Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Friedrich Deininger in Afghanistan.
+
Friedrich Deininger in Afghanistan.

Tod in Afghanistan

Der Absturz

Bei einem Hubschrauber-Absturz in Afghanistan kommt Hauptmann Deininger ums Leben. Es ist kurz vor Weihnachten. Es ist eine Tragödie. "Es war Schicksal", sagt seine Witwe. Von Sebastian Gehrmann

Von SEBASTIAN GEHRMANN

Der Fernseher läuft, die Nachrichten melden: ein Zwischenfall in Kabul, ein Hubschrauber der Bundeswehr abgestürzt. Es hat Tote gegeben, sagt der Sprecher, es könnte ein technischer Defekt gewesen sein oder ein Anschlag. Doris Schick-Deininger sieht nicht hin, hört kaum zu. Sie hat Besuch, sie hat andere Dinge im Kopf, sie hat doch "nicht im Traum" daran gedacht, dass ihrem Mann "so etwas passiert".

Hauptmann Deininger, 53, war Soldat mit Leib und Seele, ein beliebter, erfahrener Pilot - Balkan, Irak, Oderflut. Er hat sich "nie gedrückt", sagt sie, ihr nie das Gefühl gegeben, "dass er nicht heimkehren könnte". Einmal, fast beiläufig habe er von einem Einsatz im Kosovo erzählt, sein Konvoi wurde beschossen. "Ich war wohl zu blauäugig", sagt sie.

Irgendwann an jenem Tag rufen besorgte Freunde an. Sie kann nichts sagen. Irgendwann ruft sie besorgt in der Kaserne an. Sie dürfen nichts sagen. Irgendwann stehen sie vor ihrer Tür und sagen es ihr: Ein Pfarrer, ein junger Soldat, fix und fertig, den sie wegschicken will, bis sie erfährt, "dass das Friedrichs Vorgesetzter war" und ein Pilot, befreundet mit ihrem Mann. Für ihn war Deininger noch etwas länger in Kabul geblieben, eine Selbstverständlichkeit. Nun wird er sich um die Witwe kümmern, mit Behörden telefonieren und der Versicherung, die Beerdigung organisieren. "Es war gut, dass er da war", sagt sie.

Kabul, im Dezember 2002: Im CH-53, den Deininger sein "Baby" nennt, und der drei Tage vor Weihnachten wie ein Stein vom Himmel fällt, sterben sieben Soldaten. Ein Unfall, wie sich später herausstellt. An den Standorten der Opfer werden Krisenteams gebildet, Psychologen, Militärseelsorger, eine Vertrauensperson für jede Familie. "Sie haben mir alles abgenommen, mich unterstützt", sagt die Witwe. Auf der Fahrt zum Militärflughafen nach Köln, bei der Trauerfeier im Hangar, während der Bundespräsident Johannes Rau sagt: "Wir leisten unseren Beitrag zum Schutz von Frieden und Freiheit. Dieser Beitrag kann schmerzlich sein."

Für diesen "Beitrag" gibt es "kein Handbuch, kein Patentrezept", sagt Hans-Peter Alpert, "wir haben viel aus dem Bauch gemacht". Alpert ist Oberstabsfeldwebel in seiner Kaserne, als am 7. Juni 2003 bei einem Selbstmordattentat auf einen Bus in Kabul vier Soldaten sterben, zwei kennt er persönlich. Alpert wird abgestellt, betreut erst Überlebende, dann organisiert er Treffen für Angehörige, muss sie "überzeugen, zu kommen". Er ist jetzt im Ruhestand, er hält bis heute Kontakt. Das ist ihm wichtig.

Eine Anfrage der Frankfurter Rundschau beantwortet das Bundesministerium für Verteidigung mit einem vierseitigen Brief. Fazit: Jeder Todesfall wird vor Ort, den Bedürfnissen der Betroffenen entsprechend, betreut. Ein dezentrales System. Jede Kaserne verfügt über ein "Netzwerk der Hilfe", aber es gibt keine Vorschrift über Inhalt und Dauer der Fürsorge. Alpert findet, es solle eine "zentrale Stelle im Einsatzführungskommando geben, einen Leitfaden und kompetentes Personal", also: Hilfe für die Kasernen.

Ina Schlotterhose wünscht sich bessere Hilfe für Angehörige. Sie verliert ihren Mann am 26. Juni 2005 in Rustaq, ein Anschlag. Als im Jahr darauf sein Standort geschlossen wird, ist keiner mehr zuständig, sie fühlt sich alleingelassen, hilflos. Jetzt will sie ein privates Netzwerk gründen. Wolfram Schmidt, ein Militärpfarrer, unterstützt sie. Schmidt begleitet Seminare für Hinterbliebene, zuletzt Ende September. Auch Doris Schick-Deininger wird eingeladen, sie fährt nicht hin: "Die Narbe, die mühsam zuwächst, würde aufreißen." Sie verstehe aber, wenn jemand diesen Austausch brauche. Sie hatte auch "Menschen, die mich aufgefangen haben". Mitglieder des Theatervereins zum Beispiel, dessen Vorsitzender ihr Mann war. Ein Jahr nach seinem Tod spielt sie wieder mit in einem Stück.

Ein Jahr danach fliegt Doris Schick-Deiniger nach Kabul, im Oktober 2003. Sie hat das gewollt, "das gebraucht". Der Flug vom Stützpunkt in Termez in die afghanische Hauptstadt, "das war so wichtig, um alles zu verarbeiten". Sie lernt jetzt viele seiner Kameraden kennen, man trifft sich, man verliert sich nach und nach aber wieder aus den Augen. "Die Kaserne war sein Leben. Die Kaserne verändert sich. Auch so konnte ich Abschied nehmen."

Doris Schick-Deininger war immer für diesen Einsatz, auch nach dem Tod ihres Mannes, weil beide "so viele Hoffnungen mit dieser Mission verbunden hatten", weil es "ein humanitärer Einsatz sein sollte". Aber jetzt "herrscht dort ein Kriegszustand". Jetzt hält sie den Einsatz für falsch, solange in Afghanistan Gewalt durch die Religion legitimiert wird, es keinen Sinneswandel gibt.

Sie verfolgt die Bundestagsdebatte über das Bundeswehrmandat für Afghanistan, sie denkt: "Was kann ich machen, wenn die machen, was sie wollen." Sie verfolgt die Debatte um das Ehrenmal, das im Verteidigungsministerium stehen soll. "Menschen sind im Dienst für ihr Land gestorben. Man sollte ihrer an einem öffentlichen Platz gedenken. Mitten im Leben.Welcher Berlin-Besucher würde denn auf den Hof vom Ministerium gehen?"

Doris Schick-Deininger gibt niemandem die Schuld am Tod ihres Mannes. Es war ein Unfall, kein Anschlag. Das hilft ihr, denn ein Unfall hätte überall passieren können. Am Ende des Gesprächs sagt sie: "Es war Schicksal."

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare