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Die gelbe Warnweste verleiht Martin und Enrico beim Plakatwechsel einen Hauch von Autorität.
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Die gelbe Warnweste verleiht Martin und Enrico beim Plakatwechsel einen Hauch von Autorität.

Aktivismus

Adbusting: Es klebe die Revolution

  • VonMoritz Osswald
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Mit Adbusting will eine Klimaschutzgruppe den Energiekonzern EnBW anprangern. Das Plakatkapern gehört zur aktivistischen Tradition, ist aber Polizei und Verfassungsschutz ein Dorn im Auge

Ein kurzer Blick, ein paar geübte Handgriffe, dann – nichts. Sie ächzt und knarzt und seufzt. Die Werbevitrine weigert sich, geöffnet zu werden. Martin und Enrico verlieren keine Zeit. Sie laufen weiter zum nächsten Kasten, doch der streikt ebenso. Haltestelle Stöckach im Stuttgarter Osten, unweit der Zentrale des Südwestrundfunks: Der Feierabendverkehr surrt im Hintergrund, Menschen stehen an der Bahnstation. Ein paar Augen richten sich auf Martin und Enrico. Der Erfolg kommt zum Schluss, der letzte Schaukasten schnappt auf: Die Werbung für ein Eis mit Erdbeer-Käsekuchen-Geschmack will Menschen zum Kauf animieren und verspricht eine nachhaltige Kartonverpackung.

Enrico rollt das Plakat zusammen. Die beiden hängen ein neues auf: „Scheiß auf die Zukunft“ prangt jetzt samt Logo und Layout des Energiekonzerns EnBW in der Vitrine. Mit festem Schritt laufen die beiden zurück zum Parkplatz, wo sie sich die neongelben Warnwesten abstreifen.

Falsche Werbung als Protest: Adbusting soll Konzerne anprangern

Das neue Poster ist natürlich keine echte Werbung der EnBW. Auch Martin und Enrico heißen in Wirklichkeit anders. Adbusting nennt sich das, was sie betreiben: das gezielte Verändern oder Austauschen von Plakaten, um politische Botschaften zu platzieren. Oft sind staatliche Organe Zielscheibe der Kritik, vor allem Polizei und Bundeswehr. Enrico, Anfang 30 und Martin, Anfang 20, sind jedoch Klimaaktivisten. Mit ihrer Aktion wollen sie „die Verursacher treffen“, wie Martin sagt.

Rückblende: Vortreffen fürs Adbusting, ein Donnerstagabend an einem Ort, der ebenfalls anonym bleiben soll. Vier Aktivist:innen besprechen den Plan: Woher den speziellen Schlüssel bekommen, mit dem die Vitrinen geöffnet werden? Pressemitteilung an lokale Medien verschicken? Noch wichtiger: Wo die Plakate strategisch am besten aufhängen?

„Wir sollten die Orte vorher mal auskundschaften“, gibt eine Aktivistin zu bedenken. Sie gehört zu Extinction Rebellion (XR), eine Umweltschutzbewegung, bekannt für radikale Aktionen. Enrico und Martin möchten nicht preisgeben, welcher Klimagruppierung sie angehören. Dass sie mit XR kooperieren, ist eher unüblich – aber die EnBW als gemeinsamer Feind liefert eine passende Schnittmenge. Sie kritisieren die Erdgas-Strategie des Energieversorgers, werfen ihm Greenwashing vor; durch den Umstieg von Kohle auf Erdgas sei der Umwelt nicht wirklich geholfen. Kohle stehe zurzeit stark unter Beschuss, sagt Martin, deshalb suchten Unternehmen wie EnBW Wege, ihre Profite aufrechtzuerhalten.

Adbusting: Mit Schaukästen in die Köpfe der Massen

Enrico macht sich Notizen. Es ist still wie bei einem Vortrag, die Konzentration hoch. Ein XR-Mitglied zeigt einen ersten Plakatentwurf auf dem Notebook. Am unteren Rand der Slogan: „Wir können alles außer Klima“ – eine Persiflage des baden-württembergischen Werbespruchs „Wir können alles. Außer Hochdeutsch“. Adbusting sei eine „Aktionsform, mit der man sehr viel Aufmerksamkeit erregen kann“, sagt Enrico. Die Plakate sollen unterschwellig wirken, die Menschen im Alltag, im Vorbeigehen, auf dem Weg nach Hause oder zur Arbeit zum kritischen Nachdenken bewegen.

