Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Das Gesicht der Partei: Die Grünen in Baden-Württemberg verdanken ihr Umfragehoch ihrem Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann.
+
Das Gesicht der Partei: Die Grünen in Baden-Württemberg verdanken ihr Umfragehoch ihrem Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann.

Winfried Kretschmann

Achtung vor dem strengen Landesvater

  • Markus Decker
    VonMarkus Decker
    schließen

Der grüne Ministerpräsident Winfried Kretschmann gibt auf seiner Wahlkampftour den Pragmatiker. Anbiederung hat er nicht nötig, auch wenn er innerhalb seiner Partei nicht nur Freunde hat.

Leinfelden-Echterdingen. Im Augenblick seines bis dahin größten Triumphs sitzt Winfried Kretschmann im dämmrigen Licht seines Wahlkampf-Busses und lehnt sich zurück. „Das sind ja immer Momentaufnahmen“, sagt der 67-Jährige über die jüngste Meinungsumfrage, die seine Partei tatsächlich auf Platz eins sieht. „Und schon im letzten Wahlkampf habe ich gesagt: Ich bleibe auf dem Teppich, auch wenn der Teppich fliegt.“

Baden-Württembergs Ministerpräsident hat in Ehingen einen mittelständischen Betrieb besucht und anschließend in Reutlingen die Redaktion des örtlichen „General-Anzeigers“. Auf dem Weg zum nächsten Auftritt in Leinfelden-Echterdingen sitzt Kretschmann in dem grünen Kleinbus, von Kretschmanns Mitarbeitern „Busle“ getauft. Kretschmann hat das Jackett abgelegt und wirkt wie stets ziemlich statuarisch.

2011 war er sensationell erster grüner Ministerpräsident überhaupt geworden und das in jenem Bundesland, das seit 1953 von der CDU regiert worden war. An diesem 22. Februar 2016 wird die besagte Umfrage bekannt, derzufolge bei den Landtagswahlen am 13. März eine weitere Sensation ins Haus stehen könnte. Erstmals steht die Ökopartei vor den Christdemokraten. Das liegt vor allem daran, dass Schwaben und Badener nicht den CDU-Spitzenkandidaten Guido Wolf wollen, sondern ihn, Kretschmann, auch „Kretsch“ genannt.

Dieser „Kretsch“ sagt also im „Busle“, dass er Wirtschaftsförderung mit ökologischer Erneuerung verbinde und in seiner grün-roten Regierung auch Gerechtigkeitsfragen bedeutend seien. Im Ganzen werde das Land gut geführt – von ihm. Wie Kretschmann das macht, ein ganzes Land für sich einzunehmen, lässt sich auf der Wahlkampftour ganz gut beobachten.

Zunächst mal ist er seit Ewigkeiten dabei. 1980 sei er für die Grünen erstmals in den Landtag eingezogen, sagt die Moderatorin des Gesprächs vor 250 Zuhörern in Leinfelden-Echterdingen. Dann fragt sie, wie viel er denn seinerzeit eingefahren habe. Kretschmann sagt: „5,3 Prozent.“ Bei der Landtagswahl 2011 holten die Grünen knapp 25 Prozent der Stimmen und damit das Fünffache dessen, was Kretschmann 1980 bekam. 2015 gaben 72 Prozent der Befragten an, mit der Arbeit des Ministerpräsidenten zufrieden zu sein. Das ist nachhaltiges Wachstum.

Kretschmann, der Pragmatiker

Kretschmann kennt daheim jeden Grashalm und focht schon vor Jahrzehnten mit diesem Herrn Palmer – nein, nicht mit Boris Palmer, dem blitzgescheiten und renitenten Oberbürgermeister von Tübingen, der bei den Grünen die rechte Flanke abdeckt, sondern mit dessen Vater Helmut, der den Katholiken Kretschmann zur „Beichtstuhl-Fraktion“ zählte, was der als Beleidigung empfand. „Dies ist ein Land mit großen Traditionen“, sagt Winfried Kretschmann zwischen Reutlingen und Leinfelden-Echterdingen. „Und in diesen Traditionen bin ich drin und lebe sie.“ Das gilt es bei der Wahlkampfreise zu zeigen.

Den Titel „Landesvater“ muss sich ja ein Ministerpräsident in langen Jahren erst erarbeiten. Mancher schafft es nie. Kretschmann hängten sie den Titel schon nach einer Legislaturperiode um, nicht zuletzt wegen seines vorgerückten Alters.

Kretschmann wird im Wahlkampf von den Seinen als Pragmatiker inszeniert, der zuallererst in Kategorien wirtschaftlicher Vernunft denkt. Das kann man in Ehingen schön sehen. In dem Betrieb, der Holzhäuser produziert, zeigt der lässige Juniorchef, ein Mann um die 30, dem Gast Material und Maschinen und erklärt, warum Holzhäuser nachhaltig sind. Kretschmann schweigt anfangs fast durchweg. Am Schluss sagt er zu, dass bei Ausschreibungen künftig weniger auf den Preis als auf die Qualität geachtet werde. „Wenn wir wieder an die Regierung kommen, werden wir uns das mal richtig vornehmen“, verspricht der Ministerpräsident und fährt fort: „Von Unternehmen wie Ihrem lebt das Land Baden-Württemberg. Bis zum Kuchen stimmt hier alles.“ Den hat die Oma des Juniorchefs gebacken.

