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Nancy Pelosi redet und redet und redet.

Filibuster

Acht Stunden Redemarathon

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Die US-Demokratin Nancy Pelosi stellt im US-Repräsentantenhaus einen Rekord auf. Es gehe ihr doch nur um die Migranten, beteuert sie.

Am Ende tränten die Augen. Die Nase schniefte. Und die Füße in den hochhackigen Schuhen dürften höllisch geschmerzt haben. Aber Nancy Pelosi wirkte glücklich. Zufrieden klatschte sich die Chefin der Demokraten im amerikanischen Repräsentantenhaus mit den Parteifreunden ab.

Sie hatte ein klares politisches Signal ausgesandt, den parteiinternen Kritikern eine Lektion erteilt und einen Rekord aufgestellt: Exakt acht Stunden und sieben Minuten lang war die Rede der 77-Jährigen gewesen.

Um kurz nach zehn Uhr morgens war die Politikerin aus San Francisco am Mittwoch an ihrem Platz in der ersten Reihe des Parlaments für eine Kurzintervention ans Mikrofon getreten, wie sie den Fraktionschefs ohne Zeitbegrenzung erlaubt ist. Es ging um das Haushaltsgesetz. Vergeblich hatte Pelosis Partei im Januar versucht, dessen Verabschiedung von einem Bleiberecht für 700.000 Kinder illegaler Einwanderer abhängig zu machen. Der dadurch provozierte Regierungsstillstand erwies sich als PR-Desaster für die Oppositionspartei, die nach drei Tagen einknicken musste. Deshalb verzichteten die Demokraten bei der anschließenden Kompromisssuche auf eine erneute Koppelung der beiden Vorhaben.

Zwischendurch griff die Katholikin zur Bibel

Also entschied sich Pelosi zu einer One-Woman-Show: Mit bewegter Stimme begann sie, Briefe der von Abschiebung bedrohten Einwanderer vorzulesen. Es wurde Mittag. Die Abgeordnetenbänke hinter der Fraktionschefin leerten und füllten sich wieder. Handys klingelten. Jemand bekam einen Hustenanfall. Pelosi stand immer noch am Pult.

„Das ist so wunderbar“, kommentierte sie die Berichte der Migranten von ihrem Leben in den USA. Zwischendurch griff die Katholikin zur Bibel und las das Gleichnis von den zehn Jungfrauen aus dem Matthäus-Evangelium vor. Die Sonne ging unter. Und schließlich, um 18.09 Uhr, kam Pelosi zum Ende.

Anders als im US-Senat, wo sogenannte Filibuster-Reden zur Verzögerung von Abstimmungen üblich sind, arbeitet das Repräsentantenhaus normalerweise ruhig und effizient.

So schaffte es die Fraktionschefin spielend, den Rekord für die längste Rede seit 1909 aufzustellen. Ob sie ihr politisches Ziel erreichte, die Republikaner in der Einwanderungsfrage umzustimmen, erscheint hingegen fraglich. Vielen von ihnen gilt die Multi-Millionärin, die einen Weinberg im Napa Valley und Bürogebäude in San Francisco besitzt, als Inbegriff der elitären West- und Ostküstendemokraten. Selbst einige Migranten-Aktivisten kritisierten den Marathonvortrag als „Theater“, das die politische Niederlage kaschieren sollte.

Tatsächlich dürfte der Auftritt auch als Ansage an die eigenen Reihen gedacht gewesen sein. Dort drängen jüngere Abgeordnete seit längerem auf eine Ablösung der unnahbaren Machtpolitikerin, die dank reicher Parteispender im Freundeskreis die Geschicke der Fraktion seit elf Jahren dominiert. Mit dem Hashtag #GoNancyGo feuerten sie hingegen ihre Anhänger während der Rede an. „Das ist sehr bewegend“, antwortete Pelosi. Aber tatsächlich gehe es doch nur um die Migranten.

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