Zurück auf die Straße. Die Sonne bescheint die Schaukästen, kein Mensch ist zu sehen, keine Bahn fährt ein. Martin setzt den Sechskantschlüssel am unteren linken Ende des metallenen Kastens an. Drei Sekunden später quietscht er auf. Martin kramt das doppelseitige Klebeband aus seiner Hosentasche hervor, während Enrico vorsichtig das Plakat aus dem Rahmen löst; darauf zu sehen ist eine Frau mit roten Haaren und hellen Augen, die mit festem Blick einen elektronischen Tabakstick anpreist. Martin und Enrico rollen das Papier zusammen und stecken es in die Seite der Vitrine. Keine zwei Minuten brauchen die beiden für jeden Kasten, zwei pro Seite an jeder Haltestelle. Die Botschaft bleibt unübersehbar.

„Schon ein bisschen“, erwidert Enrico auf die Frage, ob er nervös sei. Im Hintergrund, wie eine passende Kulisse, ragen die riesige Müllverbrennungsanlage und drei Müllkessel hervor, drei Kohlekessel, drei Dampfturbinen, ein Steinkohleblock, rauchende Schlote thronen über dem Stadtteil.

Klimaaktivisten wollen mit Adbusting den Konzern EnBW kritisieren

Die Aktionsform Adbusting bringt zwei Vorteile gegenüber Kundgebungen oder Social Media mit sich: Das Heraustreten aus der eigenen Blase, das Verlassen der immer selben Adressaten sorgt für größere Reichweite. Die Plakate interessieren sich nicht für Herkunft, Klasse, politische Ausrichtung oder Gemütszustand des Betrachtenden. Sie verrichten stumm ihre Arbeit, provozieren, polarisieren.

Dabei profitieren die Klimaaktivist:innen auch von einem weiteren Effekt: „Das Problem mit der Außenwerbung ist, dass wir sie nicht ausschalten können“, sagt der Berliner Rechtsanwalt Fadi El-Ghazi dem Deutschlandfunk in einem Interview. El-Ghazis Vision ist eine werbefreie Hauptstadt. In den Litfaßsäulen und Werbevitrinen der Republik tobt ein stilles, doch stetes Ringen um Aufmerksamkeit. Schrille Werbeclips auf Youtube lassen sich mit Adblockern umgehen, lästige Radioreklame einfach abdrehen. Aber Außenwerbung lässt sich nicht ignorieren, sie ist eine „Dauerwerbesendung ohne Fernbedienung“, sagt El-Ghazi.

Dieser Kampf um die Köpfe ist einer, den die Aktivist:innen gewinnen wollen. Meta-Kritik an der Werbung selbst ist gelegentlich auch Teil von Adbustings. Neu ist diese Protestform nicht: Seit den 1970ern existiert das sogenannte Plakatkapern. Was damals jedoch fehlte, war die mediale Inszenierung. Viele Kollektive laden Fotos ihrer Poster ins Netz, manche schreiben die Presse im Nachgang an und bieten Bilder plus zitierfähige Stellungnahmen an.

Sind überklebte Plakate eine linksextreme Gewalttat? Verfassungsschutz hat Adbusting im Visier

Während die zumeist linken Plakatierer:innen ihre Aktionen unter Satire, freier Meinungsäußerung oder zivilen Ungehorsam verorten, stören sich Behörden an der politischen Agitation – oft vor allem dann, wenn es gegen Bundeswehr und Polizei geht. Das Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) listet Adbusting im Bericht von 2018 unter der Kategorie „gewaltorientierter Linksextremismus“ auf, allerdings ohne Begründungen oder Belege. Auf Seite 127 heißt es in dem Bericht: „So wurden im Vorfeld des am 6. und 7. Februar 2018 in Berlin veranstalteten Europäischen Polizeikongresses Werbeplakate der Berliner Polizei so verfremdet, dass damit der Polizei willkürliche Gewaltausübung, ‚institutioneller Rassismus‘ und die Absicherung bestehender ‚Ausbeutungsverhältnisse‘ unterstellt wurden.“

Das entfernte Plakat klemmen die Aktivisten aufgerollt an die Seite. Somit ist die Aktion kein Diebstahl.

