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Der demokratische Bewerber Ralph Northam winkt nach dem Sieg.

USA

Adrenalinstoß für Trump-Gegner

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Die US-Demokraten gewinnen zwei wichtige Gouverneurswahlen in Virginia und New Jersey. Schon richten sich Wende-Hoffnungen auf die Kongresswahlen.

Die Abgesänge waren schon geschrieben. Monatelang hatten sich die Demokraten in den USA mit persönlichen Eitelkeiten, rückwärtsgewandten Schuldzuweisungen und ideologischen Grabenkämpfen beschäftigt, während ein übermächtiger Donald Trump die öffentliche Debatte alleine beherrschte. Doch ausgerechnet zum Jahrestag der Präsidentenwahl erhält die Opposition nun einen kräftigen Adrenalinschub: Unerwartet deutlich gewannen die Demokraten bei zwei Gouverneurswahlen und verteidigten eine Reihe von Bürgermeisterposten in großen Städten. „Das passiert, wenn das Volk wählt“, kommentierte Ex-Präsident Barack Obama erfreut.

Den eindrucksvollsten Erfolg errangen die Demokraten im Bundesstaat Virginia, der als sogenannter Swing State mit wechselnden Mehrheiten gilt. Eigentlich war hier ein Kopf-an-Kopf-Rennen des republikanischen und des demokratischen Kandidaten prognostiziert worden. Der demokratische Bewerber Ralph Northam sicherte sich jedoch mit knapp 54 Prozent und einem Vorsprung von fast neun Punkten das Gouverneursamt – obwohl Trump auf Twitter eindringlich gewarnt hatte, der Kinderarzt sei „schwach im Kampf gegen das Verbrechen und furchtbar für die Wirtschaft in Virginia“.

Trump distanziert sich via Twitter

Die Niederlage des Republikaners Ed Gillespie, der Trumps Rhetorik kopiert hatte, ohne den Präsidenten jedoch persönlich zu Kundgebungen einzuladen, dürfte die Debatte über den richtigen Kurs der Republikaner heftig anfeuern. Mit einem Tweet aus Südkorea distanzierte sich Trump umgehend von dem unterlegenen Kandidaten: „Er hat nicht mich oder das, wofür ich stehe, verkörpert.“

Bei den Demokraten sorgt das Ergebnis für regelrechte Euphorie. „Falls es irgendwelche Zweifel gab: Der Widerstand lebt“, twitterte Obamas früherer Redenschreiber Jon Favreau. Und Tom Perez, der Chef der Demokraten, jubelte: „Die Demokratische Partei meldet sich zurück, meine Freunde. Das ist erst der Anfang!“ Schon machen sich erste Demokraten Hoffnungen, bei den Kongresswahlen im nächsten Jahr die republikanischen Mehrheiten brechen zu können. Doch dafür müssten sie nicht nur 24 Sitze im Repräsentantenhaus umdrehen und zehn Senatoren bezwingen, die sich zur Wiederwahl stellen. Vor allem ist der Erfolg von Virginia nicht so einfach zu deuten, wie es auf den ersten Blick scheint.

Im Grunde war der Republikaner Gillespie kein typischer Trump-Mann, sondern verkörperte als ehemaliger Lobbyist und Berater von Ex-Präsident George W. Bush eher das klassische Partei-Establishment. Auf der anderen Seite hatte sich Northam trotz seiner ziemlich unscheinbaren Ausstrahlung gegen einen Kandidaten vom linken Flügel der Demokraten durchgesetzt. Er gilt als Vertreter des ebenfalls eher traditionellen Clinton-Lagers seiner Partei.

Sieg in New Jersey erwartungsgemäß

Allerdings hatte Gillespie im Wahlkampf mit rassistischem Unterton zunehmend Trump-Positionen vertreten. So warnte er plakativ vor den Gefahren von Latino-Gangs, unterstützte Trumps Attacken gegen Football-Spieler wegen des Hymnen-Protests und setzte sich wie er für den Erhalt der Konföderierten-Denkmäler ein, obwohl gewalttätige Neonazis in der Auseinandersetzung Virginias beschauliches Universitätsstädtchen Charlottesville terrorisiert hatten. Am Ende schreckte Gillespie nicht einmal davor zurück, seinen Gegenkandidaten Northam in die Nähe der Pädophilie zu rücken.

In den ländlichen Gebieten im Südwesten kam diese Rhetorik durchaus an. Allerdings schreckte sie die Wähler in den städtischen Gebieten und im Speckgürtel von Washington ab. Zunehmend ziehen nämlich gut ausgebildete und einkommensstarke Bewohner der Bundeshauptstadt auf die andere Seite des Potomac-Flusses nach Virginia und verändern dort die Sozialstruktur. Bei ihnen dominierte stark der Anti-Trump-Effekt. Schwächen in der inhaltlichen Profilierung sahen sie Northam offenbar nach. Die Wahl des Demokraten sei ein klarer Sieg „des Anstands, der Höflichkeit und der Bändigung von Angst, Schrecken und kaum verhülltem Rassismus“ gewesen, deutete die „Washington Post“ das Ergebnis vor ihrer Haustür grundsätzlich.

Dass die Demokraten im Bundesstaat New Jersey siegen würden, war allgemein erwartet worden. Mit einer Reihe von Skandalen bis hin zu seinem legendären Sonnenbad auf einem von ihm für die Öffentlichkeit gesperrten Strand hatte der bisherige republikanische Gouverneur Chris Christie sämtliche Sympathien bei der Bevölkerung verscherzt. Die republikanische Bewerberin Kim Guadagno konnte sich als bisherige Stellvertreterin nicht aus seinem Schatten lösen.

Zum neuen Gouverneur des Bundesstaates wurde Phil Murphy gewählt. Der Ex-Investmentbanker, der 20 Millionen Dollar eigenes Geld in seine Kampagne investierte, ist in Deutschland bekannt: Von 2009 bis 2013 vertrat er die USA als Botschafter in Berlin. In seine Amtszeit fielen die Überwachung des Handys von Kanzlerin Angela Merkel und die Enthüllung der Depeschen der US-Botschaft mit heiklen Urteilen über deutsche Politiker.

Wie erwartet, konnten die Demokraten auch ihre Bürgermeisterposten in New York, Boston und Detroit verteidigen. Bill de Blasio, in New York mit 66 Prozent der Stimmen im Amt bestätigt, twitterte: „Ich bin optimistischer denn je zuvor. Wir fangen gerade erst an.“

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