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Dürfen nicht fehlen: Porträts von Fidel Castro und Ché Guevara in einer Metzgerei in Havanna.

Kuba nach den Castros

¡Adiós Comandantes!

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Raul Castro hat den "Fidelismo" reformiert und das Land geöffnet. Doch er lässt eine marode Wirtschaft und viel Unzufriedenheit zurück.

In diesen Tagen, denen so oft das Attribut historisch angeheftet wird, verliert sich Doris Contreras noch etwas häufiger in der Vergangenheit. Dann schaut sie von ihrem alten Röhrenfernseher schwermütig auf die schwarzweißen Bilder von Fidel Castro und Ché Guevara, die im Bücherregal gleich neben denen ihrer Kinder stehen: „Die konnten das, die haben das gut gemacht“, sagt die alte Frau. 

Dank der Castro-Brüder hätten die Töchter gratis studieren können, lobt Contreras die „historischen Führer“ der Revolution. Und sie selbst genieße im Alter die kostenlose Gesundheitsversorgung. Seit einem Oberschenkelhalsbruch kann sie nicht mehr laufen, bekam aber einen Rollstuhl und Massagen. „Wo gibt es denn so was in Lateinamerika?“ Zwar kämpft auch die Familie Contreras mit den Absurditäten des kubanischen Alltags. „Doch es ist alles besser als das, was wir früher hatten.“

Aber jetzt wollen die Revolutionäre in Rente gehen, allen voran Raúl Castro. Der 86-jährige Staatschef ist nach zwölf Jahren an der Staatsspitze und anderthalb Jahre nach dem Tod von Bruder Fidel müde. Er hinterlässt ein Land im Umbruch, viele kleine, aber ungenügende Reformen, ungezählte Hoffnungen und viele Ängste. So wie bei Doris Contreras. Ihr ist bang vor dem, was am Donnerstag in der Nationalversammlung passieren soll. Wenn der Name Castro in die Geschichtsbücher wechselt. 

Den designierten Nachfolger Miguel Díaz-Canel hat sie in den vergangenen Monaten öfters im Fernsehen gesehen. Aber überzeugt hat er sie nicht: „Der brennt nicht mehr für die Revolution“, sagt Doris Contreras.

Sie gehört gewissermaßen auch zur historischen Generation auf Kuba. Sie wurde 1933 geboren, zwei Jahre nach Raúl Castro. Sie hat noch die Zeit unter Diktator Fulgencio Batista erlebt, als die Mafia Havanna in ein Spieler- und Vergnügungsparadies verwandelt hatte. Es war eine komische Stimmung damals in den 1950er Jahren. Ein bisschen Al Capone und ein bisschen Bürgerkrieg. 
„Ich bin ein Kind des Kapitalismus“, sagt Frau Contreras und lacht aus ihrem zahnlosen Mund.

„Aber ich habe der Revolution alles zu verdanken.“ Die schicke Wohnung in Havannas großbürgerlichem Stadtteil Vedado zum Beispiel. Ein 300 Quadratmeter Appartement, das vor der Revolution einem Minister Batistas gehörte. Als der später vor den bärtigen Umstürzlern floh, übertrug die Regierung die Wohnung dem Mann von Doris. Der war Arzt am nahen Krankenhaus und stellte sich nach dem 1. Januar 1959 in den Dienst der neuen Regierung. „Die Revolution dankte uns das mit der Wohnung“, sagt Contreras.

Am anderen Ende von Havanna wartet Luis Sánchez mal wieder vergeblich auf den Bus, der ihn zu seinem Arbeitsplatz in einer Metallwarenfabrik bringen soll. In den Arbeitervorort Regla, auf der anderen Seite der Bucht von Havanna, verirren sich nur selten Touristen. Hier gibt es keine schicken Restaurants, keine Oldtimer, mit denen Touristen für 50 Dollar die Stunde rumkutschiert werden. Hier ist Kuba noch grauer, sozialistischer Alltag: leere staatliche Läden, kaum funktionierender Nahverkehr. „Wenn Du hier keine Devisen hast, ist das Leben die Hölle“, sagt Sánchez. Er gehört zu den geschätzt 40 Prozent Kubanern, die keine Familie im Ausland haben, kein privates Restaurant in der eigenen Wohnung oder einen Schönheitssalon oder sonst ein Kleingewerbe betreiben. Von den vorsichtigen wirtschaftlichen Öffnungen unter Raúl Castro konnte er nicht profitieren. Nicht mal ein Handy hat Sánchez. 

