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Abtreibung: Hilfe für Frauen in Notlagen ist in Deutschland lückenhaft

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Von: Tatjana Coerschulte

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Die Abschaffung von Paragraf 219a war in Deutschland nur ein Schritt für eine zeitgemäße Abtreibungspolitik. In vielen Regionen sind die Wege noch weit.
Die Abschaffung von Paragraf 219a war in Deutschland nur ein Schritt für eine zeitgemäße Abtreibungspolitik. In vielen Regionen sind die Wege noch weit. (Symbolfoto) © Boris Roessler/dpa

Das deutsche Gesetz schreibt genügend Einrichtungen für Schwangerschaftsabbrüche vor – dennoch sind die Wege weit.

Frankfurt – Die Hilfe ist ungleich verteilt: Eine Frau, die in Deutschland eine Schwangerschaft abbrechen lassen will, hat es deutlich leichter, wenn sie in einem Ballungsraum wie dem Rhein-Main-Gebiet oder in Berlin lebt als in einer ländlichen und womöglich katholisch geprägten Region. Das geht aus einer Umfrage des Rechercheverbunds Correctiv.Lokal und der Transparenzinitiative „Frag den Staat“ unter den bundesweit 309 Krankenhäusern in öffentlicher Trägerschaft mit gynäkologischer Abteilung hervor.

Von den Kliniken, die die Anfrage beantworteten, nehmen nur 60 Prozent überhaupt Abtreibungen vor. Auch dabei zeigen sich regionale Unterschiede: Laut „Frag den Staat“ gaben in Berlin, Hamburg und Bremen alle öffentlichen Kliniken mit Gynäkologie an, den Eingriff anzubieten, in Nordrhein-Westfalen lediglich zwei Drittel und in Bayern nur die Hälfte jener Kliniken, welche auf die Anfrage reagierten.

Schwangerschaftabbruch in Deutschland: Paragraph 218 schreibt Beratung vor

Unterschiede zeigen sich auch beim Umgang mit der Voraussetzung, nach der in Deutschland Abtreibungen straffrei möglich sind. Nach Paragraf 218 muss dafür eine medizinische Notwendigkeit gegeben sein oder eine kriminologische, zum Beispiel nach einer Vergewaltigung. Die vor gut 50 Jahren in das Gesetz eingefügte Beratungsindikation ermöglicht einer Frau außerdem, innerhalb der ersten drei Monate eine Schwangerschaft auf eigenen Wunsch abzubrechen. Dafür muss sie sich nachweislich beraten lassen und bestimmte Fristen einhalten.

Nach der Beratungsindikation wurden im Jahr 2021 laut Statistischem Bundesamt rund 95 Prozent der Abtreibungen in Deutschland vorgenommen - aber nur etwa 40 Prozent der öffentlichen Kliniken mit Gynäkologie erkennt die Beratungsindikation an. Vom Gesetz gedeckt ist eine solche Eigenmächtigkeit nicht: Das Schwangerschaftskonfliktgesetz schreibt vor, dass die Bundesländer ambulante und stationäre Angebote für einen Schwangerschaftsabbruch sicherstellen müssen - und Kliniken in öffentlicher Trägerschaft sind Teil der staatlichen Gesundheitsversorgung.

Schwangerschaftsabbrüche

Die Zahl der Schwangerschaftsabbrüche ist in Deutschland kontinuierlich gesunken. Laut Statistischem Bundesamt wurden im Jahr 2000 rund 135.000 Abtreibungen registriert, im Jahr 2021 waren es 94.596. Für das letzte Vor-Corona-Jahr 2019 gibt die Statistik 100.893 Abtreibungen an.

Gleich geblieben ist der Statistik zufolge über die Jahre, dass die meisten Schwangerschaftsabbrüche nach der Beratungsindikation vorgenommen werden. Bei den rund 95.000 Abbrüchen im vergangenen Jahr lag für 3903 eine medizinische Indikation vor, für 50 eine kriminologische – die restlichen über 90.000 wurden nach einer Pflichtberatung ausgeführt. Die 50 kriminologischen Indikationen sind ein Höchststand (2019: 17; 2012: 27). Ansonsten sind die Anteile der Indikationen in den vergangenen zehn Jahren konstant geblieben.

Nach der zwölften Woche können Schwangerschaften abgebrochen werden, wenn eine medizinische Indikation vorliegt. Gestiegen ist die Zahl der Schwangerschaften, die nach dem fünften Monat (ab 22. Woche) unterbrochen wurden: Im Jahr 2012 traf das auf 447 von 107.000 Eingriffen zu – im vergangenen Jahr auf 728 von 95.000.

Bereits ein oder zwei Kinder hatten 42.000 von den insgesamt rund 95.000 Frauen, bei denen im vergangenen Jahr ein Abbruch vorgenommen wurde. Mehr als jede dritte Betroffene hatte keine Kinder. Rund 13.000 Frauen hatten zum Zeitpunkt der ungewollten Schwangerschaft mindestens drei Kinder, davon rund 1500 fünf oder mehr. coe

Abtreibungen in Deutschland: „Werbeverbot“ seit kurzem gestrichen

Die Zahl der Einrichtungen, die Abtreibungen vornehmen, hat sich in den vergangenen 20 Jahren halbiert: Für das Jahr 2003 gibt das Statistische Bundesamt rund 2000 solcher Einrichtungen an, aktuell sind es etwa 1000 – wobei diese Zahl monatlich schwanken kann, weil Ärztinnen und Ärzte in den Ruhestand gehen und der oder die Nachfolger:in den Eingriff nicht anbietet.

Die Umfrage von Correctiv.Lokal und „Frag den Staat“ zeigt überdies, wie mühsam es ist, einen Überblick zu erhalten, wo in Deutschland wer Schwangerschaftsabbrüche vornimmt. Die Bundesärztekammer führt zwar ein Verzeichnis mit Mediziner:innen, Kliniken und Einrichtungen, welche Abtreibungen ausführen. Diese Liste umfasse aktuell 369 Adressen, teilte die Ärztekammer am Freitag mit. Sie basiert auf freiwilligen Angaben – Fachleute vermuten, dass sich zuletzt etliche Mediziner:innen zu dem Eingriff nicht mehr öffentlich bekannten, um nicht von radikalen Abtreibungsgegner:innen auf Grundlage von Paragraf 219a angezeigt zu werden. Diesen Paragrafen, das „Werbeverbot“, hat die Ampel-Regierung gestrichen; er gilt seit vergangenem Juli nicht mehr.

Frauen in Not: Für Schwangerschaftsabbrüche sind oft weite Wege nötig

Die Liste der Ärztekammer ist auch die Grundlage einer Adressendatei, welche die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung auf ihrer Internetseite zur Verfügung stellt. Daraus geht hervor, dass Frauen in manchen Regionen weite Wege zurücklegen müssen, wenn sie eine Schwangerschaft beenden wollen: Sie gibt aktuell für ganz Bayern sechs Adressen an, davon vier in München. Im mit rund 18 Millionen Einwohner:innen bevölkerungsreichsten Bundesland Nordrhein-Westfalen finden Frauen zwar 45 Anlaufstellen. Davon befinden sich aber sechs allein in Düsseldorf und vier in Köln, während für das 4500 Quadratkilometer große Sauerland nur eine einzige Adresse in Olsberg angegeben ist. (Tatjana Coerschulte)

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