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„Acht Milliarden Menschen sind acht Milliarden Chancen“

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Von: Jakob Maurer

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Je stärker die Bevölkerung wächst, desto schwieriger wird es, Schulbildung zu bieten.
Je stärker die Bevölkerung wächst, desto schwieriger wird es, Schulbildung zu bieten. © Imago images/Hans Lucas

Bevölkerungsforscherin Catherina Hinz über den neuen Rekord, Deutschlands Rolle und die zu erwartende Trendumkehr.

Frau Hinz, auf der Welt leben laut UN-Berechnungen acht Milliarden Menschen. Ist das ein Grund zur Freude oder etwas, das nachdenklich stimmt?

Das ist zunächst einmal eine gute Nachricht. Es ist gelungen, die Lebenserwartung zu steigern, und die Kinderzahlen sind weltweit zur Hälfte zurückgegangen. So hat sich auch die Wachstumsrate der Weltbevölkerung halbiert. Dass wir heute acht Milliarden sind, das zeigt den Fortschritt der letzten Jahrzehnte. Acht Milliarden Menschen sind acht Milliarden Chancen.

Und gibt es auch eine weniger gute Nachricht?

Länder mit hohem Bevölkerungswachstum stehen weiter vor großen Herausforderungen. Ein Mehr an Menschen bedeutet auch, dass diese Menschen versorgt werden müssen mit Nahrung, Trinkwasser und Wohnraum. Gerade in ärmeren Ländern ist das jetzt schon schwierig. Bei einer Verdopplung der Bevölkerung, so wie sie etwa bis 2050 für Subsahara-Afrika prognostiziert wird, müsste selbst eine Industrienation wie Deutschland kapitulieren.

Neben dem achtmilliardsten Menschen ist die Botschaft der UN, dass sich das Weltwachstum weiter verlangsamt – ein Hoffnungszeichen?

Ja, der Anteil der Länder wird größer, in denen die Fertilitätsrate auf das sogenannte Ersatzniveau gesunken ist: Das heißt, dass die Geburtenzahlen auf knapp mehr als zwei Kinder pro Frau sinken. Eine Generation findet sich dann zahlenmäßig in der nächsten wieder und die Bevölkerung stabilisiert sich nach und nach. Laut UN leben inzwischen zwei Drittel der Menschheit in Ländern, wo dies der Fall ist. Wenn wir aber auf die Welt als Ganzes blicken, sehen wir ein diverses Bild.

Inwiefern?

Zum einen gibt es Länder, in denen die Bevölkerung weiterhin stark wächst, vor allem in Subsahara-Afrika. Auf der anderen Seite stehen Länder, die schon stark im demografischen Wandel fortgeschritten sind und mit der Alterung sowie einem Schrumpfen der Bevölkerung konfrontiert sind …

… wie etwa Deutschland.

Ja, hier nimmt der Druck auf die Renten- und Sozialsysteme zu, in ländlichen Regionen wird die Versorgung der Menschen schwieriger, was etwa am Leerstand konkret sichtbar ist. Dazu kommt der Fachkräftemangel. Länder wie Deutschland werden ohne Zuwanderung ihre Bevölkerung nicht stabil halten können. Der demografische Wandel ist unumkehrbar.

Catherina Hinz. Bild: Berlin Institut
Catherina Hinz. Bild: Berlin Institut © Berlin Institut

Zugleich wird die Erde von den Menschen immer mehr versiegelt und ihre Ressourcen aufgebraucht. Ist der heutige Stichtag auch als Warnsignal zu verstehen?

Wir haben die wachsende Weltbevölkerung in der Vergangenheit oft mit solchen Fragen verknüpft: Reicht das Brot für alle? Ist das überhaupt noch nachhaltig? Aber das liegt nicht an der Zahl der Menschen. Das liegt an der Art, wie die Menschen sich verhalten, wie sie leben. Wenn weltweit so viel CO2 emittiert würde wie in den USA, dann bräuchten wir fünf Erden. Es ist eine Frage der Nachhaltigkeit, des Verhaltens und auch der Ernährung. Wir könnten acht Milliarden und auch zehn Milliarden Menschen ernähren. Die Herausforderung ist vielmehr, dass wir Möglichkeiten finden, das Wachstum der Weltbevölkerung in Einklang zu bringen mit der nachhaltigen Entwicklung. Das ist die wichtigste Zukunftsfrage für Mensch und Umwelt: Dass wir verbesserte Lebensbedingungen für alle Menschen entkoppeln vom ökologischen Fußabdruck. Dass das auch in Afrika möglich ist, haben wir in einer Studie gezeigt, wo wir das Thema „Leapfrogging“ untersucht haben.