Als alle Freundlichkeiten ausgetauscht und alle Selfies geschossen sind, verabschiedet sich Kretschmann, freundlich lächelnd, aber nicht zu sehr. Anbiederung hat er nicht nötig.

Wenige Stunden später in Leinfelden-Echterdingen dreht der Grüne das globale Rad. Er mahnt, dass die Chinesen sich an der Energiewende lediglich dann ein Beispiel nehmen würden, wenn sie auch ökonomisch erfolgreich sei. Und er erzählt von seinem Besuch im kalifornischen Silicon Valley und sagt, dass Baden-Württembergs Mittelstand mit der Digitalisierung Schritt halten müsse, um weiter erfolgreich zu sein. Kretschmann kann klein, soll das bedeuten, und groß.

„Verantwortung und Augenmaß.“

Zu guter Letzt ist da die Sache mit dem Stil. Der schon erwähnte CDU-Spitzenkandidat Wolf geht mit einem veritablen Reisebus auf Tour. Kretschmann hingegen fährt mit dem „Busle“ vor. Öffnet sich die Schiebetür mit seinem Konterfei, entsteigt der echte Kretschmann dem Gefährt. Auf einem der Wolf’schen Plakate steht: „Werte bewahren. Wer zu uns kommt, soll sich anpassen.“ Gemeint sind die Flüchtlinge.

Kretschmann-Plakate kommen mit weniger Worten aus. Etwa: „Verantwortung und Augenmaß.“ Oder: „Regieren ist eine Stilfrage.“ In Leinfelden-Echterdingen sagt er: „Wir haben das Land gut und ordentlich regiert; mehr ist es erst mal auch nicht.“ Kretschmann muss nichts mehr beweisen, er ist der Beweis. Zuweilen scheint er wie ein Krokodil im Wasser zu liegen. Alle wissen, dass es zuschnappen kann, wenn es will. Das reicht vollkommen. Man weiß nicht, wann dem früheren Kommunisten die Aura zugewachsen ist. Gewiss ist: Sie ist da.

Das wirkt sich auch politisch aus. Als der grüne Regierungschef 2014 im Bundesrat dafür stimmte, Bosnien-Herzegowina, Mazedonien und Serbien zu sicheren Herkunftsstaaten zu erklären, blies ihm noch heftiger Wind aus der eigenen Partei ins Gesicht. Mittlerweile werden mögliche Stolpersteine weiträumig aus dem Weg geräumt, wobei vor allem die Grünen im Bund als Räumdienst unterwegs sind.

Als Kretschmann im November beim Parteitag in Halle sprach, da war es, als rede der Großvater zu seinen Enkeln. Nicht alle mögen diesen strengen Großvater, aber alle achten ihn. Schleswig-Holsteins grüner Umweltminister Robert Habeck lobt „die Zugewandtheit zum Alltag und den weiten Horizont“ und findet beides „beeindruckend“.

Für europäische Lösungen

Das merkt nicht zuletzt die politische Konkurrenz. Der Einzug der FDP in den Landtag scheint ebenso sicher zu sein wie der der AfD. Die schwächelnde SPD unter ihrem stellvertretenden Ministerpräsidenten Nils Schmid ist nahezu abgemeldet. Unterm Strich läuft alles auf einen Zweikampf zwischen Kretschmann und Wolf hinaus, der mehr und mehr ins Hintertreffen gerät. Während der ohnehin unpopuläre Wolf in der Flüchtlingskrise von Kanzlerin Angela Merkel abrückt, stärkt Kretschmann ihr den Rücken. Der Staatsmann in Stuttgart plädiert so wie die Staatsfrau in Berlin für europäische Lösungen und betont: „In schweren Krisen gehe ich immer auf Konsens, nicht auf Konflikt.“ Es präsentiert sich der grüne Verantwortungsethiker.

Wolf ist eingezwängt zwischen denen, die ohnehin lieber gleich AfD wählen, und Kretschmann, der sich auf der Linie der CDU-Vorsitzenden bewegt und an dem außer dem weißen Hemd und der grünen Krawatte alles schwarz ist. In der Südwest-CDU haben die Schuldzuweisungen für ein mögliches Desaster begonnen. So was ist meist erst recht tödlich.

Als Kretschmanns Begleitkommando die Journalisten nach Ehingen, Reutlingen und Leinfelden-Echterdingen bringt, steht Wolfs Reisebus unweit des Stuttgarter Landtags, ohne dass jemand einsteigt. Eine Unterstützerin des Amtsinhabers schaut auf den leeren Bus des Herausforderers, lächelt und sagt: „Es macht Spaß.“

Ihr Chef sagt im „Busle“ auf die Frage, ob er gern Ministerpräsident bleiben wolle: „Aber hallo!“

Das muss reichen.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare