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Das Weiße Haus ist Symbol eines zerrütteten Landes.

Editorial: US Wahl 2020

Ach, Amerika!

  • Thomas Kaspar
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Es ist zu einfach, die Sicht auf die USA auf deren Präsidenten zu verkürzen. Das Editorial von Chefredakteur Thomas Kaspar zum Start der FR-Serie zur USA-Wahl

Es ist verlockend, die USA auf einen Präsidenten zu verkürzen, der die Welt überschüttet mit Tausenden Tastenabdrücken in sozialen Netzwerken, verletzenden Falschnachrichten und einem Stakkato an Beschimpfungen seiner Gegner. Doch es ist einfach zu einfach, die Sicht auf die USA einem einzigen Mann zu überlassen. So wie es eine Schweigespirale gibt, existiert auch eine Schreispirale. In der Stille wie im Lärm bleibt das Wesentliche oft im Verborgenen und ungesagt. Es ist an der Zeit, innezuhalten und auf die Ursachen und Zusammenhänge dahinter zu blicken. Das gelingt, indem man seine eigenen Werte überprüft und an ihnen sich selbst und den anderen misst.

Wie steht es um die Demokratie, die Gerechtigkeit, den sozialen Ausgleich, den Frieden? Wer dies auf Donald Trump anwendet, landet schrittweise erst bei den USA, dann bei internationalen Beziehungen und schließlich bei den großen weltweiten Veränderungen, die auch uns betreffen. Das ist der Kern unserer Serie. Deswegen schauen wir neben großen Analysen immer auch auf eine andere Seite von den USA und halten vielfältige Sichtweisen in ungewöhnlichen Porträts fest.

Drei Phasen US-Geschichte: Kolonialisierung, Supermacht und Übergang

Als die Europäer Anfang des 17. Jahrhunderts in Amerika ankamen, fanden sie an der Ostküste fruchtbaren Boden und natürliche Häfen vor. Die 13 ursprünglichen Kolonien zwischen Atlantik und Appalachen, von Massachusetts im Norden und Georgia im Süden, erkämpften sich die Unabhängigkeit, deren Leitgedanken sie 1776 in einer bahnbrechenden Erklärung niederschrieben. Amerika schaffte es schrittweise, diese Idee von Freiheit und Gleichheit über die Länder des Mississippideltas bis in den Westen auszuweiten, schließlich Florida, Texas und Alaska zu einem Bund von 50 Staaten zusammenzuschmieden. Diese Länder haben sich zu einer Nation zusammengeschlossen, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts nach außen trat und ein Jahrhundert wirtschaftlich, militärisch und mit einer klaren Vorstellung einer Art von Demokratie die Geschicke der Welt prägte.

Wenn wir heute auf die Vereinigten Staaten im Übergang blicken, lernen wir eine Menge über die Veränderungen des 21. Jahrhunderts insgesamt, die auch wir bewältigen müssen: ein neues internationales Machtgefüge mit China, der Kampf um Rohstoffe in der Zeit der Klimakrise. Und wir schauen auf Narrative wie „Nation“, die angeblich ein Land zusammenhalten, und finden unaufgearbeitete soziale Fragen wie Geschlechtergerechtigkeit, Rassismus und ungeklärte Integration weltweiter Fluchtbewegungen. Und schließlich: Ist das, was wir im Kampf um die Wahl erleben – bis hin zur Drohung von Ausschreitungen auf der Straße – ein Vorbote einer fundamentalen Änderung unserer Vorstellung von Demokratie?

Wenn wir also fragen, ob die USA noch zu retten sind, stellen wir damit auch die Frage, welche Auswirkungen das auf die Welt und auf Deutschland hat. Und wir setzen ein großes Fragezeichen, was wir eigentlich retten wollen und warum. Es ist an der Zeit, Antworten zu finden.

Sind die USA noch zu retten - die große FR-Serie

UNRECHT Ein Präsident, dem jedes Mittel recht ist: Doch das System Trump greift tiefer. Lesen Sie: Polarisierung ohne Ende.

SPALTUNG Ein Land, das zu zerfallen droht: Schauspieler Hannes Jaenicke über „seine“ USA. Lesen Sie dazu das Interwiew mit Hannes Jaenicke: „Zwei Gruppen und nichts dazwischen“

AUFBRUCH Ein Grund, der Hoffnung macht: Die US-Gesellschaft hat die Kraft, sich zu befrieden. Lesen Sie die Liebeserklärung unseres Korrespondenten: „Ein wunderbar unfertiges Land“

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