Er lebt mit dem Einheitslohn von umgerechnet 25 Euro und den staatlichen Subventionen auf der Lebensmittelkarte, die immer weniger hergibt. Sánchez ist 25 Jahre und kennt keinen anderen Präsidenten, als Castro I oder Castro II. Und er kann es nicht erwarten, dass jetzt was Neues kommt. „Ich kenne den nicht, der jetzt kommen soll“, sagt er, aber es bewege sich was, und das mache Hoffnung: „Es muss sich was tun.“ Was soll an einem Land toll sein, das nicht genügend Klopapier für seine Menschen herstellen kann oder wo der Kauf eines Ersatzteils für den Kühlschrank zur tagelangen Odyssee wird. Nun müssten es die Neuen besser machen, findet Sánchez. „Je weniger sie für die Revolution brennen, desto besser.“

Aber kaum ein Kubaner kann sich ein Kuba ohne Castro vorstellen. Weder Contreras noch Sánchez. „Die Menschen haben keine wirkliche Idee davon, was eine Regierung ohne Raúl oder Fidel an der Spitze bedeutet“, sagt Yassel Padrón, der auf dem Blog „Junges Kuba“ über marxistische Ideen in der Aktualität schreibt. „Wir betreten Neuland.“

 Aber auch nach dem offiziellen Ende der Ära der ungleichen Brüder bleibt die widerspenstige Insel ja Castro-Land. Fidel und Raúl haben Kuba fast 60 Jahre lang nach ihren Vorstellungen geformt. Alles ist so, wie sie es wollten. Eine Mischung aus Marx, Lenin, dem kubanischen Freiheitshelden José Martí – und eben Castro. Früher war es „Fidelismo“, heute ist es „Raúlismo“. Das kann man nicht so einfach abwickeln.

 Raúl, minimal charismatisch, dafür maximal pragmatisch, hat das Modell seines Bruders modifiziert und den Kapitalismus hereingelassen, um den Kommunismus zu erhalten. Er regierte nur ein Viertel der Amtszeit seines übermächtigen Bruders. Aber Raúl hat in dieser Zeit mehr auf der Insel bewegt als Fidel all die Jahre zuvor. Er hat Hunderttausend Staatsdiener entlassen, kleines Privatgewerbe zugelassen. Heute schuften die Kubaner als Palmenzurückschneider, Feuerzeugauffüller oder Taxifahrer, sie vermieten Zimmer oder führen Wohnzimmerrestaurants als „Cuentapropistas“, als kleine Ich-AGs. Havannas Innenstadt hat sich mancherorts zu einem riesigen Bazar mit ambulanten Nagelpflegestudios, CD- und DVD-Verkaufsständen, Pizzahändlern und Kartenlegern entwickelt. Rund 200 Berufe haben Havannas Bürokraten freigegeben und eine halbe Million Lizenzen vergeben.

Castro II. hat auch um ausländische Investoren gebuhlt. Es gibt jetzt Sonderwirtschaftszonen, neue sündhaft teure Hotels, Jachthäfen und sogar Golfplätze. Kubaner dürfen jetzt reisen, wann sie wollen und wohin sie können. Er hat die Aussöhnung mit dem ehemaligen Staatsfeind USA erreicht. Selbst Internet gibt es jetzt auf der Insel. Alles soll dazu dienen, mehr Geld anzulocken.

