Vom Adelsprivileg zur islamischen Kleidervorschrift

Schleier waren ursprünglich den Frauen der arabischen Oberschicht vorbehalten / Koran kennt keine Verhüllungspflicht

Von MICHAEL LÜDERS

Der Schleier gehört zu den charakteristischsten und seit rund 100 Jahren am meisten umstrittenen Bestandteilen der traditionellen arabischen Kleidung. Frauen und Mädchen tragen ihn nach der Geschlechtsreife, bei den Tuareg auch die Männer. Zu unterscheiden sind der Gesichts-, der Kopf- und der Ganzkörperschleier. Am meisten verbreitet ist der die untere Gesichtshälfte bedeckende Halb- oder Mundschleier (Litham oder Milfa). In den Golfstaaten dominiert der das gesamte Gesicht mit Ausnahme der Augen verhüllende Vollschleier (Niqab). Vielfach werden Gesichts- und Kopfschleier kombiniert.

Der Schleier taucht erstmals um 200 vor Christus in Assyrien auf, wo er den Damen der Oberschicht vorbehalten war. Die unerlaubte Verwendung, etwa von Sklavinnen, wurde bestraft. Vor rund 2000 Jahren drang der Schleier auf die Arabische Halbinsel vor und war dort ebenfalls ein Kleidungsstück der Aristokratie. Noch zu Mohammeds Zeiten war es nicht üblich, dass sich Frauen verhüllen. Entgegen den Behauptungen konservativer Moslems und westlich-polemischen Betrachtungen über den Islam finden sich im Koran keine Hinweise auf eine Pflicht zur Verschleierung.

Zwei Textstellen sind entscheidend. In Sure 24, Vers 31 heißt es: "Und sag den gläubigen Frauen, sie sollen (statt jemanden anzustarren, lieber) ihre Augen niederschlagen und sie sollen darauf achten, dass ihre Scham bedeckt ist. (Gemeint: Sie sollen ihre Scham bewahren.) Sure 33, Vers 59 lautet: "Prophet! Sage Deinen Gattinnen und Töchtern und den Frauen der Gläubigen, sie sollen (nicht: sie müssen) (wenn sie vor das Haus treten) sich etwas von ihrem Gewand (über den Kopf) herunterziehen. So ist am ehesten gewährleistet, dass sie (als ehrbare Frauen ) erkannt und daraufhin nicht belästigt werden..."

Obligatorisch wurde die Verschleierung im Kalifat erst im 9. Jahrhundert unter dem wachsenden persischen Einfluss, mit dem auch ein immer rigoroserer Ausschluss der Frau aus dem öffentlichen Leben einherging. Ihren Höhepunkt erreichte diese Entwicklung während des Osmanischen Reiches. Obwohl die Verschleierung der Frau von den islamischen Gelehrten als ein religiöses Gebot dargestellt wurde, war sie in Wirklichkeit eher ein Instrument der Kontrolle. Bis ins Spätmittelalter hinein blieb der Schleier Ausdruck eines hohen sozialen Prestiges und wurde in den Städten der arabisch-islamischen Welt auch von Jüdinnen und Christinnen getragen. In ländlichen Gebieten setzte sich der Schleier erst in den vergangenen 100 Jahren durch.

Parallel zur kolonialen Unterwerfung des Orients im 19. Jahrhundert und dem wachsenden Einfluss europäischer Ideen und Werte setzte eine heftige und bis in die Gegenwart fortdauernde Kontroverse über den Schleier ein. Reformer und Frauenrechtlerinnen wandten sich öffentlich gegen die Verschleierung, die sie als Symbol der Rückständigkeit und einer mit dem Toleranzgebot des Islams nicht zu vereinbarenden Unterdrückung der Frau sahen und sehen.

Für konservative islamische Kräfte, aber auch für weltoffene Intellektuelle wie die marokkanische Soziologin Fatima Mernissi ist der Schleier dagegen ein Ausdruck von Bescheidenheit und ein Merkmal arabischer Selbstfindung im Kampf gegen westlich-kulturelle Überfremdung. Moderne moslemische Frauen tragen in der Regel einen leger anliegenden Kopfschleier. Nur in Saudi-Arabien und Iran ist die Ganzkörperverschleierung Gesetz.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion