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Abwärts im Affärenstrudel

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Von: Stefan Brändle

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Nach Berichten über eine Ohrfeige gegen seine Partnerin trat Adrien Quatennens als Nupes-Koordinator zurück.
Nach Berichten über eine Ohrfeige gegen seine Partnerin trat Adrien Quatennens als Nupes-Koordinator zurück. © AFP

Mehrere Fälle sexueller Gewalt machen Frankreichs Linken zu schaffen – und Parteichef Mélenchon.

Eine Ohrfeige schallt durch die französische Politik. Ihr Urheber ist Adrien Quatennens, die faktische Nummer zwei von „La France insoumise“ (LFI, deutsch: „Unbeugsames Frankreich“). Der 32-jährige Abgeordnete mit dem roten Haarschopf hat am Sonntag eingeräumt, er habe seiner Frau eine gelangt. Das Paar habe sich zerstritten und stecke in einer schwierigen Scheidung. „Inmitten extremer Spannung und gegenseitiger Aggressivität habe ich eine Ohrfeige gegeben“, bekannte Quatennens.

Der Abgeordnete aus Nordfrankreich reagierte auf eine Enthüllung des Wochenmagazins „Le Canard Enchainé“, dem zufolge die Gattin das Geschehene auf dem Polizeiposten protokolliert hatte. Die Staatsanwaltschaft hat Ermittlungen aufgenommen. Quatennens legte seine Funktion als Koordinator des linken Parteienverbunds „Nupes“ nieder. Nupes besteht aus LFI, den Sozialisten, Kommunisten und Grünen, wobei LFI über ihren Vorsitzenden Jean-Luc Mélenchon den Ton angibt.

Mélenchon hält sie im Amt

Für Aufsehen sorgt die Affäre, weil sich die „Unbeugsamen“ mit Feministinnen wie Clémentine Autain mehr als andere Parteien für die Rechte der Frauen einsetzen. Der Fall Quatennens ist der dritte in diesem Jahr: Im Mai hatte sich der LFI-Kandidat Taha Bouhafs aus dem Wahlkampf zurückgezogen. Er begründete dies zuerst mit rassistischen Attacken gegen ihn, doch dann musste LFI zugeben, dass gegen Bouhafs „angebliche Fälle sexueller Gewalt“ aktenkundig seien.

Im Juli wurde der LFI-Abgeordnete Eric Coquerel (63) von der bekannten Linksaktivistin Sophie Tissier der sexuellen Belästigung bezichtigt. Gegen Coquerel ermittelt die Justiz nun nicht nur wegen Belästigung, sondern auch wegen sexueller Gewalt. Er selbst spricht von einem „Flirt“. Trotz des Justizverfahrens leitet er weiter den Finanzausschuss der Nationalversammlung, der wichtigsten Parlamentskommission Frankreichs.

Dass Coquerel wie auch Quatennens einen Teil ihrer Parteiämter behalten, obwohl Frauen der eigenen Partei ihren vollständigen Rücktritt verlangen, verdanken sie Mélenchon. Er verteidigte sie und lobte ihre „Würde“. Quatennens, so führte er aus, sei ein Opfer von „polizeilicher Bösartigkeit, medialem Voyeurismus und der sozialen Medien“. Zahlreiche Nupes-Politikerinnen warfen dem LFI- Chef daraufhin vor, er habe „kein Wort für das Opfer“ der häuslichen Gewalt durch den Abgeordneten gefunden. Erst danach stellte Mélenchon fest, eine Ohrfeige sei „inakzeptabel.“

Die Zeitung „Le Monde“ kommentierte, eine solche Haltung sei „untragbar für eine politische Familie, die sich an der Spitze der Verteidigung der Frauenrechte wähnt“. Ein LFI-Vertreter äußerte anonym, das Verhalten der Parteispitze sei „katastrophal“. Quatennens galt als möglicher Nachfolger Mélenchons, der seinen Rückzug ins Aussicht gestellt hat. In den Präsidentschafts- und Parlamentswahlen im Frühjahr war der 71-jährige LFI-Chef die prägende Figur der Linken. Die diversen Affären schwächen seine Partei, die gerade begonnen hatte, gegen die Sozialreformen von Präsident Emmanuel Macron zu mobilisieren.

Am Dienstag nun haben Frauenrechtlerinnen in Paris zwei neue Fälle öffentlich gemacht. Der von den Grünen und Kommunisten zur LFI gekommene Thomas Portes soll Frauen mit SMS sexuell belästigt haben. Und Grünen-Chef Julien Bayou – einer der Architekten der Nupes-Allianz – wird vorgeworfen, er habe seiner früheren Partnerin so schwer zugesetzt, dass sie einen Selbstmordversuch unternommen habe.

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