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In einer Moschee in Kairo liegen die Leichname getöteter Anhänger von Ex-Präsident Mursi aufgebahrt.
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In einer Moschee in Kairo liegen die Leichname getöteter Anhänger von Ex-Präsident Mursi aufgebahrt.

Gewalt in Ägypten

Ägypten, ein Scherbenhaufen

  • Julia Gerlach
    VonJulia Gerlach
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Am Tag nach der brutalen Räumung machen Plünderer und neue Demonstrationen Kairo unsicher, während die normalen Ägypter nach einer Erklärung für die Gewalt suchen.

Kairo am Morgen danach: Der große Platz vor der Moschee von al Raba al Adawiyya gehört ganz den Müllsammlern und Plünderern. Mit Kleinlastern transportieren sie ab, was von den Trümmern noch zu gebrauchen ist. Bis gestern stand hier das größere der beiden Zeltlager der Anhänger des gestürzten Präsidenten Mohammed Mursi. Von der Bühne vor der Moschee herab hielten die Führer des Protestes ihre aufwiegelnden Reden. Und in den Zelten, gebaut aus Plastikplanen und Holzlatten campierten tausende von Anhänger der gestürzten Präsidenten. Seit mehr als sechs Wochen harrten sie hier aus, protestierten gegen Mursis Absetzung.

Nun liegt der Platz in Trümmern. Plastikplanen sind zerfetzt, von der Bühne ist nur das verkohlte Gerippe übrig und mancherorts qualmt es noch aus den Trümmern. An einer zersplitterten Latte flattert noch ein Porträt Mursis: „Gegen den Putsch!“ steht darunter. Doch die jungen Männer, die jetzt auf dem Platz den Ton angeben, interessieren sich nicht dafür. Sie durchwühlen die Überreste nach Brauchbarem: Eine Decke, ein Helm, ein Klappstuhl.

Die Armee ist mit mehreren Panzern auf den Platz gezogen. Soldaten mit Gewehren über der Schulter überwachen die Szene. Noch ein paar Stunden, dann soll hier alles wieder so sein wie früher. Der Verkehr soll fließen, als wäre nichts gewesen. Keine Krise, keine Gewalt.

Kairo am Morgen danach ist ruhig. Die Kämpfe der Nacht haben aufgehört, die Demonstranten haben sich zurückgezogen; vorerst. „Ich bin bis zum Sonnenuntergang geblieben, dann konnte ich nicht mehr“, berichtet Essam al Din. Der bärtige Endvierziger ist Mitglied der radikalislamischen Gamaat al Islamiyya, und seit dem Sturz Mursis Anfang Juli hat er in einem Zelt im Protestcamp gehaust. „Wir hatten am Abend vor der Räumung schon gehört, dass es bald losgeht und waren vorbereitet“, erzählt er.

Verschanzt hinter Sandsäcken hätten sie den Angriffen der Sicherheitskräfte zunächst getrotzt. „Doch dann kam ein Hubschrauber und nahm uns aus der Luft unter Feuer. Dabei starben zwei meiner Gefährten“, berichtet er. Er brachte ihre Leichen am Rande des Platzes in ein provisorisches Krankenhaus und versteckte sich anschließend wieder nahe der Moschee. Er habe sich nicht verteidigt und auch die Demonstranten in seiner Nähe hätten nur mit Steinen geworfen.

Provinzverwaltung gestürmt

„Wir haben keine Waffen! Die Regierungsmedien lügen. Sie haben Bilder von Waffenlagern gezeigt, die sie angeblich bei uns gefunden haben wollen, aber die Bilder sind gefälscht“, sagt er. Die Motivation der Regierung hinter der Verbreitung solcher Falschmeldungen sei klar: „Sie wollten damit legitimieren, dass sie so brutal gegen uns vorgingen“, sagt er: „Sie wollen uns plattmachen, aber ihre Strategie wird nicht aufgehen. Jetzt haben wir uns zurückgezogen, aber wir werden wiederkommen. Mit großen Demonstrationen. Heute Abend oder spätestens morgen werdet ihr sehen, wie mächtig unsere Bewegung wirklich ist“, sagt er.

Schon am Donnerstag setzen viele Islamisten die Ankündigung in die Tat um. Tausende sperrten die Straße vor der Kairoer Al-Iman-Moschee ab, in der fünf Opfer der Gewaltexzesse vom Vortag aufgebahrt waren. Im Stadtteil Giza stürmten mehrere Hundert Islamisten das Gebäude der Provinzverwaltung. Nach Angaben aus Sicherheitskreisen brach ein Feuer aus. In der Hafenstadt Alexandria stoppten Anwohner dem Nachrichtenportal Al Ahram zufolge einen Protestmarsch der Muslimbrüder, als sich die Demonstranten auf eine koptische Kirche zubewegten.

Kairo, am Morgen danach kennt aber auch noch eine andere Wahrheit. „Ich habe es mir mit die Entscheidung nicht leicht gemacht. Die Räumung wurde notwendig, nachdem alle Versuche, die Krise politisch zu lösen gescheitert sind“, sagt Hazem al Bablawi, Ministerpräsident der Übergangsregierung in einer Ansprache an die Nation. Seinem Gesicht sieht man an, dass er es ernst meint.

