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Abschied von einer Epoche

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Von: Stefan Scholl

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Menschen trauern während der Beerdigung des ehemaligen sowjetischen Präsidenten Gorbatschow auf dem Nowodewitschi-Friedhof.
Menschen trauern während der Beerdigung des ehemaligen sowjetischen Präsidenten Gorbatschow auf dem Nowodewitschi-Friedhof. © dpa

Tausende erwiesen Michail Gorbatschow in Moskau die letzte Ehre, Putin war verhindert.

Das Ende der Schlange auf dem Moskauer Theaterplatz ist etwa 150 Meter lang, es stehen viele junge Leute darin, fast alle halten rote Nelken oder Rosen in der Hand. „Wir sind ihm dankbar, dass er uns die Tür zu einer Welt der Möglichkeiten eröffnet hat“, sagt Oksana (51), eine zierliche Frau mit Kurzhaarfrisur. „Er hat uns alle erstaunt, er war menschlicher als alle Beamten, in ihm war viel Liebe. Und das Wichtigste, er wollte Frieden.“

Am Samstag verabschiedete sich Moskau von Michail Gorbatschow. Nach einer Trauerzeremonie im Kolonnensaal des Gewerkschaftshauses im Stadtzentrum wurde er auf dem Neujungfrauenfriedhof beigesetzt. Der letzte Generalsekretär der Sowjetunion war am Dienstagabend im Alter von 91 Jahren in einem Moskauer Krankenhaus gestorben. Tausende zollten dem im eigenen Land grandios gescheiterten Reformer, der aber Osteuropa befreit hatte, den letzten Respekt. Und für einen Großteil von ihnen war es auch eine politische Kundgebung. „Das Begräbnis bietet noch einmal einen legalen Anlass, unsere Bürgermeinung zum Ausdruck zu bringen“, so Oksana. „Wir verabschieden uns von einer Epoche.“

Wladimir Putin hatte dem Toten schon am Freitag einen knappen Abschiedsbesuch abgestattet, am Begräbnistag selbst war er „aus Termingründen“ verhindert. Kremlsprecher Dmitri Peskow sprach von einer Beerdigung mit „Elementen eines Staatsbegräbnisses“. Vor dem Kolonnensaal wurde die Menge durch zwei Kontrollpunkte mit Metalldetektoren geteilt und dann durch Durchgänge mit von Polizisten bewachten Eisengittern geschleust. Der aktuelle Friedensnobelpreisträger Dmitri Muratow, Ex-Präsident Dmitri Medwedew, Ex-Premier Sergei Stepaschin, der Altliberale Grigori Jawlinski und die russische Schlagergöttin Alla Pugatschowa kamen, der ungarische Premier Viktor Orbán war der prominenteste Ausländer. Angesichts der aktuellen Reisebeschränkungen nahmen kaum westliche Altpolitiker teil. Immerhin Susanne Massie, frühere Russlandberaterin Ronalds Reagans, war da.

Die Masse der Trauernden sind einfache Moskauerinnen und Moskauer. „Für Gorbatschow war eine Welt, die Frieden lebt, viel wichtiger als die Macht.“ Artjom, ein 25-Jähriger in weißen Turnschuhen und einem schwarzen Anzug, sieht mit seiner Weißgoldkette um den Hals wie ein Dandy der späten Perestroika aus. Aber er ist Geschichtslehrer, kennt die jüngere Vergangenheit seines Landes. „Wenn Gorbatschow den Republiken ihre Unabhängigkeitsbestrebungen verboten hätte, wäre es zu einem großen Blutvergießen gekommen, wie in Jugoslawien.“ Artjom sagt, er sei für Frieden mit der Ukraine.

Im Kolonnensaal stehen wieder reihenweise Polizist:innen, Kremlgardisten und mannshohe Trauerkränze. Das dick geschminkte Gesicht Michail Gorbatschows ragt wie eine Maske aus dem weiß ausgelegten Sarg. „Gehen Sie weiter“, befiehlt ein Athlet, der im schwarzen Anzug davor steht. Die Familie Gorbatschows sitzt einige Meter entfernt, seine Tochter Irina mit einer Schutzmaske sitzt in der Mitte, ihr Mann und ein junges Mädchen halten ihr die Hände. Auf der Pressebühne gegenüber gestikuliert ein deutscher TV-Reporter in die Kamera.

Nach drei Stunden haben im Kolonnensaal 6000 bis 8000 Menschen den Sarg Gorbatschows passiert - zu wenig für eine wirklich kraftvolle demokratische Demonstration in Moskau. Die Polizei nimmt nach Angaben des Bürgerrechtsportals OVD-Info trotzdem fünf Menschen fest; drei, weil sie Antikriegs-Sticker trugen. Als der Leichenwagen mit Gorbatschows Sarg aber das Gebäude verließ, wird auf der Straße geklatscht. „Danke“, ruft jemand.

Auf dem Neujungfrauenfriedhof wartet ein offenes Grab neben der letzten Ruhestätte von Gorbatschows Ehefrau Raissa. Eine sehr prominente Ruhestätte, in der Nachbarschaft sind berühmte sowjetische Weltkriegshelden bestattet, Opersängerinnen und Filmschauspieler, auch der erste russische Präsident Boris Jelzin. Seine Rivalität mit Gorbatschow hatte zum Zusammenbruch der Sowjetunion beigetragen.

Es gibt keine Grabreden bei der Beisetzung, eine Militärkapelle spielt die Nationalhymne, als der Sarg ins Grab hinabgelassen wird. Dann feuert die Ehrenwache in den flaschengrünen Uniformen der Kremlgarde drei Salven ab. Hinterher gibt es Gedränge, weil die Ordnungshüter mehrere Hundert einfache Trauergäste nicht an das Grab heranlassen wollen.

Die Ränder des Asphaltwegs, auf dem Gorbatschow zu seinem Grab getragen wurde, hat man mit Tannengrün geschmückt. „Das soll man nicht tun“, sagt eine junge Moskauerin. „Das bringt Unglück.“ Aber sie weiß nicht zu sagen, wem.

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