Auf Adbusting-Plakaten, gestaltet nach dem Vorbild der Bundeswehr, stand damals zum Beispiel zu lesen: „Ausbeutung gewaltsam verteidigen. Macht ist, was wirklich zählt.“ Oder: „Jeder Tote ist ein kleiner Schritt zum Weltfrieden.“

In den darauffolgenden Jahresberichten des BfV tauchte Adbusting nicht mehr auf. Eine Kleine Anfrage der Linken, Drucksache 19/16887, hakte im Januar 2020 nach. Mehrere Abgeordnete wollten unter anderem wissen, wie das Bundesamt für Verfassungsschutz zu der Einschätzung komme, Adbusting-Aktionen „dem Bereich des gewaltorientierten Linksextremismus zuzuordnen“ und in wie vielen Fällen ermittelt wurde. In der Antwort der Bundesregierung auf die Anfrage heißt es, man ordne die Aktionsform „als solche nicht als Ausdruck einer linksextremistischen Gewaltorientierung ein“. Sie sei im Bereich des „gewaltorientierten Linksextremismus“ angesiedelt, „um den thematischen Zusammenhang zwischen ‚Adbusting‘ als strafbare Aktionsform zur Diskreditierung der Vertreter des Staates durch Linksextremisten und gewaltsamen Aktionsformen zu wahren.“

Behörden behalten Adbusting im Auge – Tatsächlicher Straftatbestand ist unklar

Tatsache ist, dass der Berliner Verfassungsschutz in vier Fällen von Adbusting das überregionale Gemeinsame Extremismus- und Terrorismusabwehrzentrum informierte, so steht es in der Antwort der Bundesregierung. 2012 nach dem Behördenversagen im Zusammenhang mit dem sogenannten Nationalsozialistischen Untergrund gegründet, kümmert sich das Gremium darum, in Kooperation mit der Polizei über verschiedene Bundesländer hinweg, politisch motivierte Kriminalität und Terrorismus zu bekämpfen sowie Anschläge zu verhindern.

Der Antwort ist ebenfalls zu entnehmen, dass der Militärische Abschirmdienst in der Vergangenheit ein wachsames Auge auf Adbustings hatte, die sich kritisch mit der Bundeswehr beschäftigten. 13 Fälle verfremdeter Plakate notierte der MAD seit 2015. In Berlin nahmen die Behörden Anstoß an veränderten Postern zum Tag der Bundeswehr 2019. Die Folge: Eine kriminaltechnische Untersuchung samt Überprüfung von DNA-Spuren auf den Plakaten wurde in Auftrag gegeben. Ergebnisse stehen nach wie vor aus.

Lesen Sie dazu auch: Der britische Polizeispitzel Mark Stone alias Mark Kennedy hat über Jahre etliche Menschen ausgespäht, die sich für Umweltschutz stark machten oder linke Proteste organisierten. Eines seiner Opfer zieht nun vor Gericht

Doch ist Adbusting überhaupt strafbar? Andreas Gutmann hat sich damit auseinandergesetzt. Er ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Zentrum für Europäische Rechtspolitik der Uni Bremen. Auf Nachfrage erklärt der Jurist, dass es „von der konkreten Vorgehensweise“ abhänge, „ob durch Adbusting Straftatbestände erfüllt werden“. Grundsätzlich könne das Verändern eines Plakates eine Straftat darstellen. Allerdings sei das nicht der Fall, wenn besagte Veränderung sich ohne größeren Aufwand wieder entfernen lasse.

Adbusting: Aktivismus mit Plakaten wird als linksextreme Gewalttat kategorisiert

„Wird ein Plakat beispielsweise nur überhängt oder durch leicht ablösbare Klebezettel verfremdet, liegt keine Sachbeschädigung vor“, so Gutmann. Entwende man jedoch Plakate „zum Zweck der Verfremdung“, so könne das mitunter als Diebstahl gewertet werden. Enrico und Martin wissen das – deswegen rollen sie die Plakate zusammen und stecken sie seitlich in die Schaukästen. Viele Verfahren wurden in der Vergangenheit eingestellt, weil keinerlei Strafbarkeit festgestellt werden konnte.

Ein paar Tage später sind die Plakate an den Stuttgarter Haltestellen schon nicht mehr zu sehen, die Betreiberfirma scheint schnell gehandelt zu haben. Doch schon sind weitere Aktionen in Arbeit: Die Kampagne „tob21“ (Tag ohne Bundeswehr) plant für Ende Juli ein Vernetzungstreffen in Baden-Württemberg. Sprecher Klaus Theodor zu Schlechtenzwerg will noch nicht zu viel verraten, kündigt aber Adbustings an, die auf die Bundestagswahl Ende September abzielen werden.

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