Zur Person

Catherina Hinz , geb. 1965, leitet seit 2019 das Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung und untersucht dort Lösungsansätze für demografische und entwicklungspolitische Probleme. Zuvor arbeitete sie für die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ). FR

Was steckt dahinter?

Wir haben uns angeschaut, was große Sprünge in den Bereichen Gesundheit, Bildung und Ernährung bewirken können. Große Sprünge oder „Leapfrogging“ (deutsch: Bockspringen, d. Red.) bedeuten, dass die Länder nicht-nachhaltige Zwischenstufen überspringen und etwa in der Landwirtschaft gleich zu einer ökologischen, klimaresistenten Form kommen. Afrika braucht sozusagen eine „grünere“ Revolution.

Ihr Institut untersucht die demografischen Transformationsprozesse auf dem Kontinent genau. Viele Länder sind gefangen in einem Teufelskreis: Je stärker die Bevölkerung wächst, desto schwieriger wird es, den Menschen Jobs, Schulbildung und eine ärztliche Grundversorgung zu bieten, was langfristig wieder Einfluss auf die Bevölkerungsentwicklung nimmt. Können Sie ein Beispiel nennen, wie konkret geholfen werden kann?

Es braucht Investitionen in Gesundheit, Familienplanung und die Frauen müssen gefördert werden. In einigen Ländern wirkt das bereits, wie unsere Forschung zeigt. In Äthiopien ist es beispielsweise gelungen, eine flächendeckende Gesundheitsversorgung aufzubauen mit 40 000 Gesundheitsarbeiterinnen. Mit diesen Gemeindehelferinnen wurde die Basisgesundheit und Familienplanung gestärkt. Dadurch ist in nur 30 Jahren die Fertilitätsrate von sieben auf rund vier gesunken.

Prognose der Weltbevölkerung
Prognose der Weltbevölkerung © FR

Sind das Prozesse, die von außen angestoßen werden müssen oder brauchen sie schlichtweg Zeit?

Viele Länder wie Niger haben bereits bei der Bundesregierung angeklopft und gesagt: Wir brauchen Unterstützung. Und viele Programme der deutschen Entwicklungszusammenarbeit zielen ja genau darauf ab. Diese Investitionen sind nicht nur für den Einzelnen eine Chance, sondern sie sind auch ein Menschenrecht. Und man muss jetzt investieren, denn die Jugendgeneration in diesen Ländern ist größer denn je.

Wie schätzen Sie Hilfe ein, die Deutschland leistet?

Es wurde sicher viel getan, aber es reicht nicht aus. Das kann auch Deutschland nicht alleine machen, andere Geber und natürlich auch die Länder selbst sind genauso gefragt. In einer Studie haben wir gezeigt, dass soziale Sicherung als Beschleuniger wirken kann: Wenn es etwa wie in Ruanda gelingt, eine Krankenversicherung aufzubauen, die 95 Prozent der Bevölkerung abdeckt, führt das dazu, dass dort die Kindersterblichkeit sinkt. Wir müssen diese Länder noch mehr unterstützen. Deutschland könnte hier ein Vorreiter sein.

Die UN-Prognosen sagen: 2050 sind es fast 10 Milliarden Menschen, von 2090 an bei knapp 10,5 Milliarden sinkt der Wert aber. Warum steht die Weltbevölkerung vor diesem Maximum?

Bis 2050 ist die Prognose relativ sicher, aber alles was danach kommt, das ist schwer vorauszuberechnen. Die Vereinten Nationen ermitteln alle zwei Jahre, wie sich die Weltbevölkerung entwickeln wird. Dafür sind drei Variablen relevant: die Sterblichkeit, die Fertilität und die Migration. Vor allem die Fertilität steht hier im Fokus. Bei der letzten Projektion von 2019 lag das Maximum bei 11 Milliarden, da ist also immer Bewegung drin.

Interview: Jakob Maurer

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