Form. Was diese Vakzine bewirken, ist fast so etwas wie eine leichte Infektion. Bei den Jüngeren fällt sie so deutlich aus, dass sie eine stärkere Interferon-Typ1-Immunreaktion hervorruft. Das ist dann schon ein bisschen wie Covid-19 oder wie eine leichte Grippe, mit allem, was man kennt: Muskelschmerzen, Müdigkeit, Abgeschlagenheit, vielleicht auch etwas Fieber.

Zurzeit ist nicht klar, ob die Impfstoffe auch davor schützen, andere anzustecken. Woran liegt das?

Wir wissen noch nicht, ob die vorhandenen Impfstoffe eine sterile Immunität bewirken. Das muss man klar sagen. Ich hoffe es, aber möglicherweise wird der Schutz gegen die Infektion geringer als gegen Covid-19 sein. Aber mit einer Schluckimpfung könnte man das hinkriegen.

Sie arbeiten an einer solchen Covid-Schluckimpfung. Können Sie mehr davon erzählen?

Das ist ein sehr spannendes Projekt. Diese Impfung basiert auf einem zugelassenen Typhus-Impfstoff. Grundlage ist ein abgeschwächtes Typhusbakterium vom Stamm Ty21a-Salmonella typhi. Im Körper und vor allem in den Schleimhäuten ruft er eine sehr gute Immunantwort gegen Typhus hervor. Wir verwenden diesen Impfstoff seit fast 40 Jahren weltweit. Ich war als Student mit dabei, als er entwickelt wurde. Für die Entwicklung eines Covid-Impfstoffs auf dieser Basis haben wir uns mit der amerikanischen Biotechnologie-Firma Protein Potential zusammengetan. Die Idee ist eine kombinierte Typhus-Covid-Schluckimpfung. Wir wissen, dass die Typhus-Impfung eine sehr gute mukosale Immunität, also Immunität in den Schleimhäuten, auslöst. Wenn wir nun in dieses Typhus-Bakterium das Stachel-Protein des Coronavirus einbauen, halte ich es für sehr wahrscheinlich, dass diese kombinierte Schluckimpfung zu einer sehr guten Immunantwort mit Antikörpern und T-Zellen gegen beide Erkrankungen führt, auch in den Schleimhäuten. Und auf diesem Weg könnte es mit der sterilen Immunität funktionieren, was bedeutet, dass Geimpfte andere nicht mehr anstecken können.

Wie weit sind Sie damit?

Das Konstrukt gibt es schon, ich hoffe, dass wir im April oder Mai mit der ersten klinischen Studie beginnen können.

Arme Länder werden die letzten sein, die Impfstoffe kriegen

Sie sind österreichisch-gabunischer Staatsbürger und haben Jahre in Lambaréné gearbeitet. Ist die Versorgung armer Länder mit Covid-Impfstoffen gesichert?

Erst einmal werden sich die reichen Länder bedienen, dann wird man sehen, wie es weitergeht. Die Tendenz zu Nationalismen ist für mich neben Religionsfanatismus das Schlimmste, das hasse ich wie die Pest. Leider setzen sich Nationalismen bei der Diskussion um Covid-Impfstoffe bei einigen wieder durch. Ich bin aber froh, dass die EU auf eine gemeinsame Einkaufsaktion gesetzt hat. Es wäre schlimm gewesen, wenn man in Deutschland gesagt hätte: Wir sind die reichsten, stärksten und meisten, deshalb kaufen wir alles auf. Das ist zum Glück nicht passiert, aber weltweit sieht es anders aus. China und Russland etwa behalten den Großteil ihrer Impfstoffe für sich. Letztlich werden arme Länder die letzten sein, die Impfstoffe kriegen. In Organisationen wie der WHO oder der Impfallianz Gavi wird sehr viel darüber diskutiert. Man muss schauen, inwieweit man an dieser Lage etwas ändern kann. Ich versuche, das Meine zu tun, kann aber selbst nicht viel mehr bewegen als mich zum Beispiel jetzt im Interview dazu zu äußern.

Interview: Pamela Dörhöfer

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