Glück gehabt: Diese Ägypterin hat einen Sack staatlich subvenionierten Zucker ergattert.
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Glück gehabt: Diese Ägypterin hat einen Sack staatlich subvenionierten Zucker ergattert.

Teuerungswelle

Ägyptens Regime fürchtet den Volkszorn

  • Martin Gehlen
    vonMartin Gehlen
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Die Inflation galoppiert, der Tourismus wirft kaum noch Devisen ab, viele Güter werden knapp – und der Unmut darüber wird immer lauter.

Das Sekundenvideo über den Pomp bei Staatsempfängen war sofort ein Hit. „Im Fernsehen sieht Ägypten aus wie Wien, wenn du aber auf die Straße gehst, sind wir wie Verwandte von Somalia“, schimpft der Tuk-Tuk-Fahrer, der normalerweise mit seinem dreirädrigen Motortaxi durch die staubigen Kairoer Trabantenviertel knattert. „Bevor der Präsident gewählt wurde, hatten wir genug Zucker, Kaffee und Reis“, setzt er vor der Fernsehkamera noch eins drauf. Ihn umringt eine nickende Menge.

Der Ausbruch des Unbekannten hat die Gemüter am Nil tagelang bewegt. Endlich hatte jemand gewagt, offen seinen Frust zu äußern in einem Land, in dem bisweilen schon ein kritisches T-Shirt oder ein Facebook-Kommentar einen Bürger hinter Gitter bringen kann. Die übliche Alltagsmisere hat sich zu einem landesweiten Alptraum entwickelt: Immer mehr Güter werden knapp. Woche um Woche verliert das einheimische Geld so rasant an Wert, dass selbst Christine Lagarde, Chefin des Internationalen Währungsfonds (IWF), von einer Währungskrise spricht, die dringend angepackt werden müsse.

Al-Sisi warnt und droht

Bei dem Niedergang kommt vieles zusammen. Der Tourismus wirft kaum noch Devisen ab. Der erweiterte Suezkanal bringt nicht die erhofften Zusatzprofite. Ausländische Investoren haben die Nase voll. Und so liegt der Schwarzmarkt für den Euro inzwischen 40 bis 50 Prozent über dem offiziellen Kurs. Internationale Firmen können ihre lokalen Einnahmen nicht mehr in Devisen umtauschen. Fluggesellschaften wie die niederländische KLM haben den Ticketverkauf in ägyptischen Pfund bereits eingestellt und wollen Kairo von Januar an nicht mehr anfliegen. Die Lufthansa mit ihren 18 Verbindungen pro Woche erwägt ähnliche Schritte. Obendrein belastet die kürzlich eingeführte Mehrwertsteuer das Portemonnaie der Bürger, ebenso wie der Abbau der staatlichen Subventionen für Strom und demnächst auch für Sprit, wie es der IWF verlangt.

Die Folgen für die Menschen, von denen schon jetzt die Hälfte arm oder sehr arm ist, sind hart. Weil die Lebensmittelpreise seit Jahresbeginn um 20 bis 50 Prozent gestiegen sind, müssen immer mehr Familien auch beim Essen sparen. Rund 1500 der 8000 gebräuchlichsten Medikamente sind aus den Regalen verschwunden. Einheimische Firmen stoppen ihre Produktion, weil sie keine Devisen mehr haben, um Vorprodukte oder Rohstoffe einzukaufen. Auch Autoersatzteile werden knapp.

Beim Getreide ist die 90-Millionen-Nation der größte Importeur der Welt. Ägyptens Jahreseinfuhren beliefen sich zuletzt auf 60 Milliarden Dollar, exportiert dagegen werden nur Waren für 20 Milliarden Dollar. Das Regime von Präsident Abdel Fattah al-Sisi weiß, dass es im Volk brodelt. Immer unverhohlener warnt der starke Mann am Nil vor Unruhen. Mal lässt er seine Untertanen wissen, die Armee könne binnen sechs Stunden im gesamten Land aufmarschieren, „wenn etwas Falsches passiert“. Mal warnen seine Mitstreiter vor Demonstrationen gegen die Preissteigerungen, wie sie in den sozialen Medien für den 11. November ausgerufen werden. Mal lassen sie an Brücken Plakate mit Durchhalteparolen aufhängen wie „Mutige Reformen verkürzen den Weg“ oder „Wir müssen die Importe reduzieren“.

Der in Aussicht gestellte IWF-Milliardenkredit ist noch nicht in trockenen Tüchern. Für die ersten zwei der insgesamt zwölf Milliarden Dollar muss Ägypten bei den ölreichen Golfarabern sechs Milliarden Kofinanzierung einwerben, von denen erst zwei Drittel zugesagt sind. Obendrein hat Kairo mit seiner Syrien-, Jemen- und Russlandpolitik den bisherigen Hauptgönner Saudi-Arabien tief verärgert. Im Oktober strich Riad die übliche Monatslieferung von 700 000 Tonnen Benzin, auch für November soll es offenbar nichts geben.

Der Präsident schwört die Bevölkerung auf harte Zeiten ein. Er selbst habe „zehn Jahre lang nichts als Wasser in seinem Kühlschrank gehabt“, deklamierte der Exfeldmarschall kürzlich. „Der Mann hat seinen Kühlschrank wohl mit der Waschmaschine verwechselt“, höhnte es prompt zurück aus dem Internet.

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