Nur hat sich gezeigt, dass das nicht reicht. Die Reformen sind zu klein gedacht. Und die Regierung steckt nach wie vor in krassen Devisennöten und gibt zwei Milliarden Dollar pro Jahr für Nahrungsmitteleinkauf aus, weil die Landwirtschaft trotz Anreizen nicht funktioniert. In den vergangenen Jahren hat der große Bruder Venezuela die Insel lebensfähig gehalten. Aber da mittlerweile Venezuelas Ökonomie selbst im Koma liegt, tut dies eben auch die kubanische Wirtschaft.

Daher wollen viele Kubaner immer noch einfach nur weg, nach Miami, Madrid oder Mexiko-Stadt, weil ihnen die Reformen nicht schnell genug gehen. Aber überraschend viele wollen auch bleiben, die kleinen Freiräume nutzen, um sich ein auskömmliches Leben auf der Insel aufzubauen, weil sie an einem Tag als Taxifahrer oder mit dem Vermieten von Zimmern mehr Geld verdienen als ein Neurochirurg im ganzen Monat. Und weil sie auf mehr Freiheit hoffen, jetzt wo der Anfang gemacht ist.

„Die Ungleichheit ist in den vergangenen Jahren durch die Reformen massiv und sichtbar gestiegen“, sagt Pavel Vidal, kubanischer Ökonom an der Universität Javeriana im kolumbianischen Cali. Daher hat die Regierung erst einmal die Bremse gezogen. Seit acht Monaten werden keine Lizenzen mehr für Restaurants, Zimmervermietung und ähnlich lukrative Geschäfte ausgegeben. Die Anhäufung persönlichen Reichtums sei unbedingt zu verhindern, betet Raúl Castro vor. Aber auch die Dezentralisierung der Staatsbetriebe ist auf die lange Bank geschoben. Auslandsinvestitionen werden nur noch schleppend genehmigt. Das ganze Reformmodell wartet auf einen neuen Impuls, den der neue Staatschef bringen soll. 

Leoncio Camacho steuert seinen Lada Nova, Baujahr 84, durch den Stadtteil Vedado. Der Biologe von 64 Jahren hat seinen Job in einer Forschungseinrichtung aufgegeben, weil er als Chauffeur deutlich mehr verdient. Dennoch ist Camacho ein Kubaner, wie ihn die Führung in Havanna liebt. Treu dem System, gebildet, informiert. Er sieht die Veränderungen in seinem Land in den vergangenen Jahren positiv. „Wir brauchen die Öffnung, die private Initiative, den Tourismus“. 

Aber gerade der hat nach Jahren des scheinbar unaufhörlichen Aufschwungs bis auf fast fünf Millionen Besucher jährlich wieder nachgelassen. Seit Dezember ist eigentlich Hochsaison auf der Insel mit dem abblätternden Charme. Aber man findet auch ohne Reservierung Plätze in privaten Restaurants, es gibt keine Schlangen vor dem hippesten Jazz-Club von Havanna. 

Bis Anfang November waren allein aus den USA 580 000 Besucher gekommen, rund 250 Prozent mehr als im gleichen Vorjahreszeitraum. Aber dann verhängte US-Präsident Donald Trump neue Sanktionen und kehrte zur Rhetorik des Kalten Krieges zurück, Reise- und Geschäftsbeschränkungen für Kuba wurden verordnet. Demnach sind Individualreisen für die meisten US-Amerikaner nicht mehr möglich; auch werden Geschäfte mit Staatsunternehmen der Insel erschwert. Seither geht die Zahl der Urlauber aus den USA deutlich zurück.

 Es ist also kein wirklich guter Zeitpunkt für einen Wechsel der Führung. Kuba im Frühjahr 2018 ist ein Land zwischen Zukunft und Vergangenheit, zwischen Stillstand und Aufbruch. Eine bizarre Mischung aus Kapitalismus und Kommunismus, aus zerfallen und rausgeputzt. Bewahrer ringen mit Modernisierern um die Hoheit. Eine Insel, die sich verändern muss, um nicht unterzugehen. Dabei lautet das offizielle Motto noch immer: „Sin prisa, pero sin pausa“. Ohne Eile, aber ohne Pause. 

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