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Abzug aus Cherson: Nur einen Monat russisch

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Von: Stefan Scholl

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Trübe Aussichten für Moskau: Ein zerstörtes russisches Militärfahrzeug beim zurückeroberten Dorf Jampil.
Trübe Aussichten für Moskau: Ein zerstörtes russisches Militärfahrzeug beim zurückeroberten Dorf Jampil. © dpa

Moskaus Truppen ziehen aus der ukrainischen Gebietshauptstadt Cherson ab. In Kiew traut man dem Rückzug nicht. In Russland kippt die Stimmung immer mehr.

Überraschend kam der Rückzugsbefehl nicht. Schon am Montag berichtete das Portal meduza.io, der Kreml habe Rundschreiben an seine Propagandist:innen verschickt, wie der Öffentlichkeit die Aufgabe der Stadt Cherson zu verkaufen sei. Möglicherweise ging der Text auch an General Sergei Surowikin, den Kommandeur der russischen Streitmacht in der Ukraine. Der verkündete Verteidigungsminister Sergei Schoigu am Mittwoch in einem Lagebericht erstaunliche Abwehrerfolge im Raum Cherson, der Feind habe seit August über 9500 Mann verloren, sieben- bis achtmal so viel wie die eigene Armee. Diese Behauptung sollte einfache Russ:innen offenbar über den bevorstehenden Verlust von Cherson hinwegtrösten.

Am Ende der Lagebesprechung befahl Schoigu Surowikin, alle Truppen aus dem Brückenkopf um die Stadt Cherson am rechten Ufer des Dnjeprs abzuziehen. Damit verliert Russland die einzige ukrainische Gebietshauptstadt, die es in der Ukraine einnehmen konnte. Kremlchef Wladimir Putin hatte die Region Cherson erst vor gut einem Monat feierlich zu russischem Staatsgebiet erklärt. „Unglaublich ärgerlich“, kommentiert der Telegram-Blogger Dmitri Michailin. „Die Aufgabe Chersons ist die größte geopolitische Niederlage Russlands seit dem Zerfall der UdSSR“, schreibt der kremlnahe Politologe Sergei Markow auf Facebook.

Rückzug russischer Truppen aus Cherson: „Militärisch nur logisch“

Viele Fachleute betrachten den Rückzug der 20 000 bis 30 000 russischen Soldaten aus dem Chersoner Brückenkopf dagegen als längst überfällige Notwendigkeit. „Militärisch ist es nur logisch“, sagt der Kiewer Sicherheitsexperte Oleksi Melnyk, „eine schmachvolle Einkesselung und die Vernichtung der eigenen Truppen zu verhindern.“ Seit Juli beschießt die ukrainische Artillerie die Dnjeprbrücken systematisch und hat sie unbrauchbar gemacht. Für Moskaus Truppen wird es immer schwerer, Nachschub über den Fluss zu bringen.

In Russland reden Militärs jetzt von einer Frontverkürzung, sie mache Streitkräfte für die Kämpfe an anderen Frontabschnitten frei. Allerdings gilt das genauso für die Ukrainer. Und mit der Aufgabe des Brückenkopfs schwinden die Chancen Moskaus, auf Odessa vorzustoßen.

Kiew befürchtet List bei russischem Rückzug aus Cherson

Doch in Kiew warnt man vor Listen: „Das russische Kommando bereitet unangenehme Überraschungen vor, lässt Brücken sprengen und Minen legen, besonders in der Stadt selbst“, sagt Oleksi Melnyk. Aber um die Ukrainer in eine Falle zu locken und dann einzukesseln, seien die Moskaus angeschlagene Kräfte bei Cherson nicht mehr in der Lage.

Der Moskauer Militärexperte Viktor Litowkin glaubt, ein Großteil der russischen Gruppierung habe den Dnjepr schon überquert.

Im zurückeroberten Dorf Jampil werden die Menschen von den ukrainischen Truppen mit Lebensmitteln versorgt.
Im zurückeroberten Dorf Jampil werden die Menschen von den ukrainischen Truppen mit Lebensmitteln versorgt. © dpa

Tatsächlich räumten die Russen am Donnerstag mehrere Ortschaften im Umland Chersons, in der Stadt selbst werden ihre Patrouillen rarer. Das US-Institut für Kriegsforschungen schreibt, Hauptziel der Russen in dieser Phase sei es, möglichst viel Soldaten und Technik unbeschadet ans linke Ufer zu bringen. Beim Überqueren des Dnjeprs auf Fähren oder Pontonbrücken drohen neue blutige Verluste durch ukrainischen Artillerie-Beschuss.

Russlands Außenamtssprecherin Maria Sacharowa erklärte am Mittwoch, man sei weiter offen für Verhandlungen, unter Berücksichtigung der aktuellen Realitäten. In Kiew wird vermutet, der Kreml strebe Gespräche und eine Feuerpause an, um Kräfte für eine neue Offensive zu sammeln. Aber es gilt auch als möglich, dass Moskau wirklich hofft, die Ukraine mithilfe der USA an den Verhandlungstisch zu holen und dort die bestehende Frontlinie als neue Grenze festzuschreiben. Der ukrainische Präsidentenberater Michailo Podoljak sagte gestern meduza.io, man werde erst verhandeln, nachdem Russland alle besetzten Gebiete geräumt habe.

Russische Staatsmedien feiern Rückzug aus Cherson und ziehen Parallelen zu Kampf gegen Napoleon

Russlands Medien aber feierten General Surowikin für den Mut zu der „unpopulären“ Entscheidung, das Leben seiner Soldaten und der Zivilbevölkerung zu bewahren. Aus „humanitär-strategischen Motiven“, schrieb die Zeitung „Nesawissimaja Gaseta“. Der Staats-TV-Moderator Wladimir Solowjow und RT-Chefredakteurin Margarita Simonjan verglichen Surowikin mit Marschall Kutusow, der 1812 Moskau aufgab, so die Armee rettete und den Krieg gegen Napoleon gewann.

In einigen Provinzstädten gehen Frauen gegen den überhasteten Fronteinsatz ihrer neu mobilisierten Männer auf die Straße, laut dem Lewada-Meinungsforschungszentrum sank der Anteil der Russinnen und Russen, die für eine Fortsetzung der Kämpfe sind, im Oktober auf 36 Prozent. Das siegreiche Ende, das viele von ihnen herbeisehnen, gerät nach dem Fall von Cherson noch weiter außer Sicht. (Stefan Scholl)

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