Von exzessiver Gewalt beim Polizeieinsatz könne keine Rede sein, die Polizei habe keine Schusswaffen eingesetzt, so eine Erklärung des Innenministeriums. Für die Gewalt seien allein die Mursi-Anhänger verantwortlich. Sie hätten sofort das Feuer eröffnet, als die Räumung begonnen habe. Ähnlich sieht es die Mehrheit der ägyptischen Medien: „Die Muslimbrüder setzen Ägypten in Brand“, so die Schlagzeile in der unabhängigen Zeitung al Watan. „Die Räumung der Plätze. Die Muslimbrüder eröffnen das Feuer“.

Die Regierung habe lange Geduld gezeigt und die Mursi Anhänger immer wieder aufgefordert, sich an Verhandlungen über die Zukunft Ägyptens zu beteiligen. Man habe ihnen sogar mehrere Posten im Kabinett angeboten. „Doch alles wurde abgelehnt!“, so der Kommentar in Al Ahram. Nachdem alle anderen Möglichkeiten ausgeschöpft waren, sei die Räumung die einzige Möglichkeit gewesen, um Stabilität nach Ägypten zurückzubringen.

Dieser Meinung sind auch die meisten nicht-islamischen Parteien. Die „Rettungsfront“ hat sich in einer Erklärung voll und ganz hinter die Regierung und den Einsatz der Sicherheitskräfte gestellt. Nun seien alle politischen Kräfte gefragt, sich an der Gestaltung des Neuanfangs zu beteiligen. Nur in einem Nebensatz ging die Rettungsfront darauf ein, dass ihr prominentestes Mitglied, der Nobelpreisträger Mohammed ElBaradei als Reaktion auf den Polizeieinsatz als Vizepräsident der Übergangsregierung zurückgetreten ist. „Wir haben dies mit Trauer zur Kenntnis genommen“, so die Erklärung.

Kritik aus dem Ausland

Andere politische Kräfte reagierten heftiger: Mahmoud Badr, der Gründer der „Tamarud-Bewegung“, welche zu den Massenprotesten gegen Mursi Ende Juni aufgerufen hatte, schrieb in einem offenen Brief an ElBaradei: „Es ist eine große Enttäuschung zu erfahren, dass es Ihnen wichtiger ist, ihr Ansehen im Ausland aufzupolieren, als Ägypten in dieser schweren Stunde beizustehen“.

Tatsächlich hat der brutale Polizeieinsatz im Ausland zu schwerer Kritik geführt. Dänemark hat bereits angekündigt die Wirtschafts- und Entwicklungshilfe für Ägypten zu kappen. Dies wiederum führte zu heftiger Kritik von Unterstützern der Übergangsregierung: „Wir lassen uns doch nicht vom Ausland vorschreiben, wer uns regieren soll und wie wir unsere Probleme lösen“, so der Chefredakteur der Zeitschrift Ruz al Youssef. Er kritisierte sogar die Bemühungen internationaler Diplomaten, die politische Krise durch Verhandlungen mit beiden Seiten zu lösen. „Sie haben die ganze Angelegenheit nur komplizierter gemacht“.

Kairo am Morgen danach, lässt viele Bürger ratlos. Sie wissen nicht, was sie glauben sollen. „Also, eigentlich ist mir zum Feiern zu Mute“, sagt Hausfrau Aischa Murad. „Endlich wurden diese Muslimbrüder vertrieben. Das war doch dringend notwendig. Die Polizei hat es richtig gemacht, dass sie hart gegen sie vorging. Es blieb ihr keine Wahl und es muss endlich wieder Ruhe in Ägypten einkehren, dass wir unser Leben leben können“, sagt die Anfang 30-Jährige mit dem hellblauen Kopftuch. Sie schaut auf die Bilder der Gewalt auf den Vorderseiten der Zeitungen, die in einem Regal im Supermarkt liegen. Sie ist gekommen, rasch etwas einzukaufen. Dann schnell nach Hause. Am Morgen danach, verkriechen sich viele Bürger in ihren Wohnungen: „Aber das es war schon brutal. Wenn man das so anschaut, kommen einem Zweifel, ob dies wirklich das Ende der Krise ist. Die Islamisten werden jetzt wohl erst recht auf die Straßen gehen“, sagt sie und grüßt zum Abschied: „Gott stehe uns bei!“, Das hört man oft am Tag danach in Kairo.

Sorgen machen sich vor allem auch die ägyptischen Christen. Allein am Mittwoch wurden mehr als 60 Angriffe auf christliche Einrichtungen in Ägypten gemeldet. So wie der auf die Kirche der heiligen Maria im oberägyptischen Minya. Mit Steinen und Molotowcocktails wurde die Kirche von einer wütenden Menschenmenge attackiert. Scheiben gingen zu Bruch, dann brach Feuer aus.

„Es gibt eine unglaubliche Welle der Gewalt. Die Sicherheitskräfte hatten damit gerechnet, allerdings nicht mit dem Ausmaß und da zugleich auch noch Polizeistationen und Regierungsgebäude attackiert wurden, waren sie schlicht überfordert“, so Emad El Erian, Mitbegründer der christlichen Bewegung „Jugend von Maspero“.

In Ägypten am Tag danach liegt vieles in Trümmern und es wird lange dauern, bis die Scherben aufgelesen und die Wunden verheilt sind. In Ägypten am Tag danach ist die Hoffnung auf einen demokratischen Neuanfang wieder ein gutes Stück kleiner geworden.

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